Erwin Sellering : Der Ossi-Versteher

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Vom Jungen aus dem Ruhrpott zum Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns – die Karriere des Erwin Sellering

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30. Mai 2017, 17:45 Uhr

Glückwünsche und Händeschütteln. Auf dem Landesparteitag am 15. Mai in Rostock hatten die Genossen Erwin Sellering zum fünften Mal seit 2007 zum SPD-Landesvorsitzenden gewählt. Nur zwei Wochen später der Schock. Der 67-Jährige erklärte gestern seinen Rücktritt von allen Ämtern. Gesundheitliche Gründe würden ihn dazu zwingen. Ärzte hatten bei dem SPD-Politiker in der vergangenen Woche Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Sellering führte das Land seit Oktober 2008 als Ministerpräsident, war vorher Sozialminister und Justizminister. Eine politische Ära geht zu Ende.

Der in Sprockhövel bei Bochum geborene Jurist wuchs im Kohlenpott gemeinsam mit vier Geschwistern auf. Sein Vater arbeitete sich damals vom Hilfsarbeiter bis zum Beamten im Kirchendienst empor. Die Herkunft habe ihn geprägt, sagte Sellering einmal im Gespräch mit unserer Redaktion. „Damals habe ich gelernt, wie wichtig Solidarität und gegenseitige Hilfe sind.“ Er studierte Jura und wurde Richter am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

1994, vier Jahre nach der deutschen Einheit, suchte auch Sellering seine persönliche Wende, nahm seine Frau Antje, die Töchter Flora und Maxi und zog nach Greifswald. Im selben Jahr trat er in die SPD ein.

Als Harald Ringstorff 1998 als Sieger der Landtagswahl das Experiment einer ersten rot-roten Regierung in Deutschland wagte, holte er den Richter vom Greifswalder Verwaltungsgericht in die Staatskanzlei als Abteilungsleiter. Wiederum zwei Jahre später, im September 2000, fragte Ringstorff den Greifswalder bei einer Bootsfahrt auf der Peene, ob er den bis dahin unbesetzten Posten des Justizministers übernehmen würde. Sellering galt als loyal, pragmatisch und politisch unverbraucht.

Für Aufregung sorgte er allerdings 2003 als er als einziger SPD-Justizminister für eine deutliche Ausweitung des genetischen Fingerabdrucks bei der Verbrechensbekämpfung eintrat. Dafür gab es Prügel aus der gesamten Bundespartei.

Strategisch clever schaffte er es 2006, sich mit Ideen zur Sozialpolitik für das Amt als Sozialminister in der großen Koalition zu empfehlen. Als der passionierte Schachspieler im April 2007 zum SPD-Landeschef gewählt wurde, hatte er den vorläufigen Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreicht.

Es ging weiter aufwärts. Nach dem Rücktritt seines Parteifreundes Ringstorff als Ministerpräsident wurde Sellering am 6. Oktober 2008 dessen Nachfolger. Die Entscheidung war in SPD-Kreisen umstritten. Einige Genossen wollten lieber einen Ostdeutschen als Landesvater. „Ich lebe seit 1994 in Mecklenburg-Vorpommern, hier ist meine Heimat, für dieses Land will ich mich einsetzen“, entgegnete er damals.

Der Jurist selbst verstand sich in seiner gesamten Regierungszeit als Anwalt der Ostdeutschen. Rentenangleichung zwischen Ost und West sowie die Angleichung der Löhne durch Tarifbindung waren seine Kernthemen. Aussagen wie „die DDR war kein absoluter Unrechtsstaat“ brachten ihm 2009 viel Kritik aber auch den Ruf eines „Ossi-Verstehers“ ein. Er habe damit die Lebensleistung von Millionen ehemaliger DDR-Bürger würdigen wollen, erklärte Sellering.

Mit ihm zog ein neuer Führungsstil in die Staatskanzlei ein. Sellering war umgänglicher und gesprächsbereiter als sein Vorgänger Ringstorff, meinten selbst Regierungsmitglieder des Koalitionspartners CDU. Auch im Privatleben des neuen Regierungschefs änderte sich viel. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau Antje und dem Umzug von Greifswald nach Schwerin heiratete er im August 2010 seine jetzige Frau Britta. 2014 wurde der gemeinsame Sohn Matti Linnart geboren.

Politisch begann seine erste Amtsperiode holprig. Nur 16,6 Prozent der Stimmen bekam seine SPD in Mecklenburg-Vorpommern bei der Bundestagswahl im September 2009. Eine Katastrophe. Es wurde besser. Bei den Landtagswahlen 2011 holte er als Spitzenkandidat seiner SPD 35,6 Prozent der Wählerstimmen und konnte eine zweite Amtsperiode weiterregieren. Fünf Jahre später bei der Landtagswahl 2016 wiederholte er seinen Erfolg. Die Sozialdemokraten wurden mit 30,6 Prozent erneut Wahlsieger und bildeten wie schon in den beiden Legislaturperioden zuvor eine Koalitionsregierung mit der CDU.

Sellering steht für einen harten Sparkurs und solide Finanzen. Seit 2006 hat Mecklenburg-Vorpommern keine neuen Schulden mehr aufgenommen und seither etwa eine Milliarde Euro von den zehn Milliarden Verbindlichkeiten zurückgezahlt. Geld investierte das Land in seiner Amtszeit in die Entlastung von Familien mit Kinder und in die Bildung. Die Arbeitslosigkeit halbierte sich in den vergangenen zehn Jahren, im Tourismus wurden Rekorde erzielt.

Im Statement zu seinem Rücktritt sagte Sellering gestern, der Ton gegenüber Politikern sei rauer und auch respektloser geworden, er aber habe oft Zuspruch durch die Bevölkerung erfahren, „manchmal ganz zufällig beim Einkaufen oder bei Veranstaltungen“. Das sei ihm immer wieder Unterstützung gewesen, so der scheidende Ministerpräsident. „Dafür vielen Dank, liebe Mecklenburger und Vorpommern.“

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