Schlechtes Wetter : Der Norden säuft ab

Regen allerorts: Der Schirm ist in den ersten Tagen des Jahres häufig ein treuer Begleiter.
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Regen allerorts: Der Schirm ist in den ersten Tagen des Jahres häufig ein treuer Begleiter.

Nasse Äcker, volle Gräben, gesättigte Seen: Wochenlanger Regen lässt die Pegelstände in MV steigen. 2017 ist eines der niederschlagsreichsten Jahre seit 1881

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05. Januar 2018, 20:45 Uhr

Land unter: In Rinnsalen läuft das Wasser unaufhaltsam die Anhöhe herunter – die Fahrspuren entlang, zwischen den Stoppelreihen, in die Senke zwischen den Ackerhügeln. Dort sollte eigentlich die Wintersaat im Boden sein, erklärt Dorothea von Trotha. Daran ist seit Monaten aber nicht zu denken. Der Regen der letzten Wochen und Monate hat dazu geführt, dass der Boden die großen Mengen nicht mehr aufnehmen kann. In der Senke nahe dem westmecklenburgischen Kirch Stück an der B 106 hat sich längst ein kleiner See gebildet – Ententeich statt Weizenacker.

Nichts geht mehr: 800 Hektar lässt die Chefin von Gut Klein Trebbow nahe Schwerin bewirtschaften. Doch der stetige Regen seit den Sommermonaten habe in der Senke schon die Ernte unmöglich gemacht. Und nun die Herbstbestellung: Auf den aufgeweichten schweren Böden ist für die Maschinen kein Vorankommen. 150 Hektar ihrer Flächen hätten nicht bestellt werden können, sorgt sich von Trotha.

 

Das Wasser steigt und steigt: Seit Monaten lassen starke Niederschläge Mecklenburg-Vorpommern langsam volllaufen – gefühlter Dauerregen seit den Sommermonaten. In den vergangenen Monaten sei es in seiner Region nie länger als vier Tage regenfrei gewesen, sorgt sich Detlef Kurreck, Chef der Agrargesellschaft Körchower Land bei Kröpelin im Landkreis Rostock: „Der Acker glänzt.“ Wasser en masse: Selbst auf leichteren Böden stehe das Wasser in den Reihen. Eine so lange Regenphase habe es lange nicht gegeben, weiß der Bauernpräsident.

Zu warm, zu nass, zu wenig Sonne: Mecklenburgern und Vorpommern steht das Wasser fast bis zum Hals. Das vergangene Jahr ist eines der niederschlagsreichsten seit 1881, geht aus Messdaten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) hervor – insgesamt 801 Liter je Quadratmeter. Nur 2007 fiel mit 815 Litern noch mehr Niederschlag in MV zu Boden.

<p>Ententeich statt Weizenfeld: In der Ackersenke nahe Kirch Stück steht seit Monaten das Wasser. </p>
Foto: Torsten Roth

Ententeich statt Weizenfeld: In der Ackersenke nahe Kirch Stück steht seit Monaten das Wasser.

 

Regen extrem: Im Ruhner Land an der Grenze zu Brandenburg haben die Meteorologen an der Wetterstation Marnitz im Landkreis Ludwigslust-Parchim in den zurückliegenden zwölf Monaten 1000 Liter Regen gemessen – rund 40 Prozent mehr als seit vielen Jahrzehnten üblich.

Der gefühlte Dauerregen bringt Seen und Flüsse in MV an ihre Aufnahmegrenzen: Schon im Sommer vergangenen Jahres hatten der Schweriner See, der Tollensesee sowie die Mecklenburger Oberseen wie Müritz, Kölpinsee, Fleesensee und Plauer See ihre oberen Stauziele fast erreicht, warnte das Landwirtschaftsministerium bereits im Sommer. Der Starkregen im Juni beispielsweise hatte örtlich binnen 24 Stunden mehr als doppelt so viel Wasser vom Himmel fallen lassen als normalerweise in einem Juni.

Ein halbes Jahr später sieht es nicht besser aus: Nichts geht mehr auf Wiesen und Feldern. Nach dem vielen Niederschlägen seien die Böden gesättigt, gab Umweltminister Till Backhaus (SPD) gestern eine erste Lageeinschätzung. Das Wasser könne nicht mehr über das Grundwasser, sondern müsse an der Oberfläche abfließen. Mit Folgen: An Sude und Rögnitz aber auch an der Radegast, der Stepenitz und der Maurine im Nordwesten gebe es erste Probleme und Überschwemmungen in angrenzenden Uferbereichen. Mancherorts habe das Wasser die ersten Lauben geflutet.

Gräben, Bäche, Flüsse: Die Gewässer sind randvoll. Auch an der Warnow. Im Durchbruchstal von Groß Görnow hat der Pegelstand gestern einen Rekordstand erreicht: Binnen drei Tagen stieg das Wasser um 18 Zentimeter auf jetzt 105 Zentimeter. Der bisherige Rekord lag bei 94 Zentimetern.

Grund zur Panik gebe es aber nicht: „Eine Hochwassersituation wie derzeit an Rhein, Neckar und Mosel ist derzeit noch nicht zu erwarten“, sagt Backhaus. Auch in der Schifffahrt, beispielsweise auf der Peene, gebe es noch keine Probleme, heißt es beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Stralsund. Backhaus sagt, in Westmecklenburg könne die Elbe noch Wasser aufnehmen und Richtung Nordsee weiterleiten: „Wir haben noch einen sehr guten Abfluss“, beobachtet der oberste Wasserwart in MV. Die Gefahr extremer Hochwasser wie beispielsweise 2013 seien derzeit nicht erkennbar.

Allerdings: Die Wasserwirtschaft ist alarmiert. Alle Schöpfwerke seien in Betrieb, erklärt Backhaus, verfügten aber noch über Leistungsreserven. Auch die mecklenburgischen Oberseen würden noch Speicherraum bieten. Müritz, Schweriner See: Die Vollstaustufe ist noch nicht erreicht, meint der Umweltminister: „Da sind noch einige Zentimeter Luft.“

Den Bauern hilft das wenig. Für sie zeichnen sich bereits zu Jahresbeginn Einbußen in diesem Erntejahr ab. Im Herbst hätten die Landwirte gut 20 Prozent der vorgesehenen Winterweizenfläche nicht bestellen können, rechnete Bauernpräsident Kurreck vor. Insgesamt seien im Herbst auf etwa 100 000 Hektar die ertragreicheren Wintersaaten nicht in den Boden gekommen, ermittelte das Landwirtschaftsministerium. Auf den ersten Schlägen würden Raps- und Getreidepflanzen bereits unter Staunässe leiden, heißt es beim Bauernverband. Top-Erträge haben viele Bauern bereits abgeschrieben.

Vorerst wird es nicht besser: Regen, Regen, Regen – „wann die Flächen je wieder befahren werden können, steht in den Sternen“, meint Backhaus.

Auch in der Ackersenke von Gut Klein Trebbow. „Erst konnten wir nicht ernten, im Herbst nicht bestellen und nun wohl auch im Frühjahr einige Flächen nicht befahren können“, erwartet Gutschefin von Trotha. Bei den Wassermengen wird es ab März mit der Frühjahrsbestellung schwer.

 Grafik:  Gemeinde Ostseebad Insel Poel
Grafik: Gemeinde Ostseebad Insel Poel
 

Gefahren an den Steilküsten

Der starke Regen der vergangenen Wochen hat die Gefahr von Abbrüchen an den Steilküsten verschärft. Die Gemeindeverwaltung der Insel Poel warnt vor Abbrüchen in den Strandabschnitten vom Schwarzen Busch bis Gollwitz und von Hinter-Wangern bis Timmendorf. Spaziergänger sollten deshalb einen großen Abstand von der Steilküste halten, denn dort bestehen nach wie vor große Gefahren. Insbesondere sollten Eltern auf ihre Kinder achten, damit diese nicht in den Brandungshohlkehlen genannten Höhlen spielen oder sich dort verstecken.

Ebenfalls gefährdet: das Fischland-Hochufer, Dornbusch, Rügens Nordküste, Sellin, Göhren, Zempin und Koserow, heißt es im Umweltministerium. Nach den ergiebigen Niederschlägen in den vergangenen Monaten sind die Kliffs wassergesättigt und instabiler. In der nächsten Zeit müsse mit Abbrüchen gerechnet werden.

Die stärkste Sturmflut seit 2006 hatte vor einem Jahr viele Abbrüche an Steilküsten auf Usedom und Rügen verursacht. 2011 war bei einem Küstenabbruch an der Steilküste von Kap Arkona ein zehnjähriges Mädchen verschüttet worden und gestorben.

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Drei Fragen an Barbara Hendricks

Nach dem Durchzug von Sturmtief „Burglind“ bleibt die Hochwasserlage in vielen Teilen Deutschlands angespannt. Inzwischen ist auf Rhein, Donau, Main, Mosel, Saar, Neckar und Weser die Schifffahrt ganz oder teilweise eingestellt. Deutschland hat aus den vergangenen Hochwasserkatastrophen gelernt, sagt die Bundesumweltministerin im Gespräch mit Andreas Herholz.

Droht Deutschland eine Hochwasserkatastrophe?
Hendricks: Die Entwicklung hängt davon ab, wie sich das Wetter entwickelt.

Zeigen die Vorsorgemaßnahmen Wirkung?
Die Behörden gehen mit Hochwasser vielerorts wesentlich geübter um als noch vor zehn oder 20 Jahren. Alle Beteiligten haben aus den Hochwasserkatastrophen von 2002 und 2013 gelernt. Die Aufmerksamkeit auf Hochwassergefahren ist wesentlich geschärfter.

Wo sehen Sie in Zukunft noch weiteren Handlungsbedarf?
Das Nationale Hochwasserschutzprogramm muss Schritt für Schritt umgesetzt werden. Im Rahmen des Programms werden etwa Deiche verlegt oder Rückhaltebecken gebaut. Insgesamt geht es um rund 150 Projekte in ganz Deutschland. Eine andere Herausforderung ist der Umgang mit Starkregen, der vor allem Städte belastet.

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