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Waschbären : Der Räuber mit der schwarzen Maske

vom
Aus der Onlineredaktion

Waschbären sind überall auf dem Vormarsch – auch in Schweriner Gärten

von
erstellt am 15.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Erwischt. Die Fotofalle schnappte zu, als sich der nächtliche Besucher mit der dunklen Augenmaske gerade aus dem Staub machen wollte und heimlich kopfüber am Baum nach unten kletterte. Den Futterkasten für Eichhörnchen, tagsüber liebevoll von den Gartenbesitzern betreut, hatte der Räuber zuvor komplett leergefressen.

Aufgenommen wurde das Foto im Januar dieses Jahres auf einem Gartengrundstück am Ostorfer See in Schwerin. Kleingärtner Günter Müller, der die Fotofalle aufgestellt hatte, erinnert sich: „Damals passierten monatelang seltsame Dinge im Garten.“ Nacht für Nacht verschwand Obst von den Bäumen und Sträuchern. Dafür lagen am Morgen große Kothaufen auf den Wegen. Morgens fanden die Gärtner außerdem regelmäßig umgestoßene Biotonnen, ausgeschüttetet und durchwühlt.

Mit der Fotofalle kam dann der ultimative Beweis: In Schwerin steppt der Waschbär. Und nicht nur einer. Inzwischen ist ein zweiter Bär in der Anlage abgelichtet worden. Beide Tiere sehen auf den Bildern gut genährt aus, offensichtlich gibt es viel zu futtern in den Gärten am Ostorfer See.

Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Waschbären in Deutschland rasant. Eine halbe Million Tiere sollen es aktuell bereits sein und sie breiten sich immer weiter aus. „In den letzten vier Jahren kam es zu einer Verdoppelung des Lebensraumes in Mecklenburg-Vorpommern“, heißt es aus dem Schweriner Umweltministerium. Die aktuelle Zahl der nachtaktiven Kleinbären wird im Nordosten auf 40  000 Exemplare geschätzt. Bei der Geschwindigkeit, mit der sich der Waschbär ausbreitet, erwartet das Schweriner Umweltministerium, dass bis 2020 nahezu ganz Mecklenburg-Vorpommern von dem Säuger besiedelt ist. Das Ministerium rechnet dann mit 80 000 Tieren.

Die aus Nordamerika stammenden Waschbären leben erst seit etwa 80 Jahren in Deutschland in freier Wildbahn. In den 30er Jahren waren bei Kassel (Hessen) und nördlich von Berlin einige wenige Paare ausgewildert worden. Die Ausbreitung verlief von da an aus diesen beiden Regionen heraus stetig. Abgesehen davon gilt der Waschbär in Zoos und Tiergärten als Ausbrecherkönig. In der Paarungszeit sind die Rüden kaum zu halten und finden als ausgezeichnete Kletterer häufig ihren Weg in die Freiheit.

„Ist dann eine gewisse Population in einem Gebiet vorhanden, nehmen Vermehrung und Ausbreitung immer rasant zu“, erklärt der Jäger und Biologe Dr. Hinrich Zoller vom Institut für Zoologie der Universität Rostock den aktuellen Waschbären-Boom. Zudem haben diese Raubtiere in Deutschland keine natürlichen Feinde – außer den Jägern im Wald und den Autos auf den Straßen. Wurde im gesamten Jahr 2002 in Mecklenburg-Vorpommern nur ein einziger Waschbär erlegt, meldeten im laufenden Jagdjahr allein im Landkreis Ludwigslust-Parchim die Weidmänner 2267 abgeschossene Tiere.

Der Biologe Zoller warnt allerdings vor Panikmache. „Ich habe noch nicht gehört, dass Waschbären irgendwo in Deutschland zu einer Plage geworden sind“, sagt er. Die Tiere werden kaum bemerkt, weil sie tagsüber meistens in Höhlen schlafen.

Frank Michler erforschte über Jahre Waschbären im Müritz-Nationalpark. Geplünderte Obstbäume und ein von der Regenwurm-Suche zerstörter Rasen seien unter Umständen ärgerlich. Aber wirklich große ökonomische Schäden würden nur dann entstehen, wenn die Tiere den Dachboden eines Hauses als Wurfplatz aussuchen, sagt er. Dann würde die Rasselbande dort in acht bis zehn Wochen so ziemlich alles zerstören.

Um ins Haus zu gelangen, werden lose Dachziegel, zersprungene Fenster, Risse im Mauerwerk oder offene Kamine benutzt. „Solche potenziellen Einschlupflöcher müssen gesichert werden“, rät das Institut für Schädlingsbekämpfung in Heilbronn.

Ob die Waschbären, die so ziemlich alles Essbare auf ihrem Speiseplan haben, ein ernsthaftes Problem für seltene Vogelarten darstellen, ist umstritten. Es gibt Beispiele, wo Gelege angegriffen wurden. Untersuchungen von Waschbären-Kot im Müritz-Nationalpark weisen allerdings darauf hin, dass andere Nahrung wie Beeren und Insekten von dem Raubsäuger allgemein bevorzugt wird.

Als Überträger von Tollwut spielen Waschbären bislang keine Rolle. Allerdings können die Tiere Eier von Spulwürmern mit dem Kot ausscheiden, die für Menschen gefährlich sein können. Etwa wenn die Eier beim Essen von schmutzigem Obst in den menschlichen Körper gelangen.

Trotz des aktuellen Waschbär-Booms – Vermehrung und Ausbreitung sind nicht endlos. „Irgendwann ist die Habitatkapazität erreicht“, erklärt der Rostocker Wissenschaftler Zoller. Gemeint sind die natürlichen Grenzen beim Lebensraum und Nahrungsangebot für die Tiere. Doch wann diese Grenzen erreicht sind, ist momentan noch nicht vorhersehbar. „Gerade beim Nahrungsangebot hat der Allesfresser noch viel Luft nach oben“, meint der Biologe.

 

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