Wende : Der Mauerfall West-Ost

Ronald Hornung (l.) und Andreas Peeck lernten sich Weihnachten 1989 vor dem Schweriner Schloss kennen. 25 Jahre später tranken sie hier trotz des unwirschen Wetters wieder einen Becher Kaffee.
Ronald Hornung (l.) und Andreas Peeck lernten sich Weihnachten 1989 vor dem Schweriner Schloss kennen. 25 Jahre später tranken sie hier trotz des unwirschen Wetters wieder einen Becher Kaffee.

Ab 24. Dezember 1989 waren Reisen von West nach Ost ohne Visum und Zwangsumtausch möglich

svz.de von
24. Dezember 2014, 08:00 Uhr

Es regnet und der kalte Wind bläst steif über den See. Andreas Peeck und Ronald Hornung trotzen dem unwirschen Wetter und trinken einen Becher Kaffee auf der Brücke vor dem Schweriner Schloss. Das sind sie ihrer Freundschaft schuldig. Der Schweriner und der Hamburger lernten sich Weihnachten vor 25 Jahren auf dieser Brücke kennen. Es waren – sieben Wochen nach der Maueröffnung in Richtung Westen – die ersten Tage, an denen Bundesbürger ohne Visum in die DDR reisen durften. Ab 24. Dezember 1989 waren Reisen von West nach Ost ohne bürokratische Hürden möglich. Auch der Zwangsumtausch entfiel für Bundesbürger.

Ronald Hornung nutzte die Regelung für einen spontanen Besuch in Schwerin. Dort schenkte Andreas Peeck vor dem Schloss kostenlos Kaffee aus. „Weil ich mich so gefreut habe, dass die Grenze jetzt richtig offen war“, erzählt Peeck.

Hornung und seine Frau bekamen den letzten Rondo-Kaffee von Peeck eingeschenkt. Dann waren dessen Thermoskannen leer. Die Hornungs waren erst in der Abenddämmerung in der Bezirkshauptstadt angekommen. Einerseits wurden die Reisenden auch ohne Visumszwang weiterhin von den DDR-Grenzern kontrolliert – wenn auch nicht mehr so streng. Andererseits war der Andrang so groß, dass die Hornungs auf der Allee zwischen Mustin und Zarrentin lange im Stau standen. Als sie die neue Lücke im Streckmetallgitterzaun passierten, „hatte ich doch irgendwie Herzklopfen“, erinnert sich Hornung. In Schwerin war es schwierig, in Schlossnähe einen Parkplatz zu finden. Der Alte Garten vor dem Museum war, so Andreas Peeck, mit West-Wagen voll gestellt.

Mit seinen letzten Kaffee-„Kunden“ kam Peeck schnell ins Gespräch – und lud sie zum Essen zu sich nach Hause ein. Eine Woche später kamen die Hornungs wieder und Peeck zeigte ihnen seine Stadt. Während so manche andere in der Umbruchzeit geschlossene Freundschaft nach der ersten Euphorie wieder einschlief, hielten Peeck und Hornung über die Jahre den Kontakt. „Wir ticken halt ähnlich“, findet Peeck. Hornung war 1989 selbstständiger Werbekaufmann, Peeck war seit einiger Zeit selbstständiger Fotograf. Von den politischen Systemen, in denen sie aufgewachsen waren, befand jeder für sich, „dass es nicht das Optimale war“. Während Andreas Peeck nach und nach mit steigenden Mieten, mit findigen Immobilienmaklern und schärferer Konkurrenz zu kämpfen hatte, änderte sich für Ronald Hornung in Hamburg „erst mal nicht viel“. Der eingefleischte St.-Pauli-Fan freute sich, „dass wir endlich gegen Rostock spielen konnten“. Er konnte nicht ahnen, „dass es zu dieser bedauerlichen Rivalität kommen würde“.

Natürlich hat Peeck von den Schwierigkeiten erzählt, die der für ihn neue Staat mit sich brachte. Wenn es ihm zu politisch wurde, verwies der Hamburger mitunter darauf, „dass ich das nicht erfunden habe“. Andreas Peeck ist übrigens immer noch selbstständiger Fotograf. Ronald Hornung ist inzwischen arbeitslos. Wichtiger als die Politik waren den beiden die Gespräche über ihre Familien und ihre Kinder. Sie haben jeweils zwei Töchter groß gezogen. Die beiden verbindet auch das Angeln auf der Ostsee oder Bootstouren über den Schweriner See. Und die Geschichten von früher. „Mich interessieren andere Perspektiven, halt so wie Ronald sie mitbringt“, sagt Andreas Peeck. „Ohne die Freundschaft mit Andreas hätte ich nie diese Einblicke in den Schweriner Alltag vor und nach der Wende gehabt“, resümiert Ronald Hornung. Und das habe er einer „unkomplizierten Einladung“ zum Kaffee auf der Schlossbrücke zu verdanken.

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