Bruttoinlandsprodukt : Der Osten in der Wachstumsfalle

In einer Wachstumsbranche unterwegs: das Medizintechnik-Unternehmen RoweMed AG in Parchim  Fotos: Schwandt
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In einer Wachstumsbranche unterwegs: das Medizintechnik-Unternehmen RoweMed AG in Parchim Fotos: Schwandt

Noch immer beträgt das Bruttoinlandsprodukt in den neuen Ländern nur 72,5 Prozent des Westwertes. Wissenschaftler attestiert stagnierende Innovationstätigkeit

svz.de von
29. Dezember 2016, 12:00 Uhr

„Viele Firmen im Osten wollen nicht wachsen.“ Wirtschaftsforscher Prof. Joachim Ragnitz‘ provozierende These entzieht sich dem vielstimmigen Bedauern, das den jüngsten Zustandsbericht der Bundesregierung zu Ostdeutschland umwehte. Dieser attestiert dem Landesteil diesseits der Elbe, in der wirtschaftlichen Leistung dem westdeutschen Niveau weiterhin um fast ein Viertel hinterherzuhinken.

Zwar kletterte die ostdeutsche Pro-Kopf-Quote beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit 1991 von 42,8 auf 72,5 Prozent des Westwertes, doch „es gibt seit 15 Jahren im Grunde keinen Aufholprozess der neuen Bundesländer mehr“, so der stellvertretende Leiter der Niederlassung Dresden des Münchner ifo-Instituts. Einen Grund dafür sieht Prof. Ragnitz, der sich mit seiner Expertise zur Ostwirtschaft deutschlandweit einen Namen gemacht hat, in der Selbstbeschränkung der Unternehmen. Auf dem unlängst im brandenburgischen Bad Saarow zum ersten Mal veranstalteten Ostdeutschen Wirtschaftsforum OWF begründete Ragnitz die Enthaltung im Expansionsstreben mit der Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft.

„Die Jahre seit der Wende sind historisch betrachtet einfach zu wenig Zeit für extravagante Entwicklungen.“ Insbesondere fehlt es an „großen finanzstarken und entsprechend produktiven Unternehmen“. Viele der kleinen Firmen sind hochspezialisiert und operieren auf zu „engen Märkten“. Die Exportquote liegt im Durchschnitt bei nur 20 Prozent.


Der Osten braucht Zuwanderung
 

Doch nicht nur die kleinteilige Struktur der ostdeutschen Wirtschaft erschwert es den Unternehmen, aus sich heraus Wachstum zu generieren. Hemmend wirkt sich auch die spezifische demografische Entwicklung im Osten aus. „Es wandern nach wie vor junge und kluge Leute ab“, resümiert Prof. Ragnitz. Eine Ursache sei in den vielfach zu geringen Einkommen zu suchen. Diese „eher unbefriedigende Situation“ verhindere auf der anderen Seite eine höhere Kaufkraft auf dem heimischen Markt. An dieser Situation hat auch die stetig gesunkene Arbeitslosenquote nichts geändert. Seit dem Jahr 2005 hat sich die Zahl der Erwerbslosen zwischen Ostsee und Erzgebirge halbiert.

„Der Osten braucht eine qualifizierte Zuwanderung“, um echte Wachstumschancen, die sich aus innovativen Produkten und neuen Technologien ergeben, auch ergreifen und nutzen zu können. Zusätzlich wird der Mangel an hochqualifizierten Fachkräften durch Defizite in der Schulbildung verstärkt. Mit Schulabbrecher-Quoten von rund zehn Prozent etwa in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern beraubt sich der Osten selbst besserer Entwicklungsperspektiven. Diese sind vor allem in „peripheren Gebieten nicht besonders rosig“, wie es Ragnitz beschreibt.


Neue Chancen durch Digitalisierung
 

Erforderlich ist eine neu ausgerichtete und gezieltere Wirtschaftsförderung. Diese müsse konsequent auf Innovationen und die Verbundforschung von Wirtschaft und Wissenschaft setzen. In Regionen, wo es kein üppiges Angebot an Arbeitskräften mehr gibt, könnten sich beispielsweise durch die Digitalisierung völlig neue Formen und Möglichkeiten zur Wertschöpfung eröffnen. Ragnitz warnte an die Adresse der Politik jedoch davor, am „Ziel der Konvergenz“ festzuhalten. „Manche Regionen werden nicht wirklich aufholen, nicht überall wird Hochtechnologie Einzug halten.“ Vielmehr werde dort „kleinteiligeres Wachstum“ vorherrschen. Hier komme es darauf an, regionale Stärken zu identifizieren, etwa den Tourismus, und diese zu fördern.

