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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 00:18 Uhr

Kooperation : Der Norden rückt zusammen

vom

Die Metropolregion Hamburg dehnt sich nach Osten aus. MV und die Landkreise Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim segeln im internationalen Standortwettbewerb unter dem Label der weltbekannten Hansestadt.

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erstellt am 19.Apr.2012 | 08:06 Uhr

Schwerin | Provinz statt Großstadt: "Es werden immer mehr", beobachtet Fanny Wieseke. Radtouristen aus Hamburg und Umgebung machen sich in der Lewitz breit. Vor allem Tages ausflügler kommen, individuell oder mit Reisegruppen: Seit in der Metropolregion Hamburg zwischen Cuxhaven und Lüchow, zwischen Eutin und Bad Fallingbostel für den 95 Kilometer langen Radrundkurs in der Lewitz geworben wird und der Kurs Teil der im März gestarteten Ausflugskampagne "Radfahrfreu(n)de" ist, wachse das Interesse an der Region im Südwesten Mecklenburgs, beobachtet die Chefin der Lewitz-Touristen-Information in Banzkow nahe Schwerin. Und sie kommen wieder, meint Fanny Wieseke: "Die Gäste, die auch ein zweites und drittes Mal in die Lewitz reisen, werden mehr."

Der Lewitz-Radkurs ist ein von zwei Projekten, die an der gemeinsamen Standortwerbung der knapp 20 Landkreise und Städte in den vier norddeutschen Bundesländern der Metropolregion Hamburg beteiligt ist. Ab heute könnten es noch mehr werden - wenn die Landkreise Ludwigslust und Nordwestmecklenburg sowie das Land Mecklenburg-Vorpommern Deutschlands dann drittgrößte Metropolregion zwischen Nord- und Ostsee vergrößern und per Staatsakt in Hamburg in den Verbund aufgenommen werden.

Die Idee ist nicht neu: Westmecklenburg - bis zur deutschen Teilung Einzugsgebiet von Hamburg, Lieferant, Arbeitskräftereservoir für den Handelsplatz an der Elbe - der "Vorgarten" der Metropolregion mit 4,5 Millionen Verbrauchern, meint Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Die Verflechtungen sind längst da: Ohne Hamburg würde die Arbeitslosigkeit in Westmecklenburg in die Höhe schnellen - Zehntausende fahren täglich zur Arbeit in die Hansestadt oder ins Umfeld. "Hamburg ist das wirtschaftliche Zentrum im Norden Deutschlands", sucht Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) den norddeutschen Zusammenschluss. Es soll eine Kooperation zum Nutzen aller Provinzen sein, ohne das die Regionen ihre Identität verlieren.

"Das macht Sinn", wirbt Jacob Richter für den Verbund. Im Standortwettbewerb der Regionen um Investoren, Fachkräfte und Einwohner ist das Umland im Sog von Deutschlands bekannteste Hafenstadt. "Wo Hamburg draufsteht, ist die nationale und internationale Sichtbarkeit größer", meint der Chef der Geschäftsstelle der Metropolregion.

Das zieht: Westmecklenburg könne künftig unter dem Label der Metropolregion segeln, hofft Ludwigslust Landrat Rolf Christiansen (SPD): Bei allem Respekt für Schwerin - im Wettbewerb der Regionen sei die Stadt nur wenigen bekannt. "Hamburg aber ist anerkannt und ist weltweit bekannt", meint Christiansen. Das bringt eine Wahrnehmung, die Ludwigslust oder Nordwestmecklenburg allein nie erreichen würden. Christiansen: "Wenn Hamburg künftig weltweit wirbt, ist Ludwigslust mit dabei."

Die Hansestadt ist eine von bundesweit elf Metropolregionen, die Mitte der 90er-Jahre von den Ländern definiert worden sind und in Deutschland den Ton angeben. Norddeutschland geht indes einen Schritt weiter: Mit der Aufnahme von MV sei die Metropolregion Hamburg neben Berlin-Brandenburg die einzige Region in Deutschland, die über die alte DDR-Grenze hinweg nach Osten wächst, meint Jacob: "Das ist von hoher symbolische Bedeutung."

Mehr als 1000 Orte, 17 Kreise, vier Bundesländer, eine Region: In der Metropolregion gehe es vor allem um eine stärkere Kooperation der Verwaltungen und der Wirtschaft, erklärt Richter. Tourismus, Verkehrsplanung, gemeinsamen Standortmarketing: Regionalentwicklung geht über Landkreis- oder Ländergrenzen hinaus, meint Landrat Christiansen. Es gebe viele Felder, auf denen noch enger zusammengearbeitet werden können, sagt Ministerpräsident Sellering. "Ich hoffe, dass wir durch die Zusammenarbeit in der Metropolregion noch stärker von unserer Nähe zu Hamburg profitieren können." Das könnte sich langfristig auszahlen: So erhält die auf mehr als fünf Millionen Einwohner anwachsende Metropolregion mehr Gewicht, beim Bund beispielsweise neue Verkehrsprojekte durchzusetzen.

Doch: Trotz aller Gemeinsamkeiten verfolgen die Regionen ihre eigenen Interessen. Die Gräben sind zum Teil tief, vor allem in der Wirtschaft. Zu Beginn des Jahrtausends trieb es die Hamburger Wirtschaft auf die Palme, als immer mehr Handwerksfirmen aus Westmecklenburg auch mit Niedrigpreisen und untertariflicher Bezahlung der ostdeutschen Angestellten den Westfirmen sicher geglaubte Aufträge streitig machten. Ex-DGB-Chef Peter Deutschland sprach gar von der Schmutzkonkurrenz aus dem Osten, die bekämpft werden müsse.

Zudem: Immer mehr Investoren konnten der millionenschweren Ostförderung nicht widerstehen und zogen aus ihren angestammten Gebieten in und um Hamburg ab, um sich unmittelbar hinter der Landesgrenze zu MV neu anzufangen und satte Beihilfen abzugreifen. Der Nahrungsmittelhersteller Kühne in Hagenow, der Großbäcker in Lüdersdorf, das Tchibo-Lager und Edeka-Fleischwerk in Valluhn, die Dräger-Werke und der Medizintechnik-Hersteller Euroimmun in Dassow - der Frust über erfolgreiche Ansiedlungen im Osten saß tief. "Fast kriminell" würden Großunternehmen abgeworfen, kritisierte seinerzeit Lübecks Wirtschaftssenator.

Der Streit scheint beigelegt: Inzwischen gebe es sogar Unterstützung aus Hamburg, wenn Investoren einen Standort mit großer Ansiedlungsfläche suchten, beobachtet Christiansen. Und: Mittlerweile sei auch mit Billiglöhnen in der Region kein Start mehr zu machen. "Die enge Verzahnung mit der Wirtschaft im Raum Hamburg lässt die Löhne in Westmecklenburg steigen", weiß der Landrat. Eins bleibt: Wie gemeinsame Wirtschaftsförderung betrieben werden könne, das müsse erst noch ausgehandelt werden, meint Richter.

Vorerst kann Westmecklenburg von zusätzlicher Förderung ausgehen. 150 000 Euro steuert MV jährlich für gemeinsame Projekte in Ludwigslust und Nordwestmecklenburg bei, weiter 150 000 Euro kommen aus Hamburg - zusätzliches Geld für die Region, freut sich Christiansen.

Auf der Warteliste: Seit mehr 15 Jahren baggert Ludwigslust um die Gunst der Metropolregion, vollwertiges Mitglied des Regionalverbundes zu werden. Mit Rückschlägen: Erster Aufgeschlossenheit folgte schnell die Angst, vor dem neuen Wettbewerber. "Mancher wollte verhindern, dass ein weiteren Kreis an den Futternapf kommt", erinnert sich Christiansen. Der Abstimmungsmarathon hat sich gelohnt: Die Vorbehalte von einst sind Zustimmung gewichen, beobachtet der Landrat. Die Gräben sind geschlossen, sieht auch Geschäftsstellenchef Richter.

Und doch: Kritiker sehen in der Metropolregion eher einen zahnlosen Papiertiger, der sich in unzähligen Abstimmungen verfängt, als dass der Regionalverbund für die Einwohner unmittelbar spürbar wird. Die gerade aufgelegte Radfahrkampagne, der gemeinsame neue Schifffahrtsprojekt "Kurs Elbe. Hamburg bis Wittenberge": Da wird die Metropolregion für die Bürger erlebbar, meint Richter. Nur: Der eigentliche Wert ist die gemeinsame Standortwerbung mit einer Region, die in der Welt bekannt ist, meint Landrat Christiansen.

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