Coca Cola? Ein Irrglaube! : Der Mann, der den Weihnachtsmann erfand

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Wie ein Deutscher vor 150 Jahren Millionen Kindern den Weihnachtsmann schenkte – und ein tragisches Ende fand

svz.de von
24. Dezember 2013, 20:00 Uhr

Wer erfand den Weihnachtsmann? Coca Cola? Ein Irrglaube! Es war ein Deutscher, der das Bild des drolligen Dicken geprägt hat, lange bevor der Apotheker John Pemberton das Zuckergetränk erfand: Der Karikaturist Thomas Nast, Sohn eines preußischen Militärmusikers und Schöpfer des Dollar-Zeichens, skizzierte vor 150 Jahren den Prototyp des globalen Weihnachtsmannes.

Weihnachtsmänner! Überall Weihnachtsmänner!

Sie erobern Schaufensterauslagen, kraxeln als aufblasbare Fassadenkletterer Hauswände hoch. Sie verfolgen uns in der Werbung, schmücken Krawatten und Gedenkbriefmarken, hocken cool am Pool und schlürfen braune Brause. „Ein bisschen inflationär“, findet Landaus Stadtarchivarin Christine Kohl-Langer. Der pensionierte Schulleiter Hubert Lehmann, ein freundlicher älterer Herr mit weißem Bart und randloser Pauker-Brille, kann die kletternde Landplage gut leiden: „Ein Eye-Catcher! Der Mann ist ein Glücksfall für unsere Stadt!“

Hubert Lehmann, 76 Jahre alt, leitet den Thomas-Nast-Verein in Landau in der Pfalz, der das Andenken an den schillernden, hierzulande kaum bekannten Künstler in Ehren hält: Der größte Sohn der 40 000-Einwohner Stadt gehört zu den berühmtesten Karikaturisten des 19. Jahrhunderts. „Sein Weihnachtsmann ist nur Beiwerk!“ sagt Lehmann. Die grafische Polemik und der scharfe Witz des gefürchteten Star-Illustrators beeinflusste die Wahl von sechs US-Präsidenten. In vielen Symbolen leben seine Illustrationen bis heute fort: Die Partei-Figuren der Demokraten und Republikaner, der Esel und der Elefant, der Rekrutenschreck „Uncle Sam“, selbst das Dollarzeichen. Diesem Weihnachtsmann erteilt der Katholik Lehmann gern Absolution: „Mit dieser schillernden Figur können wir bei Kindern und Jugendlichen leichter das Interesse für die Karikatur wecken.“

In seiner Heimatstadt begegnen wir Nast auf Schritt und Tritt: Ob als Namenspatron für Schulen, für Wein oder für den alljährlichen Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus - überall erinnert Landau an den berühmten Künstler und Moralisten. Jährlich vergibt die Stadt den internationalen Nast-Preis für den besten Karikaturisten des Jahres. Der letzte Glückliche war der französische Illustrator Tomi Ungerer, 82. Seit ein paar Monaten erinnert ein stählernes Denkmal vor Nasts Geburtshaus an den Stolz Landaus. „Wie gemacht“ sei die Sache in punkto Stadtmarketing, meint der ehemalige Oberbürgermeister und Ehrenbürger, Christof Wolff. Komisch nur, dass diese Geschichte offenbar immer noch nicht so richtig in die weite Welt durchgedrungen ist.

Wir wollen mehr erfahren über den Schöpfer des unsterblichen Alten im Scharlachgewand. Im Stadtmuseum, einer repräsentativen Gründerzeit-Villa direkt neben dem Bahnhof, erwartet uns die Direktorin Christine Kohl-Langer. Landaus Erste Archivarin hütet einige Artefakte aus dem Nachlass des Weihnachtsmann-Erfinders: Dutzende Karikaturen, Weihnachts-Zeichnungen, Holzschnitte, alte Magazine, Familienstücke, Chroniken, vergilbte Fotos und manches mehr.

Das Geburtsregister des Stadtarchivs von 1840 gibt erste Auskunft: Am 26. September 1840, morgens um zehn, kommt Thomas Nast als Sohn des 31-jährigen Militärmusikers Joseph Thomas Nast und seiner sieben Jahre älteren Ehefrau Apollonia Abriß in der Roten Kaserne zur Welt. Der Junge ist das fünfte Kind, drei seiner Geschwister sind bereits gestorben. 

Eine Kindheit

in Armut: Vater Joseph, „Hautboist“ im königlich-bayerischen Infanterieregiment Wrede, ist ein armer Schlucker. Sein Tagessold beträgt magere 30 Kreutzer. Der Mannschaftsraum ist gleichzeitig Wohn- und Krankenstube, Geburts- und Sterbekammer. In der Kaserne herrscht ein raubeiniger Ton. „Ein harmonisches Privatleben ist kaum möglich“, sagt Museums-Leiterin Kohl-Langer.

Nasts weihnachtsmärchenhafter Aufstieg zum Vater des Weihnachtsmannes erscheint heute wie die Erfüllung des amerikanischen Traums. Um der Armut in der Heimat zu entfliehen, wandert die Familie aus. Wie Millionen Deutsche, die im 19. Jahrhundert jenseits des Atlantiks ihr Glück suchten. 1846 verlässt der sechsjährige Thomas mit Mutter und Schwester Catherine über Straßburg und Le Havre die Heimat in Richtung Amerika. Mit nichts im Gepäck, außer wenigen Habseligkeiten und dem

 Traum von einem besseren Leben in der Neuen Welt. Und ohne den Vater: Ein Jahr lang muss der Unteroffizier auf seine Entlassung aus der Armee warten, ehe er seine Familie in New York in die Arme schließen kann. 

Der Anfang

ist schwer: Nast junior hasst die Schule. Mit der neuen Sprache mag er sich nicht anfreunden. Aber Thomas malt wie ein Besessener – und findet eine andere Ausdrucksweise: Seine Bilder! Sein Talent bleibt nicht verborgen: Vater Nast gibt seinen Sohn zu Theodor Kaufmann, einem deutschstämmigen Historienmaler der Münchner Schule. Der Salon-Kommunist, ein Freund Richard Wagners, verpasst dem jungen Talent den Feinschliff und weckt in ihm das Interesse für Politik. Der sperrige 1848er-Freischärler war aus seiner alten Heimat geflohen. Er wurde steckbrieflich gesucht, weil er während der Mai-Revolution auf den Dresdner Barrikaden gekämpft hatte.

Früh folgt der erste große Schicksalsschlag: Nast verliert seinen Vater, der überraschend mit nur 46 Jahren stirbt. Gerade 15 Jahre alt, muss er nun die Familie ernähren. Keine leichte Aufgabe für einen Teenager: Das Zeitungsgeschäft ist hart umkämpft. Glück für den Jungen, dass die Fotografie noch in ihren Anfängen steckt. „Gute Zeichner waren heiß umworben“, erfahren wir von Stadtarchivarin Kohl-Langer. Für vier Dollar in der Woche heuert der damals jüngste Pressezeichner der Welt bei der „Illustrated Weekly Newspaper“ an. „Von morgens um vier bis in die Nacht steht er am Zeichenpult“, heißt es in der Stadt-Chronik.

Schon mit 20 gelingt der Durchbruch. Das Porträt eines Jahrhundert-Boxkampfes in England stößt 1860 auf ein weltweites Echo. Nast verlängert seine Europa-Reise. Für einige Wochen schließt sich der Moralist und Idealist Garibaldis Freiheitskämpfern in Süditalien an. Der Rückweg in die Staaten führt ihn kurz vor Weihnachten in seine Geburtsstadt Landau: „Der Heldenkünstler wird in der kleinen Festung zu allen Tages- und Nachtzeiten gefeiert!“ heißt es euphorisch in der Stadt-Chronik. Die Landauer Zeitungen erwähnen seinen Besuch mit keinem Wort. Nast wird seine Heimat nicht wiedersehen.

Im Juli 1861 heiratet er seine große Liebe Sarah Edwards. Die junge Frau aus der amerikanischen Oberschicht bringt dem Jungstar literarische Bildung bei und Geld und Inspiration in die Ehe. Sarah teilt mit ihrem jungen Ehemann die Leidenschaft für Fabeln und Mythologie.

Inzwischen zu Ansehen und Wohlstand gekommen, treibt Nast seine Karriere unermüdlich voran: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tobt der Bürgerkrieg (1861 bis 1865). Die Amerikaner lechzen nach Bildmaterial. Bei „Harper´s Weekly“, der ersten illustrierten Zeitschrift Amerikas, stillt Nast den Bildhunger der Unionisten mit Illustrationen von Kampf- und Feldlagerszenen. „Die Blätter erreichen Millionenauflage“, weiß Landaus ehemaliger Stadtarchivar Michael Martin. „Nast trifft mit seinem Stil die Stimmung der Nordstaatler.“ Für Präsident Abraham Lincoln ist der eingewanderte Deutsche der „beste Werbeoffizier der Armee“.

