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Portät : Der Mann, der Menschen zusammenbringt

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„Ich lebe gern in Güstrow“, sagt Stefan Schröder. Im Dezember 2006 hörte er zum ersten Mal auf dem Bochumer Weihnachtsmarkt den Namen dieser Stadt. Sein Entschluss, nach Güstrow zu gehen, stand schon bald fest.

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erstellt am 07.Feb.2012 | 10:10 Uhr

Welch ein himmlischer Empfang jedes Mal, wenn Dr. Stefan Schröder vom Güstrower Krankenhaus nach Hause kommt. Zwei Engelfiguren von kindlich zarter Schönheit schmücken die Tür des Hauses, in dem er und seine Familie zur Miete wohnen. Nach vorne heraus blickt man auf das prächtige Rathaus, nach hinten heraus auf den majestätischen Dom und das Güstrower Renaissanceschloss. So zu wohnen ist vergleichbar mit der Freude, die alle Fans haben, wenn sie beim Auftritt ihrer Lieblingsband in der 1. Reihe stehen können. Und zur Entspannung muss diese Wohnlage auch beitragen.

19 Uhr bin ich zum Interview da. Erst kurz davor ist Stefan Schröder nach Hause gekommen. Er hatte wieder einmal einen langen Arbeitstag als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und wirkt dennoch entspannt.

Die Kinder sind noch auf. Emma ist zweieinhalb Jahre und Ben 15 Monate alt. Ich bin skeptisch, ob wir im Beisein der Kinder in Ruhe reden können. Es geht hervorragend. Die Kinder fremdeln nicht, denn bei Schröders sitzen oft Freunde am großen hölzernen Küchentisch. Seine Frau Stefanie hat ab und zu Emma oder Ben auf dem Arm und schenkt damit den Kindern das Gefühl, dass eigentlich sie den Nudelsalat, der so bunt wie eine Malerpalette ist, zubereitet haben.

Wenn Stefan Schröder mit Emma an der Hand und Ben im Kinderwagen loszieht, um in den Güstrower Wallanlagen mit ihnen zu toben, wird das von anderen Menschen nicht groß registriert. Mit seiner Tochter Nina war das anders. Als er als junger Arzt mit ihr 1988 auf einem Spielplatz in Stuttgart saß, gab es oft anerkennende Worte für den alleinerziehenden Vater. Es hat ihn damals geärgert, dass dieses Lob bei alleinerziehenden Müttern ausgespart wurde. Seine Tochter Nina ist jetzt 25 Jahre alt. Sie ist ihrem Vater in den Norden gefolgt und macht am Güstrower Klinikum eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Wunsch nach einer Veränderung

Auch Felicia und Anna Katharina, die beiden Töchter aus erster Ehe, die bei der Mutter in Bochum leben, besuchen ihn häufig und haben öfter schon Praktika im Krankenhaus gemacht. Anna Katharina hat gerade die 11. Gymnasialklasse in Kalifornien absolviert, Felicia ist nach ihrem deutsch-französischen Abitur derzeit für "Work and Travel" in Australien.

"Ich lebe gern in Güstrow", sagt Stefan Schröder. Im Dezember 2006 hörte er zum ersten Mal auf dem Bochumer Weihnachtsmarkt den Namen dieser Stadt. Damals war er 49 Jahre alt und Oberarzt für Psychiatrie der Universitätsklinik und in der klinischen Alzheimer-Forschung tätig. Er hatte einer Kollegin von seinem Wunsch nach einer Veränderung in seinem Leben berichtet. "Wenn ich mich jetzt nicht dazu durchringe, dann wird es wohl nichts mehr", hatte er ihr gesagt. Deshalb erzählte sie ihm an diesem Dezembertag von einer freien Stelle in Güstrow.

Finster ist es nicht in Mecklenburg

"Wo liegt denn Güstrow? "Nahe der Ostsee", bekam er zur Antwort. Die Nähe zum Meer machte ihn neugierig. Aber wollte er wirklich in einer Kleinstadt in Mecklenburg leben? Von der Einwohnerzahl war Bochum wie ein stattlicher Anzug, aber Güstrow eher wie ein Einstecktuch. Doch das Gespräch mit dem Verwaltungsdirektor Matthias Fischer vom KMG Klinikum gab ihm ein gutes Gefühl, hier arbeiten zu können. Es begeisterte ihn auch, dass das Klinikum akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Rostock ist. Sein Entschluss, nach Güstrow zu gehen, stand schon bald fest. Die Kollegen und Freunde, die kopfschüttelnd registrierten, dass er tatsächlich nach "Dunkeldeutschland" will, konnten ihn nicht mehr umstimmen. Dieser im Ruhrgebiet häufig verwendete Begriff für die ehemalige DDR, war übrigens Kandidat für das Unwort des Jahres 1994.

Finster ist es in Mecklenburg wahrlich nicht, stellte Stefan Schröder 2007 fest. Durch ein heftiges Schneetreiben kam er am 28. Februar nach einer Autofahrt erst morgens um 3 Uhr in Güstrow an. Bis zum Antrittsbesuch an der Universität Rostock und der Pressekonferenz blieb ihm nur noch eine kleine Mütze Schlaf. "Güstrow und seine Umgebung haben mich umgehauen", erzählt er, "das Ruhrgebiet hat zwar schöne, grüne Inseln, aber wenn Ausflugswetter ist, treten sich dort alle auf die Füße."