Eine Ansicht, die beim alten und neuen Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern Harry Glawe nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt. „Unsere Wirtschaftspolitik zielt auf eine positive Entwicklung in allen Regionen“, betont der CDU-Politiker auch eingedenk der jüngst aufgeflammten Diskussion um die Region Vorpommern, die in wesentlichen ökonomischen Eckdaten wie Arbeitslosenquote, BIP pro Kopf und Industriedichte hinter dem westlichen Landesteil Mecklenburg zurückhängt. „Ziel ist es, Vorpommern neben dem Tourismus noch stärker als Industrie- und Gewerbestandort zu entwickeln. Das verarbeitende Gewerbe, die Gesundheitswirtschaft sowie Forschung und Entwicklung sind wichtige Bereiche, in denen wir unsere Ansiedlungsbemühungen weiter intensivieren“, betont Glawe. Dabei helfen sollen auch höhere Fördersätze, die ab dem neuen Jahr 2017 für den gesamten Landkreis Vorpommern-Greifswald gelten. Sie wurden für kleinere, mittlere und große Unternehmen jeweils um fünf Prozent angehoben.

Die finanzielle Unterstützung sei jedoch nur die eine Seite. Fast mahnend verweist der Minister auf die Folgen einer negativen Wahrnehmung der Region. „Wir müssen aufpassen, den Standort Vorpommern nicht leichtfertig kaputtzureden. Vorpommern bewegt sich, hat sich wirtschaftlich weiterentwickelt.“

Als Beispiel aus jüngerer Vergangenheit führt er den geplanten Bau einer Forschungsstätte des weltweit operierenden Reifenherstellers Continental in Anklam an. Zudem gebe es mit dem Rohrhersteller Deutsche Bogenn GmbH im Mukran Port auf Rügen ein erstes Industrieunternehmen türkischer Investoren im Land.

Auf dem ersten OWF attestierte indes Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel dem Osten, die Wirtschaft dort werde „schon heute durch den demografischen Wandel ausgebremst“. Ohne absehbares Ende der Bremsspur. Bis zum Jahr 2030 könnten die neuen Bundesländer weitere sieben Prozent ihrer Bevölkerung verlieren, dramatisierte Gabriel und hieb in die gleiche Kerbe wie Wirtschaftsforscher Prof. Ragnitz. Um den Aderlass zu kompensieren, bedarf es eines „leistungsfähigen Innovationssystems“, forderte der SPD-Politiker. Die Aufwendungen der ostdeutschen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung müssten deutlich gesteigert werden. Diese betragen derzeit nur knapp ein Prozent des BIP. Gabriel verwies zudem auf eine „große Unwucht“ in der bundesweiten Forschungsstruktur. Mehr als 50 Prozent der maßgeblichen Forschungszentren seien in Süddeutschland verortet. Auf den Norden würden lediglich ein halbes Dutzend entfallen.


„Mehr Lust auf Wachstum machen“
 

Mit Blick auf die überwiegend kleinen und mittleren Firmen im Osten machte er aber auch deutlich, „es gibt kein Patentrezept für stärkeres Wachstum“. Die Unternehmer müssten selbst initiativ werden und sich mit Kreativität und Ideen neue Marktchancen erschließen. Wie dringlich dieser Appell ist, wird durch den aktuellen bundesweiten Trend erhärtet, dass die Innovationstätigkeit der Unternehmen in Deutschland seit Jahren stagniert.

Ein betrübliches Fazit, das die These von Prof. Ragnitz stützt, Ost-Firmen würden vielfach gar nicht wachsen wollen. Für eine Trendumkehr hatte die Bundesbeauftragte für die neuen Bundesländer Iris Gleicke auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum einen verblüffenden Ratschlag parat: Es müsse gelingen, wieder „mehr Lust auf Wachstum zu machen“.

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