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Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 22:57 Uhr

Der letzte Zivi

vom

svz.de von
erstellt am 17.Apr.2011 | 04:08 Uhr

Rostock | "Komm mal!" "Guck mal!" "Nimm mal!" - Von dem Moment an, in dem Felix Hohensee den Raum der "Igelgruppe" betritt, kommt er kaum noch zur Ruhe. Dass er "nur" als Zivi in der Kindertagesstätte "Sonnenkinderhaus" in Rostock Lütten-Klein seinen Dienst leistet, wissen die anderthalb- bis zweijährigen Steppkes nicht - für sie ist er ebenso wie die Erzieherinnen und Erzieher Ansprechpartner für all ihre großen und kleinen Sorgen und Nöte. Hosen und Jacken zuknöpfen, Brote schmieren, Nasen putzen, hochheben, Trost zusprechen, Tränen trocknen, zwischendurch auch schnell einmal Tische decken, Möbel abwischen und den Fußboden kehren - dass solche Tätigkeiten einmal seine Hauptbeschäftigung sein würden, hat sich der 22-Jährige vor gar nicht allzu langer Zeit selbst noch nicht träumen lassen.

Doch er hat sich ganz bewusst für diese neue Erfahrung entschieden - auch, als ihm das Bundesamt für Zivildienst im letzten Moment ein Hintertürchen öffnen wollte - "sie fragten noch mal nach, ob ich jetzt, zum letzten möglichen Termin, den Dienst wirklich noch antreten will" - blieb er dabei, die nächsten sechs Monate im "Sonnenkinderhaus" arbeiten zu wollen. So ist der Rostocker einer der allerletzten jungen Männer, die in Deutschland ihren Zivildienst leisten - "gezogen" zum letzten Einberufungstermin auch für Wehrdienstleistende am 1. März. Zum 1. Juli wird dann der Wehrdienst und mit ihm auch der Zivildienst ausgesetzt.

Felix Hohensee, der aus Weißwasser stammt und im "zivilen Leben" als Einzelhandelskaufmann bei Ikea in Rostock arbeitet, bedauert das ein wenig. "Ich kann nur jedem zuraten, einen Freiwilligendienst zu leisten. Das erweitert einfach den Horizont."

Dass er keinen Wehrdienst leisten wollte, stand für den jungen Mann schon früh fest: "Ich habe von meinen Eltern gelernt, dass man Konflikte nicht mit Gewalt löst. Deshalb kam für mich der Bund nicht in Frage." Den Zivildienst sah er als "möglicherweise die letzte Gelegenheit, noch einmal etwas ganz anderes zu machen" . Ganz bewusst ging er deshalb auf die Suche nach einer Stelle in einer Kindereinrichtung. "Das hatte auch mit meiner dreijährigen Nichte zu tun, von der ich total fasziniert war", meint Felix . Und dass er zur Zeit der Zivi-Stellensuche bei Ikea in der Kinderabteilung arbeitete, tat das Übrige dazu.

Im "Sonnenkinderhaus" hat man seit Jahren gute Erfahrungen mit Zivil- und Freiwilligendienstleistenden gemacht. "Wir hatten gleich seit 1992 Zivis - als eine der ersten Einrichtungen überhaupt", erinnert sich Gerlinde Schörner, die Leiterin der evangelischen integrativen Kindertagesstätte. In den Anfangsjahren hätten die jungen Männer die Entscheidung für den Zivildienst meist damit begründet, dass sie keinen Dienst mit der Waffe leisten wollten - "das war noch der Ost-Tenor", meint die Kita-Leiterin. Später hätten sich die Begründungen gewandelt: Von "nicht von zu Hause wegwollen" war die Rede, davon, dass Wehrdienst zu stressig und Befehle zu befolgen nicht ihr Ding sei. "Und ganz viele sagten, dass sie nützliche Arbeit leisten und dabei auch etwas Neues ausprobieren wollten." So wie auch Felix Hohensee.

"Vieles war eine ganz schöne Umstellung. Früher klingelte mein Wecker erst kurz vor neun, denn ich hatte nur einen ganz kurzen Weg zur Arbeit. Jetzt muss ich früher raus, habe aber auch schon um halb fünf Feierabend - und sonnabends frei…", erzählt der Zivi.

Auf die Kinder musste er sich erst einstellen - "es ist erstaunlich, was für verschiedene Charaktere es schon in der Krippe gibt und welche Entwicklungsunterschiede man bei gleichaltrigen Kleinkindern beobachten kann". Überhaupt beobachtet Felix Hohensee gern, wenn er dazu Zeit findet: Jungs kämen eher zu männlichen Erziehern, wenn sie Hilfe oder auch einen Streitschlichter brauchen. "Und wenn sie Fußball spielen wollen, dann machen sie das auch lieber mit mir als mit einer Erzieherin…"

Felix sei ein Glückstreffer, lobt Gerlinde Schörner ihren letzten Zivi. Er würde sehen, wo Arbeit anfällt und ungefragt zupacken - "das hatten wir ganz selten". Er hätte Ideen, mit denen er sich einbringt - gerade hätte er zum Beispiel ein Plakat mit Fotos von den letzten Aktivitäten der Igelgruppe gestaltet. Man würde bei ihm, wie auch bei früheren Zivis, die schon Berufserfahrung hatten, einfach merken, dass er es gewohnt sei, im Team zu arbeiten und Regeln einzuhalten. "Abiturienten tun sich da anfangs oft schwerer", hat Gerlinde Schörner beobachtet.

Trotzdem setzt sie weiter auf junge Leute, die in der Kita einen Freiwilligendienst leisten wollen - im Freiwilligen Sozialen Jahr oder auch im neuen Bundesfreiwilligendienst. "Dahinter stehen keine finanziellen Erwägungen. Es ist einfach eine Bereicherung, mit jungen Leuten zu arbeiten - sie pushen das Team. Und natürlich sind es zwei helfende Hände", betont die Kita-Leiterin. Sie hätte sich deshalb auch immer gefreut, wenn ein Zivi seinen Dienst freiwillig noch ein wenig verlängert hätte. Beim letzten Durchgang sei das aber nicht mehr möglich, habe man ihr signalisiert.

Felix selbst schmiedet schon Pläne für die Zeit nach dem Zivildienst - Pläne für die Arbeit bei Ikea. Schließlich hat er sich schon zum Teamassistenten weitergebildet - und möchte noch mehr aus sich machen. Aber: "Kollegen, die mich von den Kindern schwärmen hören, fragen schon manchmal, ob ich überhaupt zurückkommen will", erzählt er. Im Moment gäbe es für ihn daran aber keine Zweifel.

Allerdings ist er ja auch erst seit sechs Wochen in der "Igelgruppe". Bald soll er zu den "Mäuschen" wechseln. Auch dort wird jeder Tag wieder ein Abenteuer. Und eine Herausforderung - bis zur letzten Minute. Denn wenn Felix Feierabend macht, kann es passieren, dass sich die Kinder an ihm festklammern und jammern: "Geh nicht weg!" "Es haben sich auch schon Kinder weinend auf den Boden geworfen, wenn ich gehen wollte", erzählt der junge Mann. Und man sieht ihm an, dass er selbst nicht so richtig weiß, ob er darüber lachen oder weinen soll.

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