zur Navigation springen

Thanatopraktiker : „Der letzte Blick bleibt in Erinnerung“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Thanatopraktiker bereiten Tote für die Aufbahrung im offenen Sarg vor

svz.de von
erstellt am 21.Jul.2015 | 12:00 Uhr

Eine ungewohnte Normalität: Die erste Szene des US-Films „My Girl – Meine erste Liebe“ von 1991 bleibt für lange Zeit in Erinnerung. Harry Sultenfuss (Dan Aykroyd) ist Bestatter und gerade dabei, eine Leiche für die Aufbahrung zu präparieren und zu schminken. Seine kleine Tochter Vada (Anna Chlumsky) singt fröhlich ein Lied und schaut dem Vater kurz zu, dann dreht sie sich um und geht.

Detlef Mock aus Zeuthen (Dahme-Spreewald) schüttelt den Kopf. Ganz anders laufe es bei ihm ab, sagt er. Still, steril müsse man sich seine Arbeit vorstellen. Nur er und seine „Kunden“, die Verstorbenen, sind da. Der Brandenburger ist Bestatter – und Thanatopraktiker. Damit gehört er zu den etwa 100 Spezialisten auf diesem Gebiet in Deutschland.

Mocks Arbeitsplatz ist ein gekachelter Raum. Es ist kühl hier. In der Mitte steht ein Edelstahltisch – ähnlich wie in der Gerichtsmedizin – mit einer Kopfstütze und seitlichen Abflussrinnen. Chirurgenbesteck liegt bereit, viele Produkte aus der Schönheitschirurgie, Bodylotion und Schminke stehen parat, sowie Desinfektionsmittel. Mock, ein großgewachsener Mann, trägt einen langen grünen Kittel und macht einen sympathischen Eindruck. Man stellt sich einen Menschen anders vor, der jeden Tag mit Leichen zu tun hat. Irgendwie gruseliger.

Der Thanatopraktiker, im Englischen „Embalmer“, also Einbalsamierer genannt, erweist den Toten den letzten Dienst. Mit seinem Handwerk ermöglicht er, dass Verstorbene offen aufgebahrt werden können, damit sich die Angehörigen von ihnen verabschieden können. Ohne dass der letzte Anblick sie verstört oder erschreckt. Würdig soll er am geöffneten Sarg ausfallen: „Als ob der Verstorbene schlafen würde“, sagt der Fachmann.

Thanatopraktiker wurde der Bestatter durch eine Zusatzausbildung, die er in Düsseldorf am Deutschen Institut für Thanatopraxie absolvierte, in dem Latein genauso wie Anatomie und Mikrobiologie auf dem Lehrplan steht. Die Praxisphase absolvierte Mock im Rahmen eines Gaststipendiums in England. Dort behandelte er mehr als 300 Leichen.

Mittlerweile steht er dem Verein der Deutschen Einbalsamierer mit Sitz in Zeuthen vor. Er weiß, dass viele Menschen den Kopf schütteln, wenn sie von der Arbeit eines Thanatopraktikers hören. Sie fragen sich, wofür der Abschied vom Verstorbenen am offenen Sarg gut sein soll. Warum soll man den Leichnam sehen? Ist es nicht besser, die Erinnerung an den Lebenden zu behalten? Den Rat, der oft Hinterbliebenen gegeben wird, kann der Brandenburger nicht nachvollziehen und auch nicht gutheißen. Denn der Abschied am Sarg beruhige doch und zeige – bei entsprechender Präparierung –, dass der Verstorbene nicht mehr leide.

Und dies sei, wissenschaftlich erwiesen, der erste Schritt der Trauerbewältigung. Der Abschied vom Toten schaffe Klarheit. Wichtig sei das vor allem bei plötzlichen Todesfällen. „Wenn der Leichnam offen aufgebahrt wird, können die Angehörigen den Verstorbenen sehen, berühren und begreifen, dass er nicht mehr unter ihnen weilt, tot ist“, erklärt Mock. Zu abstrakt sei das Sterben sonst. Zu weit weg. Zu unreal.

