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Mecklenburg-Vorpommern

26. September 2017 | 07:43 Uhr

Der Neid wohnt in der Zelle nebenan

vom

svz.de von
erstellt am 29.Nov.2011 | 09:17 Uhr

Post aus dem Gefängnis schlägt im Redaktionsbriefkasten ein: Unter vollem Namen beschwert sich ein Bewohner der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bützow über einen anderen, ebenfalls namentlichen Genannten. G., genieße seit Kurzem "Lockerung" wie Urlaub und Ausgang, schreibt der Absender. Zudem habe er im Dezember eine "Haftstrafenanhörung" bei Gericht, wo entschieden werde, ob er nach zwei Dritteln der Haft freikommt. All das missfällt B.

"Wie kann es sein, dass ausgerechnet ein Sexualgewaltstraftäter so bevorzugt wird? ", fragt B. und spielt auf der Klaviatur der Angst: "Wer schützt die Bevölkerung vor weiteren Straftaten? Und hat Herr G. überhaupt durch Gutachten und Therapiemaßnahmen die Eignung zur Lockerung und Haftstrafenaussetzung? Wo bleibt da die viel zitierte Missbrauchsbefürchtung?" Sein Verdacht: In Bützow werden Sexgangster mit Samthandschuhen angefasst? Sein Angebot: "Ich stehe Ihnen zu dieser und anderen Fragen jederzeit zur Verfügung." Dieser Offerte gebührt Dank, doch ist nun eher das Justizministerium gefragt. Das verweist an die JVA-Leitung, die in den Händen der Leitenden Regierungsdirektorin Agnete Mauruschat liegt.

Über den Fall G. äußert sie sich mit Hinweis auf den gebotenen Datenschutz nicht, lässt aber wenigstens so viel durchblicken: Das Gefährdungspotential sei ein komplett anderes als bei einem Vergewaltiger, der sich wahllos fremde Frauen greift.

So lesen sich auch die Gerichtsberichte über G. vom Sommer 2009. Sein Opfer: Eine Kollegin auf der Betriebsweihnachtsfeier. Durch Aufputschmittel, begossen mit reichlich Alkohol, befand sich die Frau bereits am frühen Abend in einem Zustand, der den Chef veranlasste, für ihren Heimtransport zu sorgen. Die herbeigerufene Mutter fand ihre 32-jährige Tochter und G. arg derangiert auf der Damentoilette.

Das Gericht nahm dem Mann den Verkehr "in gegenseitigem Einvernehmen" nicht ab und verhängte eine Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten wegen schwerer sexueller Nötigung in Tateinheit mit Körperverletzung. Mildernd wirkte, dass der Täter noch nie mit dem Gesetz kollidiert und zur Tatzeit sturzbetrunken war. Der gesunde Menschenverstand darf also für "die viel zitierte Missbrauchsbefürchtung" schlussfolgern, dass sie außerhalb von Saufgelagen zur Weihnachtszeit verschwindend klein ist.

"Alle werden gleich professionell behandelt"

Bleibt unter anderem die Frage nach den Samthandschuhen für Sextäter in Bützow? "Das ist Quatsch", sagt Agnete Mauruschat. "Zwar werden nicht alle Gefangenen gleich, aber sehr wohl gleich professionell behandelt." Für sie bedeutet das: "Wir versuchen an den Punkten zu drehen, die für die Straftat ursächlich sind, um die Rückfallgefahr zu minimieren." Wer in Bützow einrückt, kommt zunächst in die Aufnahmeabteilung mit 36 Haftplätzen. Dort wird ein Vollzugsplan aufgestellt. Basis: Ein möglichst genaues Bild des Gefangenen. Neben Eingangsuntersuchung und Analyse der Straftat gehören Gespräche mit Sozialarbeitern und Psychologen dazu sowie Beobachtungen durch das Personal. Am Ende steht eine Entscheidungskonferenz, die Behandlungsmaßnahmen wie Therapien oder Schuldnerberatung, eine Prognose zur Haftentlassung und Bedingungen zur Vollzugslockerung formuliert.

"Vollzugsplan" mit Kontrollen im Halb-Jahres-Rhythmus

Nach spätestens acht Wochen erreicht der Gefangene den Ort seiner Bestimmung. Abteilung E im ältesten Teil der JVA hat nach Auskunft von Agnete Mauruschat "die schwierigsten Haftbedingungen mit Mehrfachunterbringung". Wer dort wohne, müsse gesellschaftsfähig sein und bleibe nicht länger als zwei, zweieinhalb Jahre. Abteilung F nimmt verstärkt Menschen mit Suchtproblemen auf, Abteilung G mit strengsten Sicherheitsvorkehrungen beherbergt die langjährigsten Bewohner.

"Alle halbe Jahre wird der Vollzugsplan fortgeschrieben", erklärt Agnete Mauruschat. Auf Wunsch sei zur Halbzeit eine Haftstrafenanhörung möglich - indes nur selten erfolgreich -, nach zwei Dritteln der Zeit sei sie Pflicht. Die Entscheidung, einen Teil der Strafe zu erlassen, fällt das Gericht, so die JVA-Chefin. Zuvor gelte es, Freiheit wieder einzuüben. Dazu dienen Tagesausgang, Haft urlaub (bis 21 Tage pro Jahr) oder der offene Vollzug in Waldeck.

"Wir können nicht jedem sagen, wa rum der andere etwas darf oder nicht", sagt Agnete Mauruschat. Wo 500 Menschen auf kleinstem Raum unfreiwillig zusammenleben, werde alles und jeder genau beäugt und registriert, wer was wann tut/hat/darf. Wenn einer später kommt und früher geht, nähre das Fragen, Unzufriedenheit und Neid. Zumal, wie die Anstaltsleiterin formuliert, die Betreffenden nicht zu den "Kompetentesten, was das Sozialverhalten angeht" zählen. Briefe an Medienvertreter lassen sie kalt. "Damit wird bei jeder Kleinigkeit gedroht.". Die Gefangenen dürfen schreiben, wem sie wollen. Lediglich auf "Einlagen" werde die Post kontrolliert und darauf, dass nicht frühere Opfer belästigt werden.

Zu guter Letzt trägt Agnete Maruschat noch nach, dass im Fall von Sexualstraftätern und Gewaltverbrechern ab einer bestimmten Haftdauer über jedwede Lockerung nur im Vier-Augen-Prinzip - JVA und Justizministerium - und mit psychologischem Gutachten entschieden wird.

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