Jetzt schlägt Nasts

 große Stunde: 1863 skizziert er eine weihnachtliche Lichtgestalt, die die Soldaten der Union im Feld vom Schlitten aus beschert: Einen birnenförmigen, gutgelaunten Greis mit schneeweißem Rauschebart. Seine Wangen schimmern wie Rosen, die Augen glitzern: Der Weihnachtsmann ist da! Der lachende Alte erinnert an einen fröhlichen Bacchus. Zwischen den Zähnen dampft ein Stummelpfeifchen. Bei der Pelzverbrämung des roten Gewands, Konfektionsgröße XXXL, lässt sich Nast von der Kollektion des New Yorker Pelzhändlers und Hoteliers Astor inspirieren.  

Pate für die neue Identifikationsfigur stehen u. a. der holländische „Sinterklaas“, aber vor allem die bleibende Erinnerung an einen rauen Gesellen aus Pfälzer Weihnachts-Kindertagen: Der kettenrasselnde „Belzenickel“, der anderswo auch Knecht Ruprecht, Krampus, Hans Trapp oder Klausen heißt. Lehrer Lehmann könnte sich schütteln: „Ausgerechnet der Belzenickel, der böse Kinder in den Sack steckt!“ Auch ihm hat in der Kindheit der grimmige Gehilfe des Nikolaus gehörig das Fürchten gelehrt. „Der kam ja nicht mit Geschenken. Der drohte uns mit dem Besen und las uns die Sünden vor. Das war nicht sehr erfreulich!“

Zum Ende des Bürgerkriegs ist Thomas Nast, erst 25 Jahre alt, auf dem Zenit seines Schaffens. Sein Federstrich kann Politiker in den Olymp hochjubeln oder zu Boden schmettern. „Ich versuche den politischen Gegner zwischen den Augen zu erwischen und strecke ihn dann nieder.“ Ob Kandidaten, Sieger oder Geschlagene – der Pfälzer porträtiert sie alle. „Abraham Lincoln verdankt seine Wiederwahl vor allem seinen Zeichnungen“, sagt Stadtarchivarin Kohl-Langer.

Doch Nasts Stern

 sinkt: Nach Jahren der inneren Zerrissenheit strebt die amerikanische Gesellschaft nach Harmonie. Schlechte Zeiten für Karikaturisten. Das Holzschnitt-Verfahren gerät ins Abseits. Nast ignoriert die neuen Reproduktions-Techniken bei den Zeitungen. Auch privat geht es abwärts: 1884 verliert er durch Spekulationen fast sein gesamtes Vermögen. Sein langjähriger Arbeitgeber, „Harper´s Weekly“, feuert ihn. 1893 ist Nast endgültig pleite.

Mit nur 53 Jahren endet die Karriere des einflussreichsten politischen Zeichners Amerikas. Sporadisch kommen noch Aufträge, fast ausschließlich Weihnachtsmotive. 1901 kreiert Nast seinen letzten Weihnachtsmann. Ein Jahr später bietet ihm sein Freund Theodore Roosevelt die Position des amerikanischen Generalkonsuls in Ecuador an. Eine Art Gnadenbrot: Der Präsident hält es für eine „nationale Pflicht, etwas für diesen tapferen, alten Burschen zu tun“.

Am Äquator verbringt Nast, der viel lieber nach Deutschland zurückgekehrt wäre, seine letzten Monate. „Hier gedeihen Mäuse, Ratten, Flöhe, Spinnen und Schmutz prächtig!“ Nach einem halben Jahr erkrankt er an Gelbfieber. „Meine Glieder sind steif und verkrampft“, lauten seine letzten Worte in einem Brief an seine Frau. 62jährig stirbt Thomas Nast am 7. Dezember 1902 in Ecuador - einen Tag nach Nikolaus. 1931 wird seine Weihnachtsfigur endgültig unsterblich: Der führende Hersteller für zuckerhaltige Getränke nimmt dem Weihnachtsmann die Pfeife aus der Hand und ersetzt sie durch eine Brause-Flasche. Prost, Weihnachtsmann!

Thomas Olivier  

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