Lebenserwartung : Der Risikofaktor Mann

Andreas Höhn arbeitet mit Daten aus Dänemark.
1 von 2

Andreas Höhn arbeitet mit Daten aus Dänemark.

Frauen leben länger – aber warum eigentlich? Ein Forscher vom Rostocker Max-Planck-Institut sucht die Gründe dafür.

svz.de von
11. Juli 2018, 12:00 Uhr

Überall auf der Welt haben Frauen bessere Chancen – zumindest, was ihre statistische Lebenserwartung betrifft. „Früher starben Frauen eher, das zeigen alte Knochen oder Einträge in Kirchenbüchern“, sagt Andreas Höhn vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock. „Aber nachdem die Müttersterblichkeit in den vergangenen Jahrzehnten auch in allen Entwicklungs- und Schwellenländern zurückgegangen ist, leben Frauen überall tendenziell länger.“

Der Demograf erforscht derzeit, welche Gründe es dafür geben könnte: „Es scheint eine Mischung aus Biologie und Verhalten zu sein.“ Allerdings gebe es Unterschiede über die Jahrzehnte und auch von Land zu Land. In Dänemark zum Beispiel haben Männer heute durchschnittlich eine vier Jahre kürzere Lebenserwartung als Frauen, in Russland dagegen sind es elf.

„Alkohol und Rauchen sind in Europa wichtige Punkte“, erklärt Höhn. „So haben Männer um 1900 durch Geschlechterrollen und soziale Normen früher angefangen zu rauchen. Statistisch zeigen sich diese Auswirkungen nach langer Zeit: Erst Mitte des 20. Jahrhunderts ging die Spannweite in den Lebenserwartungen massiv auseinander.“ Außerdem habe früher der Job einen größeren Einfluss gehabt: „Männer, die in Fabriken oder unter Tage arbeiteten, hatten ein höheres Risiko, früh zu sterben. Heute gibt es solche berufsbedingten Unterschiede kaum noch.“

Dagegen spielt das Risikoverhalten von Männern nach wie vor eine Rolle – hier verläuft die Grenze zu den biologischen Gründen ihrer geringeren Lebenserwartung. „Wenn ein Mann in großem Stress mit dem Auto durch die Gegend rast und an einem Baum landet – ist das Verhalten oder Biologie? Das Beispiel zeigt, dass man beides nicht völlig trennen kann“, meint der Wissenschaftler. „Aber das lässt sich nicht in exakte Zahlen packen, man kann sich der Sache nur indirekt annähern.“

Studien mit Nonnen und Mönchen zeigen, dass selbst in Klöstern die Lebenserwartung bei Männern und Frauen nicht gleich ist. „Sie leben unter vergleichbaren Bedingungen, in ruhiger, geschützter Umgebung – dennoch bleibt eine Differenz von zwei bis drei Jahren. Das muss dann wohl die Biologie sein.“ Vermutet wird, dass Hormone, Chromosomen und die Anzahl von Zellen eine Rolle spielen.

Höhn, der auch an der Universität Odense forscht, nutzt für seine Arbeit Daten aus Dänemark. Dort bekommt seit 50 Jahren jeder Bürger eine Personennummer, die ihn durchs ganze Leben begleitet. Damit werden zum Beispiel Umzüge, Ausbildung oder Einkommen, aber auch Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte verknüpft. „Ich persönlich finde das etwas problematisch, aber es gibt uns Forschern eine umfassende Datenbasis“, sagt Höhn. „Natürlich sind die Daten anonymisiert und werden nur unter strengen Richtlinien herausgegeben.“

Er wertet aus, wie sich Menschen nach der Entlassung aus einer Klinik verhalten: Wann und warum wurde jemand eingeliefert, wie lange ist er geblieben, wie verläuft sein Leben weiter? Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Männer ihrer Gesundheit mehr und mehr bewusst werden, dass zumindest dabei der Unterschied zwischen den Geschlechtern kleiner wird, aber nicht völlig verschwindet. Für die Arbeit Daten aus Deutschland zu verwenden, ist nicht möglich, denn es gibt hier keine derart umfassenden Erhebungen.

Mit seinen Ergebnissen möchte Höhn dazu beitragen, dass Menschen länger und gesünder leben. „Es könnte eine Grenze geben, inwieweit sich die Lebenserwartung von Männern und Frauen annähert. Eine absolute Gleichheit wird es wohl nicht geben.“ Andere Studien zeigen, dass Frauen auch unter schwierigen Lebensbedingungen generell besser überleben als Männer.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen