Betreuer im Ehrenamt : Der Retter der Betrogenen

Reinhold Sobottka muss regelmäßig gegenüber dem Gericht nachweisen, wie er seine „Schützlinge“ betreut.
Reinhold Sobottka muss regelmäßig gegenüber dem Gericht nachweisen, wie er seine „Schützlinge“ betreut.

Reinhold Sobottka betreut im Ehrenamt Menschen, die sich nicht mehr allein um ihre Angelegenheiten kümmern können – „eine Lebensschule“, sagt er.

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01. Juni 2015, 08:00 Uhr

Dinge gibt es, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Eine 80-Jährige zum Beispiel, der eine Kapitallebensversicherung mit einem Renditeplan für die nächsten 20 Jahre aufgeschwatzt wurde. Oder eine noch ältere Dame, von deren Konto sich nicht nur mehrere Wettspielgemeinschaften munter bedienten, sondern die bei einer davon sogar eine „exclusive Mitgliedschaft in einem Fitnessclub“ gewonnen hatte – in der Schweiz.

„Sie lebte aber hier in Schwerin im Heim, saß im Rollstuhl, hatte einen Herzschrittmacher und einen künstlichen Darmausgang“, erzählt Reinhold Sobottka. Als er die rechtliche Betreuung der alten Dame übernahm, verschaffte er sich als erstes einen Überblick über ihre finanzielle Lage – und fiel aus einer Ohnmacht in die andere. „Obwohl sie geschäftsunfähig war, hatte sie offenbar eine ganze Reihe von Verträgen abgeschlossen. Sie hatte früher bei der Post gearbeitet und deshalb immer ein Telefon besessen. Auch im Heim wollte sie darauf nicht verzichten – und da schwatzte man ihr ständig etwas auf.“ Er habe dann regelmäßig zurückgebucht, was dubiose Geschäftemacher sich vom Konto der alten Dame einzogen. Parallel dazu änderte er ihre Telefonnummer und sorgte dafür, dass die neue weder in Telefonbüchern noch in anderen Verzeichnissen auftauchte. „Und irgendwann war der Spuk endlich vorbei.“

Seit 2007 kümmert sich Reinhold Sobottka als ehrenamtlicher Betreuer um Menschen, die ihre Alltagsgeschäfte allein nicht mehr bewältigen können und bei denen sich auch kein Angehöriger darum kümmern kann – oder will. „Wer sich nach seinem Renteneintritt nur noch auf Haus und Garten konzentriert, dessen Welt wird klein“, versucht der 73-Jährige zu erklären, weshalb er sich in diesem ungewöhnlichen Ehrenamt engagiert – und nicht nur in diesem. „Wer nichts für die Gesellschaft tut, tut auch nichts für sich selbst“, zitiert Reinhold Sobottka Goethe.

Der gelernte Handelskaufmann arbeitet schon in der DDR bei der Sozialversicherung, nach der Wende dann bei der AOK und schließlich beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. „Dort hatte ich schon regelmäßig Kontakt zur Betreuungsbehörde, beispielsweise, wenn es um freiheitsentziehende Maßnahmen in Pflegeeinrichtungen ging, für deren Qualitätsprüfung ich zuständig war.“ Als sich sein Berufsleben dem Ende zuneigte, sprach ihn jemand aus der Behörde an, ob er sich nicht vorstellen könnte, eine ehrenamtliche Betreuung zu übernehmen. „Im Vorfeld habe ich nicht gewusst, was an so einer Bereuung alles dranhängt“, erinnert er sich. Zwar sei er damals vom Gericht sehr umfangreich eingewiesen worden – aber ohne die Vorkenntnisse aus seinem Berufsleben und ohne die vielen Kontakte, die er in dieser Zeit geknüpft hat, wäre er oftmals nicht weitergekommen, glaubt Reinhold Sobottka. „Ich kenne mich aus in den Sozialgesetzbüchern, ich kann mit Gerichten und Behörden umgehen – aber wie soll das der hochbetagte Partner eines hochbetagten Pflegebedürftigen wuppen?“ Auch habe er zu Hause ein Büro mit allen möglichen Kommunikationsmitteln – Heimbewohner könnten sowas gar nicht vorhalten.

Er frage sich oft, wie das in Zukunft aussehen wird: „Die Leute werden immer älter, aber auch immer einsamer. Gerade auf dem Land gibt es kaum noch Anlaufstellen für sie, sie sind andersrum aber auch nicht mehr mobil. Die Familienstrukturen haben sich verändert – und die Anforderungen an die Generation, die noch arbeitet. Sie kann sich doch oft gar nicht um die betagten Eltern kümmern…“ Auch seine eigenen Kinder arbeiteten und wohnten weit weg, „da kann ich nur hoffen, dass sich später, wenn ich mal nicht mehr so kann, auch jemand um mich kümmert“, sagt Reinhold Sobottka nachdenklich.

„Betreuertätigkeit ist eine Lebensschule“, hat der Schweriner erfahren. Denn: „Kein Fall ist wie der andere.“ So habe er sich einmal mit dem Sohn einer von ihm betreuten Frau auseinandersetzen müssen, der zwar alle Papiere der Mutter hortete, sich aber in keiner Weise um sie kümmerte – obwohl sie nur der Kinder wegen nach Schwerin gezogen war. Für eine schwerst-pflegebedürftige Heimbewohnerin, die das Bett nicht mehr verließ, kämpfte Sobottka mit den Behörden darum, dass sie keinen neuen Ausweis mehr beantragen musste. „Man kann sich von der Ausweispflicht befreien lassen, wenn ein Arzt bestätigt, dass der- oder diejenige nicht mehr am öffentlichen Leben teilnimmt. Ihre behandelnde Ärztin hatte aber geschrieben, sie nehme nicht mehr am ,sozialen Leben‘ teil - das wollte das Amt nicht anerkennen“, erinnert sich Sobottka. Das lange Hin und Her endete erst, als die Ärztin ihr Attest schließlich umformulierte.

Besonders an die Nieren ging Reinhold Sobottka der Fall eines krebskranken Mannes, für den er entscheiden sollte, ob eine bestimmte, hochriskante Operation durchgeführt werden sollte. „So krank er war, so klar im Kopf war er. Und er sagte ganz unmissverständlich: Ich will leben.“ Stundenlang habe er mit Ärzten gesprochen, sich das Für und Wider des Eingriffs erklären lassen, erinnert sich Sobottka. Letztlich war der Allgemeinzustand des Patienten dann aber zu schlecht, um zu operieren. Kurz darauf sei er gestorben.

Doch es gibt auch Erfolgserlebnisse. Ein jüngerer Mann, den Reinhold Sobottka betreute, konnte nach Jahren aus der Betreuung entlassen werden, weil er sein Leben wieder selbst im Griff hatte.

Einmal jährlich muss Sobottka, wie jeder Betreuer, gegenüber dem Gericht nachweisen, wie er das Vermögen seiner „Schützlinge“ verwaltet hat. Außerdem ist ein mehrseitiger Fragebogen auszufüllen, in dem der Betreuer schildert, wie sich die Situation des Betreuten in den zurückliegenden Monaten verändert hat. Die Aufwandsentschädigung für dieses Ehrenamt beträgt 399 Euro pro Jahr – kein Vergleich zu dem, was mancher Berufsbetreuer bekommt.

Gewöhnlich rufe die Betreuungsbehörde ihn an und frage, ob er noch jemanden übernehmen kann, erzählt Reinhold Sobottka. Dabei habe er auch schon Nein gesagt - bei besonders zerrütteten Familienverhältnissen, wo Streit programmiert war. „Es ist auch sehr schwierig, wenn es mehrere Betreuer gibt, ein Kind sich zum Beispiel um die Vermögensfragen kümmert, ich aber in Gesundheitsfragen entscheiden soll. Dabei geht es aber auch um Geld, bei Zuzahlungen oder neuem Zahnersatz – da müsste ich mich aber immer erst abstimmen.“

Momentan betreut der Schweriner zwei Heimbewohnerinnen. Mehr sei zeitlich nicht drin. Denn: „Man kann nicht nur den Verwaltungskram regeln, man muss sich auch mal eine halbe Stunde mit ihnen hinsetzen und reden.“ Und: Man sei auch Helfer in allen möglichen Lebenslagen, erzählt Sobottka schmunzelnd. Wenn das Heim ihn anrufe, kaufe er schon mal Damenkosmetika oder Schlüpfer. „Das gehört auch dazu.“

Eine der beiden Damen steht Sobottka schon seit 2007 zur Seite. „Sie ist mittlerweile über 80 – und um ihr eine Freude zu machen, rede ich Platt mit ihr. Wissen Sie, was Sie neulich gerade zu mir gesagt hat? Se sünd ’n gauden Jung!“

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