Der Einbalsamierer sorgt dafür, dass der Leichnam „ansehnlich“ ist, ästhetisch und hygienisch: Nach der Behandlung verschwinden Totenflecken, der unangenehme Geruch ist weg, die eigentlich blass-gelbliche Haut ist nun rosig. Die Prozedur hat nichts Gruseliges an sich und verläuft eher unspektakulär, wenn auch aufwendig. Wenn Mock einen Verstorbenen einbalsamiert, entnimmt er keine Organe wie im alten Ägypten, auch wenn an der Wand in seinem Büro neben all den Urkunden ein Bild von Anubis, dem altägyptischen Gott des Totenkultes, hängt. Vielmehr gleicht das „Embalming“einer medizinischen Prozedur: Zunächst wird der Körper desinfiziert und gewaschen, dann massiert der Thanatopraktiker die Muskeln, um sie zu lockern und so den Flüssigkeitsaustausch zu unterstützen. Über einen Zugang in der Halsschlagader injiziert er eine formalinhaltige Flüssigkeit. Sie konserviert, desinfiziert und verzögert die Verwesung.

Die Prozedur ähnelt dem Verfahren, das bei der Dialyse verwendet wird. Das Blut des Toten wird mittels einer Pumpe gegen die konservierende Flüssigkeit über das Venensystem im Körper ausgetauscht. Nach der etwa zweistündigen Behandlung wird geschminkt und frisiert. Nicht künstlich wie bei einer Mumie, sagt Mock. Vielmehr sähen die Toten wie frisch gebadet aus. „So dass man ihnen ohne Furcht und Ekel ins Gesicht schauen und sie berühren kann“, betont der Experte.

Manchmal geht es nicht nur um Leichenkosmetik im Sinne der Ästhetik und Verwesungsverzögerung, manchmal müssen restaurative Arbeiten gemacht werden, zum Beispiel nach einem Unfalltod oder nach Selbstmord. Mock erinnert sich an den Fall eines jungen Mannes, der sein Leben beendete, indem er sich vor einen Zug warf. Der Anblick des regelrecht massakrierten Leichnams konnte den Eltern, die einen Abschied wünschten, nicht zugemutet werden. Also machten sich Mock und ein Kollege aus Stuttgart ans Werk: Zwei Tage dauerte die Prozedur. Sie setzten Körperteile zusammen und ergänzten mit Silikonmasse fehlende Schädel- und Gesichtsteile. Ein Foto diente als Vorlage, Materialien von Maskenbildnern als Werkstoff. „Wir haben dafür gesorgt, dass der Sohn offen aufgebahrt werden konnte. Die Eltern konnten sich so von ihm ohne Schrecken verabschieden“, sagt Mock und fügt hinzu: „Der letzte Blick bleibt in der Erinnerung.“

In Deutschland müssen die Angehörigen die Behandlung eines Einbalsamierers ausdrücklich wünschen und dafür ihr Einverständnis geben. Anders als in den USA, England und Frankreich gehört hierzulande die thanatopraktische Behandlung nicht zur Bestattung. In den USA wird der Thanatopraktiker bei fast allen Erdbestattungen gerufen. Es ist üblich, dass Verwandte und Freunde Abschied am offenen Sarg nehmen. In Deutschland ist dieses Handwerk eine Nische. Sobald der Tote im offenen Sarg aufgebahrt wird, ist die thanatopraktische Behandlung notwendig. Gesetzlich vorgeschrieben ist die Einbalsamierung nur bei Leichenüberführungen in manche Länder wie Griechenland.

Mocks Kunst ist auch international gefragt. Er gehört zusammen mit 40 anderen Thanatopraktikern zum „Death Care und Embalming Team Germany“, einer privaten humanitären Hilfsorganisation. Sie kommt nach großen Katas-trophen mit vielen Todesopfern international zum Einsatz. Die „Embalmer“ konservieren dann Leichen, um ­einerseits die Seuchengefahr einzudämmen, andererseits um die Verstorbenen identifizieren und überführen zu können. So geschehen 1999 nach dem großen Erdbeben in der Türkei und 2005 nach dem Tsunami in Thailand, wo die Truppe im Auftrag des Auswärtigen Amtes ehrenamtlich geholfen hat. „Es waren anstrengende Wochen“, erinnert sich Mock.

Dem Bestatter, der seit 25 Jahren im Beruf ist, ist klar, dass die Einbalsamierung und die Behandlung von Leichen ein hochsensibles Thema ist. „Es ist immer wieder eine Herausforderung, die Behandlung so zu beschreiben und weg von einem ,Frankenstein-Image‘ zu bringen, dass man den Sinn der Einbalsamierung versteht und darin nichts Verwerfliches sieht“, sagt er. Hinterher sind die Angehörigen dankbar und erleichtert, wenn sie ihren Verstorbenen für seinen letzten Weg gut vorbereitet wissen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen