Der Neue im Zentrum der Macht

Erster Tag im neuen Job: Hagen Reinhold <foto>C. Schönebeck</foto>
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Erster Tag im neuen Job: Hagen Reinhold C. Schönebeck

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17. Januar 2013, 09:19 Uhr

Berlin | "Tut mir leid, Sie sind am falschen Eingang, Sie müssen zwei Straßen weiter", sagt der Pförtner. Kein Wunder: Tunnel, Gänge, Flure, Treppen, Eingänge und irgendwo dazwischen mehr als 1700 Büros. Das Jakob-Kaiser-Haus in Berlin ist der Bienenstock der Bundespolitik. Zwei Drittel der Abgeordneten haben hier ihre Räume.

"Der Neue" ist das Fahrstuhlgespräch unter den emsig schwirrenden Mitarbeitern im Haus. "Ist der Neue schon da?","Und? Wie ist er so?"

Der Termin für die nächste Bundestagswahl ist noch nicht ganz sicher. Voraussichtlich sind es noch 248 Tage bis das neue Parlamant gewählt wird. Und während Polit-Urgesteine wie Wolfgang Thierse (SPD) und Michael Glos (CSU) ihren Rückzug ankündigen, rückt FDP-Mann Hagen Reinhold in die Riege der Parlamentarier. Der Maurermeister aus Barth ist "Der Neue" im Jakob-Kaiser Haus.

"Kann ich ihnen einen Kaffee anbieten?" fragt Reinhold bei der Begrüßung. Zu spät. Das hat eine der Mitarbeite rinnen längst übernommen. "An diese Dinge muss ich mich erst noch gewöhnen."

Am vergangenen Freitag hat Hagen Reinhold das Bundestagsmandat angenommen. Vier Tage später sitzt er beim ersten Pressetermin in seinem neuen Büro. Ein länglicher Raum, keine 20 Quadratmeter. Blauer Teppichboden, Schreibtisch, Bücherregal und eine Sitzgruppe. Das Schild an der Tür trägt noch den Namen seines Vorgängers Christian Ahrendt. Der hat sein Mandat abgegeben, ist jetzt Vize-Präsident des Bundesrechnungshofes. "Ein paar Kleinigkeiten fehlen noch. Aber die Verwaltung hier ist schon sehr professionell", sagt der Nachrücker Reinhold. Und wenn etwas nicht klappt, dann wird improvisiert. Auf der Anwesenheitsliste beim Pförtner hätte er seinen Namen eben per Hand ergänzt.Und für die ersten Tage nutzt er noch die E-Mail-Adresse seines Vorgängers.

Ganz überraschend kam der Wechsel nicht. "Christian Ahrendt hat mich vor zwei oder drei Monaten angerufen und informiert, dass er möglicherweise ausscheiden wird", erinnert sich der Bauunternehmer. 2009 hatte Reinhold auf Platz 2 der Landesliste für Mecklenburg-Vorpommern kandidiert. Dass er jetzt nach Berlin geht, sei für ihn sofort klar gewesen. "Ich habe kandidiert, da stehe ich auch in der Pflicht." Der gebürtige Wismarer wird künftig im Europa- und im Petitionsausschuss sitzen. An einigen Fraktionssitzungen habe er bereits als Gast teilgenommen. Man könne schließlich nicht völlig unvorbereitet anfangen.

Und das betrifft nicht nur den neuen Job. Privat- und Berufsleben müssen neu organisiert werden, zumindest bis zur Wahl im September. Fürs Erste wohnt der FDP-Mann im Hotel. Die Familie bleibt in Vorpommern. Für das Büro hat er nur wenig mitgebracht. Selbst das Schreibtisch-Foto der Familie steht noch zu Hause. "Wir werden nächste Woche noch mal umziehen. Vorher mache ich mir keine großen Gedanken um so etwas", erklärt Reinhold. Dann wird auch der erste Familientag geplant. "Mein Sohn ist schon ganz aufgeregt. Der hat im Kindergarten ganz stolz erzählt, dass Papa jetzt in den Bundestag geht."

Nur eines hätte er dann doch noch schnell ins Auto gepackt, das nicht zum normalen Reise-Gepäck gehört. Einen Spaten. "Den habe ich am Wochenende vom Bürgermeister meiner Heimatstadt bekommen", erklärt der 34-Jährige. Der Spaten ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Reinhold solle sich für ein großes Bauprojekt in der Gemeinde stark machen. Auch an solche Bitten wird er sich gewöhnen müssen. Vom befreundeten Unternehmer bis zur Kindergärtnerin des Sohnes. "In den letzten Wochen haben mir ganz viele Leute gratuliert. Und einige haben natürlich auch gleich gesagt, wo sie sich Unterstützung aus der Politik wünschen."

Dass ihm nur dafür nur ein Dutzend Sitzungswochen bleiben, spielt für die Menschen keine Rolle. Für Reinhold auch nicht. Er geht davon aus, dass im September noch nicht Schluss ist mit seiner Berlin-Visite. Trotz der Umfragewerte für seine Partei. Und auch wenn er noch nicht weiß, wo sein Sitzplatz im Plenarsaal ist, ein "Hinterbänkler" wolle er nicht werden.

Zu den guten Vorsätzen für die nächsten Wochen gehört allerdings auch, sich bald im Regierungsviertel zurecht zu finden. Und das ohne dabei auf die Straße zu gehen. Unterirdisch sind die Gebäude des Regierungsviertels miteinander verbunden. Büros, Sitzungsräume, Archive, Parlamentsdienste. Dazwischen eine Kantine mit 570 Plätzen. Das unterirdische Netz erspart Kontrollen, Sicherheitschecks und Regenschirme. Am Dienstag bringt eine Mitarbeiterin den Bundestagsneuling zum Sitzungssaal. Vom sechsten Stock geht es in den Keller - immerhin im gleichen Gebäude. "Morgen ist Fraktionssitzung im Reichstag. Da will ich alleine hinfinden", sagt Reinhold.

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