Als er eine Stunde am Stadtrand von Güstrow joggt, trifft er auf ein Reh und sonst niemanden. Er lädt Freunde und Kollegen ein. Die beneiden ihn nun um einen Lebensort, an dem die Natur noch das Sagen hat. Und viele fragen bereits beim ersten Besuch an, wann sie wieder kommen können.

Auch in Fachkreisen hat Stefan Schröder erreicht, was sich der Güstrow Tourismus e.V. auf die Fahne geschrieben hat, nämlich die Barlachstadt Güstrow noch bekannter zu machen. In diesem Jahr finden am 13. Oktober bereits die 6. Güstrower Herbstgespräche statt, zum Thema "Tiergestützte Therapie". 2010 lautete das Thema "Psychiatrie in der DDR" und 2011 "Irre ist anders; Psychiatrische Pflege auch". Zu den spannenden Vorträgen und Podiumsdiskussionen kommen inzwischen nicht nur Vortragende und Teilnehmer aus Deutschland, sondern auch aus den USA, Großbritannien und Holland. Wenn die Teilnehmer im Festsaal des Güstrower Schlosses öfter ihren Blick zur Decke richten, geschieht das nicht, weil sie gelangweilt sind, sondern weil diese mit einmaligen plastischen Reliefs geschmückt ist.

Stefan Schröder gelingt es auch hier mühelos, Menschen zueinander zu bringen. Sein Wissen wird in Fachkreisen geschätzt. An der Greifswalder Universität wurde jetzt seine Professur beantragt. Im Frühjahr 2011 wurde in Fachzeitschriften und in der Tagespresse viel über eine Untersuchung berichtet, die unter seiner Leitung acht Jahre lief. Das Ergebnis war, dass an Demenz erkrankte Menschen länger leben, wenn sie nicht im Altersheim, sondern zu Hause betreut werden. "Ich will die Heime nicht verteufeln", sagt Stefan Schröder, "unsere Untersuchung sollte vielmehr Anlass sein, nach Verbesserungsmöglichkeiten in Heimen, aber auch über Alternativen wie Wohngemeinschaften, nachzudenken."

Diese Themen sind auch seiner Frau nicht fremd. Stefanie gilt als Spezialistin in der Psychiatriepflege. Außerdem ist sie ausgebildet als Coach und psychologische Beraterin. Mit ihrem Mann nach Güstrow zu ziehen, war für sie kein Problem. Hamburg und Berlin liegen von hier aus für sie gleich um die Ecke. Die Wohnung am Güstrower Markt war für sie Liebe auf den ersten Blick. Was sie an Güstrow genießt? Die Weite des Landes, die Nähe zur ungestümen Natur und zum Meer. Befragt nach einer besonderen Eigenschaft ihres Mannes, antwortet sie, dass er sich ganz seiner Lebensaufgabe hingibt, alle Beziehungen heilsam, liebevoll, fröhlich und schöpferisch zu gestalten.

"Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot", heißt es bei Michael Ende. Stefan Schröder ist ein sehr lebendiger Mann und von einer erstaunlichen Offenheit. Er und seine Frau wissen, dass Liebe kein Himmelsgeschenk ist.

Wenn die berühmten Worte vom Glück - geliebt zu werden und zu lieben - Bestand haben sollen, dann muss man sich Zeit füreinander nehmen. Das zu tun, was beiden Erfüllung bringt, praktizieren sie auch. Bei einem Nachbarschaftsfest, das sie für Marktanrainer organisierten, reiste übrigens extra eine ehemalige Bewohnerin aus Berlin an und schenkte ihnen eine alte Ansichtskarte vom Haus.

Eine Zeichenmappe auf Reisen

Wie zu vielen Themen kann Stefan Schröder lange über die Geschichte des 1510 errichteten Gebäudes referieren. Er holt das gerahmte Foto von der Wand und später aus einer Mappe Zeichnungen. Emma verkündet mir: "Hat Papa gemalt". In der Mappe sind auch ein frühes Selbstporträt und eine Zeichnung, die er mit fünfzehn Jahren von seinem elfjährigen Bruder angefertigt hat. Für Stefan Schröder ist dieses Bild eine gute Erinnerung an ihn, denn sein Bruder verstarb bereits mit 39 Jahren.

Als Abiturient liebäugelte Stefan Schröder mit einem Kunststudium, folgte dann aber doch der Familientradition. Seine Eltern und beide Großväter arbeiteten als Ärzte. Von seiner in Stuttgart lebenden Mutter spricht er voller Liebe und Hochachtung, weil sie trotz ihres Engagements für ihren ärztlichen und psychotherapeutischen Beruf nicht nur ihm, sondern auch seinen vier Geschwistern Wurzeln und Flügel verliehen hat. Weihnachten 2011 schenkte er ihr ein Foto, auf dem er mit Emma zu sehen ist. Den Rahmen schmückt ein Satz mit liebevollen russischen Worten. Kyrillische Buchstaben sind seiner Mutter nicht fremd. Sie wuchs deutsch- und russischsprachig auf, denn ihre Eltern stammen aus Sankt Petersburg.

Irgendwann wird sich die Zeichenmappe des gebürtigen Würzburgers Stefan Schröder, die ihren Weg über Stuttgart, Brüssel, Erlangen, Heidelberg und Bochum nach Güstrow nahm, weiter füllen. An Motiven mangelt es nicht. Sie liegen ihm schon beim Blick aus den Fenstern seiner Wohnung zu Füßen.


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