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35 Jahre Leckermäulchen : Der Quark des Ostens

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Jürgen Clauß lehnt sich zurück und erzählt: "Ich saß 1974 mit meinem Freund bei Zitronencrémetorte in einer Landbäckerei. Die Torte war so locker, da sagte Salzmann ,Erfinde doch mal so einen Quark".

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erstellt am 17.Mär.2012 | 09:34 Uhr

Jürgen Clauß lehnt sich in seiner Dresdener Wohnung zurück und erzählt: "Ich saß 1974 mit meinem Freund Hardmut Salzmann bei Zitronencrémetorte in einer Landbäckerei. Die Torte war so locker, da sagte Salzmann ,Erfinde doch mal so einen Quark".

Es war die Zeit der Delikat-Läden in der DDR, die Produkte aus dem Westen zu hohen Preisen anboten. Abschöpfung der Kaufkraft bei gleichzeitiger Befriedigung der Bedürfnisse in der Bevölkerung wurde das genannt. Zugleich entwickelten Lebensmitteltechnologen wie Jürgen Clauß hochwertige Produkte, die selbst hergestellt werden konnten. Einen Pfefferkäse hatte Clauß bereits entwickelt.

"Aber einen haltbaren, lockeren Quark herzustellen, war eine ganz andere Herausforderung. Im Labor Sahne unter eine Schüssel Quark zu heben, kein Problem, aber für die Massenproduktion gab es keine Technik", erinnert sich der heute 67-Jährige, der damals am Institut für Milchwirtschaft in Oranienburg tüftelte. Einen Kombinator, den sich Clauß in Ungarn ansehen konnte, hätte die DDR aus der Bundesrepublik importieren müssen. Das Gerät konnte große Mengen Quark erhitzen, um ihn haltbar zu machen und zugleich aufgeschlagene Sahne unterheben. "Da wurde überlegt, Westmark für einen Ostquark auszugeben - und sich dagegen entschieden." So war das im Arbeiter- und Bauernstaat. Man musste sich etwas einfallen lassen.

Inzwischen war das Jahr 1977 angebrochen, das Rezept für zwei Sorten Leckermäulchen mit Vanille- und Zitronengeschmack stand. Nur an der Umsetzung haperte es. Wie sollten hunderte Kilogramm Sahne auf einen Schlag luftig geschlagen werden? Und wie sollte die Sahne in den Quark? Die Lösung bot sich Clauß an einem Fernsehabend: "Da kam ein Bericht über die Eröffnung des Palastes der Republik. Und plötzlich zeigt die Kamera in einer Großaufnahme aus der Palastkonditorei eine Aufschäumanlage für Schlagsahne! Am nächsten Tag war ich dort und schaute mir die Maschine an. Die Leute ließen mich in Ruhe das System erkennen. Die italienische Maschine - die einzige in der DDR - wurde dann für mich nachgebaut", berichtet Clauß. Plötzlich konnten 300 Kilo Sahne pro Stunde geschlagen werden - eine Revolution in der Milchwirtschaft der DDR.

In einer Versuchshalle des Instituts stieß Clauß auf einen Schneckenförderer, ein langes Rohr mit einer rotierenden Schnecke im Inneren, die im schrägen Winkel nach oben aufgestellt, Quark und Sahne mischte und oben das fertige Produkt ausspuckte.

Weil es weder frische Früchte noch Marmelade in ausreichenden Mengen gab, beschränkte sich Clauß auf Zitrone und Vanille. "Aromen und Zucker gab es immer. Die wurden synthetisch hergestellt.

Fehlte nur noch ein Name. Wieder half der Zufall. "Ich war auf Dienstreise in Leutenberg bei Saalfeld und ging abends in eine Kneipe. Nach ein paar Bieren erzählte ich der Kellnerin von meiner Idee und dass mir ein Name fehlte. ,Nennen Sie es doch Leckermäulchen, sagte sie.". Der Quark des Ostens war geboren.

Ein Grafiker, dessen Name Clauß nicht mehr einfallen will, erschuf das bekannte Mädchen mit der Zunge im Mundwinkel. In der Molkerei Leutenberg startete die Produktion, 18 weitere Standorte folgten. Dabei produzierte jede Molkerei nach ihren Bedingungen anders.

Nach der Wende war es erstmal vorbei mit dem Erfolgsquark Leckermäulchen. Die Ostdeutschen wollten vor allem die neuen bunten Produkte.

Helge Löbler, Marketing-Professor an der Universität Leipzig erklärt: "Es gab eine starke West-Dominanz. Zugleich herrschte im Osten ein Minderwertigkeits-Komplex, wonach die Leute sich in größerem Maße nicht auf Augenhöhe mit dem Westen glaubten."

Diese Wirkung erlebte auch Jürgen Clauß, der sich die Urheberrechte am Leckermäulchen nicht schützen ließ. "Ich habe diesem Kind damals keine Chance gegeben", sagt er heute mit Bedauern. Rund 20 Millionen Euro wären die Rechte heute wert. Das Unternehmen Frischli erwirbt die Molkerei in Weißenfels, wo unter Betriebsleiter Dieter Gorzki das Leckermäulchen seit 1978 hergestellt wurde. Auf Gorzkis Betreiben werden auch die Namensrechte geschützt.

Curd Kießler, Frischli-Sprecher in Weißenfels sagt: "In Westdeutschland war Leckermäulchen als Marke für Fischkonserven eingetragen. Wir haben uns mit dem Inhaber auf eine Übernahme der Rechte für Molkereiprodukte geeinigt"

Von einer alleinigen Urheberschaft Clauß will Kießler nicht sprechen. "Geschäumten Quark hat es schon vorher gegeben. Wir erkennen an, dass er in einer Arbeitsgruppe mitgearbeitet hat, die Leckermäulchen erfunden hat, mehr aber nicht."

Nach vermehrten Anfragen von Händlern aus der Region Leipzig, wurde 1995 wieder mit einer größeren Produktion begonnen.

Jürgen Clauß schmerzt die Aberkennung seiner Leistung. "Dass es in einem Institut Leute gibt, die einem helfen, ist doch klar. Da gehört auch der Pförtner dazu. Aber wenn man die Idee hat, die Laborversuche macht, die Überführung in die Produktion und noch den Namen mitbringt, dann kann man davon ausgehen, dass ich es auch erfunden habe. Ich hab sogar meinen Doktortitel auf das Leckermäulchen gemacht".

Clauß lebt heute bescheiden mit seiner zweiten Frau, genießt den Ruhestand, obwohl er kaum Zeit für Ruhe hat. Mehr als 20 witzig aufbereitete Präsentationen zu seinen Reisen auf den Kilimandjaro, zur Erfindung von Nudossi, der Ost-Nutella oder die Geschichte vom Joghurt hat er im Repertoire und tritt damit vor kleinem Publikum auf.

Die verpassten Millionen, die Frischli heute mit jährlich rund 75 Millionen Leckermäulchen-Bechern verdient, ärgern ihn nicht so sehr. "Ich habe jetzt die schönsten Jahre, mit vielen Reisen und einer tollen Frau."

Eine neue Erfindung hat er auch auf Lager - einen Joghurt-Shake. "Vor 21 Jahren habe ich den schon erfunden. Jetzt sieht es so aus, als könnte er doch noch in Produktion gehen", sagt Clauß zuversichtlich.


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