Der oberste Landwirt sagt ade

Fotoshooting auf dem Traktor: Gerd Sonnleitner Foto: dpa
Fotoshooting auf dem Traktor: Gerd Sonnleitner Foto: dpa

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26. Juni 2012, 07:47 Uhr

Der Deutsche Bauerntag wählt heute im oberbayerischen Fürstenfeldbruck einen neuen Präsidenten. Einziger Kandidat für die Nachfolge des langjährigen Verbandschefs Gerd Sonnleitner ist Joachim Rukwied, Präsident des Landesverbands Baden-Württemberg. Deutschlands bisheriger oberster Landwirt zieht sich endgültig vom Chefposten zurück. Rasmus Buchsteiner sprach mit Gerd Sonnleitner.

Herr Sonnleitner, nach 15 Jahren als Bauernpräsident ziehen Sie sich zurück. Sie traten als Krisenmanager bei Lebensmittelskandalen auf, haben über zahlreiche Agrarreformen in Brüssel verhandelt. Wie schauen Sie jetzt zurück?

Sonnleitner: Ich glaube, dass ich viel für unsere Bauern erreicht habe. Wir sind in den letzten zwei Jahrzehnten einen weiten Weg gegangen, von der staatlich garantierten Preis- und Abnahmegarantie hin zu echtem Wettbewerb. Das war die große Herausforderung. Mich hat immer geärgert, wenn gegen unsere Bauern wegen der staatlichen Subventionen Stimmung gemacht wurde. Auch haben wir nach BSE die Verbrauchersicherheit bei Lebensmitteln mit mehr Transparenz und Qualitätskontrollen entscheidend verbessert.

Nach BSE ging es öffentlich vor allem um die Frage Masse oder Klasse. Hat die deutsche Landwirtschaft den Trend hin zu Öko und Bio zu spät erkannt?
Nein. Das Potenzial für Öko-Anbau in Deutschland ist gar nicht so groß wie immer zu lesen ist. Momentan haben wir im Handel nur einen Anteil von insgesamt fünf bis sechs Prozent. Bei Frischprodukten ist er höher, bei Fleisch sehr gering. Wegen der hohen Kosten lohnt sich das in Deutschland nur für die wenigsten. Frische Öko-Produkte werden heute auch von ausländischen Lieferanten geliefert, weil wir sie nicht anbauen oder sie preiswerter sind. Die Importquote steigt. Zur stärksten Konkurrenz für Öko-Produkte werden Lebensmittel mit regionaler Herkunft. Die Verbraucher wollen wissen, woher ihre Nahrung kommt.

Die Bundesregierung streitet über neue Regelungen für die grüne Gentechnik. Sollten die Länder künftig selbst über Sicherheitsabstände zwischen konventionellen Feldern und Flächen mit Gen-Pflanzen entscheiden können?
Der Streit über Sicherheitsabstände ist eine Scheindebatte ohne jede Relevanz für die Praxis. Für die deutschen Bauern ist Gentechnik keine Option. Wir raten unseren Mitgliedern auch wegen der Haftungsfrage ab, solche Pflanzen anzubauen. Eventuelle Schadensersatzforderungen würden nach jetziger Rechtslage an den Landwirten hängen bleiben. Das finanzielle Risiko ist für unsere Bauern unkalkulierbar. Die Verbraucher in Deutschland wollen keine gentechnisch veränderten Pflanzen und Lebensmittel.

Thema Tierschutz: Massentierhaltung hat in Deutschland ein schlechtes Image. Wie wollen Sie das ändern?
Wir werden beim Bauerntag einen Kodex für gute Nutztierhaltung entwickeln. Die Gesellschaft erwartet mehr Information über die Haltungsbedingungen. Vielleicht sind wir in der Vergangenheit nicht offensiv genug mit dem Thema umgegangen. Tierhaltung in großem Maßstab ist nicht per se schlecht. Wenn zum Beispiel in neue größere Ställe investiert wird, dann sind dies immer Investitionen in Tierwohl, Arbeitsschutz und Verbesserungen der Wettbewerbsstärke.


Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat ein neues Tierschutzgesetz vorgelegt, will unter anderem den Schenkelbrand bei Pferden verbieten. Hat die Ministerin dafür die Unterstützung der Bauern?
Vieles im Gesetz tragen wir mit, manches haben wir sogar selbst vorgeschlagen. Dennoch: Ich kann nicht nachvollziehen, warum der Schenkelbrand verboten werden soll. Dafür gibt es keine wissenschaftliche Begründung.

Strenge Naturschutz-Auflagen beim Stromleitungsbau, Streit um die Entschädigungen für die Bauern - was läuft schief bei der Energiewende?
Wir wehren uns, dass die Bauern die Last tragen sollen. Als Ausgleich für den Stromleitungsbau sollen wir Flächen stilllegen müssen, wodurch die Pachtpreise weiter steigen. Und wir werden nach Grundsätzen einmalig entschädigt, die aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Dagegen erhalten die Energieunternehmen Zusagen von jährlich neunprozentigen Renditen und die Kommunen verdienen auch ordentlich. Die Eigentümer der Flächen, über die die Stromtrassen verlegt werden, werden dagegen sträflich behandelt. So kann man nicht mit Eigentum umgehen.

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