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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 21:37 Uhr

Medizin : Der Mann mit den zwei Herzen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Michael L. aus Bremerhaven ist kein medizinisches Phänomen – aber er braucht medizinische Hilfe, die er zurzeit in einer Klinik am Schweriner See bekommt.

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2014 | 12:00 Uhr

Michael L. kann sein Herz in der Hand tragen. Sein zweites Herz, um genau zu sein. Denn das erste schlägt weiterhin in seiner Brust. Allerdings nur noch ganz schwach – durch einen Herzinfarkt hat er Anfang des Jahres 2013 vier Fünftel seiner Herzleistung eingebüßt. Was übrig blieb, war zu wenig, um damit noch lange weiterzuleben.

Damals stand die Frage, ob er sich auf die Warteliste für ein Spenderherz setzen lassen wollte, erzählt der 54-Jährige, der in Bremerhaven zu Hause ist und momentan in der Helios Akutklinik für Frührehabilitation in Leezen behandelt wird. Die Ärzte in einer Spezialklinik in Hannover, in die man ihn seinerzeit verlegt hatte, hätten ihm gleich gesagt, dass es sehr lange dauern könnte, ein passendes Spenderorgan zu finden – wenn es denn überhaupt klappen würde. „Hätte ich mich für eine Transplantation entschieden, hätte das bedeutet, dass ich sofort nach Hannover in die Klinik gemusst hätte. Und ich hätte da so lange bleiben müssen, bis ein Spenderherz gefunden worden wäre – womöglich jahrelang.“

Weil er das nicht wollte, entschied sich Michael L. für die zweite Option: ein Kunstherz. Im August 2013 wurde es ihm in Hannover eingesetzt – und der große, kräftige Mann, der früher im Hafen gearbeitet hatte, nun aber schon seit längerem arbeitslos ist, fühlte sich beinahe schlagartig besser. Nach zwei Rehabilitationen war er wieder fit genug, um den Alltag allein in seiner Wohnung zu meistern. „Ich konnte zu Hause in Bremerhaven sogar wieder mit dem Fahrrad fahren“, erzählt L.. Das Kunstherz – richtiger: sein Steuergerät und zwei Akkus, alles zusammen wiegt immerhin zwei Kilogramm – trug er dabei in einem Bauchgurt. Auch in einem Rucksack oder einer Schultertasche lässt sich die Steuereinheit verstauen.

Mit einer Leitung, die durch die Bauchdecke geführt wird, ist sie mit einer Pumpe verbunden, die in die linke Herzkammer des Patienten eingesetzt wurde. „Das Ganze ist schon ein komisches Gefühl“, gibt L. zu – nicht nur wegen der Kabel. Er kann auch hören, wie die implantierte Pumpe in seiner Brust arbeitet.

Dennoch hatte er sich daran gewöhnt, konnte, auch wenn das für Gesunde schwer vorstellbar ist, trotz aller technischen Gerätschaften und Kabel in und an seinem Körper sogar tief und fest schlafen. Doch nach einem knappen Jahr streikte das Gerät – „normalerweise halten sie viel länger, aber meins hatte einen kleinen Fehler“.

Die Ärzte in Hannover entschieden sich, das Kunstherz sicherheitshalber auszutauschen – und dabei passierte es: „Ich hatte einen Schlaganfall.“ Fast vier Wochen lag L. anschließend im Koma, erzählte man ihm später – er selbst hat an diese Zeit keine Erinnerung. „Als meine Tochter vor drei Wochen hier in Leezen war, sagte sie: ,Zeig doch mal, was du da am Hals für eine Narbe hast.‘ Ich wusste gar nicht, wovon sie sprach – weil ich auch nicht wusste, dass ich beatmet wurde und dafür ein Luftröhrenschnitt gemacht werden musste.“

Seit Anfang September kämpft sich L. nun in der Rehaklinik ins Leben zurück. „Ich konnte den linken Arm und das linke Bein kaum anheben, und mein Gesichtsfeld war eingeschränkt“, erzählt er. Zwischenzeitlich hätte er es schon wieder geschafft, mit einem Rollwagen über den ganzen Stationsflur zu gehen. Aber momentan ginge es ihm wieder schlechter, er spüre einen seltsamen Druck auf der Brust – bis die Ursachen geklärt sind, müsse er sich erst einmal etwas mehr schonen. Deshalb sitzt L. wieder ausschließlich im Rollstuhl, die Tasche mit der Steuereinheit hängt dabei über einem der Griffe.

Trotzdem hofft L., wieder so fit zu werden, dass er in die eigene Wohnung zurückkehren kann. Da er allein lebt, wird das nicht leicht. Schon mit dem ersten Kunstherzen habe er zudem Probleme mit seiner Krankenversicherung gehabt. „Sie wollten, dass ich allein den sterilen Verband wechsle, der an meinem Bauch die Eintrittstelle des Kabels abdeckt. Aber das kann ich nicht – und ich habe Angst, dass ich mir dabei Keime hole.“ Schließlich sei doch ein Pflegedienst dafür bewilligt worden – aber die Auseinandersetzungen haben Michael L. so mitgenommen, dass er seinen vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte – denn künftig wird er womöglich noch viel mehr auf das Entgegenkommen der Kasse angewiesen sein.

Aber Michael L. will weiterkämpfen: um seine Gesundheit, um ein selbstständiges Leben. „Aufzugeben ist nicht meine Art“, sagt er. Wie auch: Schließlich schlagen zwei Herzen in seiner Brust.

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