Star-Lyriker lebt in Schwerin : Der mit dem Monster schwimmt

Alles andere  als ein Star mit Allüren: Johan Holmlund in seiner Wahlheimat Schwerin
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Alles andere als ein Star mit Allüren: Johan Holmlund in seiner Wahlheimat Schwerin

In Schweden ist Johan Holmlund seit mehr als 25 Jahren ein Rock-Star – von Schwerin aus erobert er nun auch als Lyriker sein Publikum

svz.de von
22. März 2016, 11:45 Uhr

Wenn Johan Holmlund durch die Straßen seiner Wahlheimat Schwerin geht, dreht sich niemand nach ihm um. In seiner ersten Heimat Schweden ist das anders. Dort ist der jungenhafte 51-Jährige seit vielen Jahren ein Star. Nicht, weil Agneta von Abba seine Babysitterin war. Nicht, weil er seinen Vater, einen Fotografen, mehrmals zu Astrid Lindgren begleiten durfte und so auch die Dreharbeiten zu einem der „Emil“-Filme – in Deutschland heißt der Held Michel – miterlebte. Bekannt wurde Johan Holmlund durch die Band Easy, die, wie er sagt, erste schwedische Indie-Popgruppe. Vor etwas mehr als 25 Jahren brachte sie mit „Magic Seed“ ihr erstes Album heraus, danach folgte Hit auf Hit. Tourneen führten die Band durch England, Frankreich und Japan.

Johan Holmlund schrieb die Songs für Easy – und nebenbei auch noch für den, wie er sagt, größten schwedischen Künstler: Håkan Hellström . Dessen Titel „Saknade Te Havs“ wurde in seiner Heimat ein Riesen-Hit. „Håkan Hellström füllt bei uns zuhause Fußballstadien mit 70 000 Plätzen“, verrät Helmlund, der augenzwinkernd gesteht, dass er daran nicht schlecht mitverdient hätte.

Von Easy gibt es mittlerweile vier weitere Alben. Doch ausgerechnet zum 25-jährigen Bandjubiläum im letzten Herbst nahmen sich die fünf Musiker eine Auszeit, verschoben das Jubiläumskonzert und die erneute Herausgabe der ersten Platte auf Vinyl kurzerhand ins nächste Jahr.

„Wir haben ja alle noch Berufe, sind Ärzte oder Lehrer“, erzählt Johan Holmlund, der Bandleader. Auch er selbst ist Lehrer – heute unterrichtet er in Wismar Gymnasiasten in seiner Muttersprache und in Englisch.

Vor allem aber: Johan Holmlund ist inzwischen Schriftsteller. Nicht irgendeiner, sondern ein in seiner Heimat mittlerweile sehr bekannter, der seit zwei Jahren auch in Deutschland verlegt wird – und der am Wochenende sogar im „Nordischen Forum“ auf der Leipziger Buchmesse gelesen hat.

„Dass er Rockmusiker war, darüber brauchen wir nicht mehr zu sprechen. Jetzt ist er voll und ganz Poet“ , bejubelte die schwedische Tageszeitung „Jönköpings-Posten“ den Sohn ihrer Stadt, als er vor eineinhalb Jahren von der Svenska Akademien – die auch den Literaturnobelpreis vergibt – den Lundberg-Preis erhielt. Der schwedische Schriftstellerverband hat Johan Holmlund ebenfalls ausgezeichnet.

Sein erster Lyrik-Band war 2010 „Jag har swimmat med Monstret“ („Ich bin mit dem Monster geschwommen“). 2014 erschien „På land“ (An Land). Und inzwischen hat er seine „Monster-Trilogie“ mit „I det nya havet“ („Im neuen Meer“) komplettiert. Es ist die Geschichte der Suche nach neuen Planeten, nach neuem Leben, die am Loch Ness in Schottland ihren Anfang nimmt und irgendwo in fernen Galaxien endet. „Ich möchte gerne im Wasser auf einem neuen Planeten schwimmen“, verrät Johan Holmlund einen seiner Träume – und erzählt dabei ganz nebenbei, dass er zwar immer noch auf Schwedisch träumt, aber dort bei Besuchen zunehmend deutsch spricht.

Die beiden ersten Teile der Trilogie sind im Adebor-Verlag Banzkow inzwischen auch in deutscher Sprache erschienen. Übersetzt hat sie Johan Holmlunds Frau , Eyleen Kotyra. Ihretwegen hat es den Schweden ins Mecklenburgische verschlagen, die gebürtige Berlinerin arbeitet in Schwerin in einem Ministerium.

„Als wir uns in Schweden kennen lernten, wusste sie nichts von meiner Musikerkarriere“, erzählt Johan Holmlund. Von der als Schriftsteller aber weiß sie sehr wohl. Denn dass ihr Mann jetzt auch auf dem deutschen Markt Fuß fasst, wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Zwar ist sein schwedisch gefärbtes Deutsch sehr sicher, selbst schwierige Worte wie Libretto kommen Johan Holmlund flüssig von den Lippen. Aber seine in der Muttersprache geschriebenen Verse selbst in die Sprache seiner neuen Heimat zu übertragen, das traut er sich doch nicht zu. Zumal: „Wenn ich einen Text fertig habe, dann ist er noch nicht meiner, dann muss ich ihn mir erst wieder neu aneignen“, erzählt der schwedische Schweriner. „Bei jedem Lesen entdecke ich Neues darin.“ Und wenn seine Frau die Verse übersetzt, eröffne sie ihm zum Teil noch mal eine andere Sicht darauf.

Generell sei es nicht anders gewesen, statt Liedtexten Lyrik zu schreiben, meint Johan Holmlund. Bis auf Eines: Easy hat nur englisch gesungen, jetzt aber schreibt er schwedisch. Und das so konsequent, dass er, obwohl er fließend englisch spricht, einen Freund um Übersetzung gebeten hat, als er in New York aus seinen Büchern lesen sollte.

Aber warum Lyrik, warum kein Roman? „Ich liebe Romane – aber Gedichte sind philosophischer“, meint Johan Holmlund. „Man kann so vieles in so wenigen Worten sagen.“ Und das liest sich so:

Nicht jetzt
Nicht jetzt
So denken wir alle
Was ist es, was wir nicht
wissen?
Wir lauschen

Das hat nicht nur eine ungeheure sprachliche Melodie, Johan Holmlund setzt seine Verse auch in Musik um. „Swimming with the beast“ ist das bislang letzte Album, das Easy 2014 herausgebracht hat. Geht es nach ihm, werden auch die beiden anderen Teile der „Monster-Trilogie“ vertont – „vielleicht sogar als Musical oder Oper“, wagt der Schwede aus Schwerin einen Blick in die Zukunft.

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Johan Holmlund: An Land, Adebor Verlag 2016, Preis: 8,90 Euro, 56 Seiten, ISBN: 9783944269382

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