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Zirkus-Dynastie : Der letzte aktive Malmström in Rente

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Torsten Malmström als Rentner? Nicht mehr im Zirkus? Nicht mehr auf Reisen? Ja, es stimmt, er hat für sich das Licht in der Manege ausgemacht. Damit ist die Zirkus-Dynastie Kolter-Malmström nicht mehr aktiv.

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erstellt am 15.Jan.2012 | 07:32 Uhr

Güstrow | Torsten Malmström als Rentner? Nicht mehr im Zirkus? Nicht mehr auf Reisen? Ja, es stimmt, der Güstrower hat für sich das Licht in der Manege ausgemacht. Damit ist die Güstrower Zirkus-Dynastie Kolter-Malmström nicht mehr aktiv. In siebenter Generation war Torsten Malmström der bislang Letzte, der ohne Zirkusluft nicht auskam. Aber es muss nicht der oder die letzte Malmström nach einer fast 300-jährigen Geschichte - seit 1725 - sein. Zwar fühlt sich in seiner Familie gegenwärtig keiner praktisch zum Zirkus hingezogen. Aber Torsten Malm ströms Enkel könnte in der neunten Generation die Zirkus-Familie Kolter-Malmström wieder aufleben lassen. Allerdings ist Finn-Joel erst ein Jahr…

Zirkus in die Wiege gelegt - "Onkel Arthur" war der Ausbilder

Aber zurück zu seinem Karriere-Ende, denn eine Karriere war es unbenommen. Sie begann - vermutlich schon in der Wiege. "Das war so, denn seitdem ich mich erinnern kann, ging es in unserer Familie um Zirkus, auch wenn ich nicht gleich in der Manege landete", erinnert sich der 63-Jährige. Kein Wunder, denn "Tante Emmi" - Herbert Malmström - war Torstens Vater. Sein Ausbilder war aber Onkel Arthur. Sein Vater Herbert war der "Künstler" und Bruder Hans der "Techniker". Alle Drei wurden in den 1920- und 1930er-Jahren durch ihre einzigartige Luftnummer, das Dreifach-Trapez, international berühmt. Unter solchen Fittichen war das Zirkusleben programmiert. Zuvor legte Torsten Malmström dafür aber einen sportlichen Grundstein in der Kinder- und Jugendsportschule. "Nach der 8. Klasse wurde ich zum Sportleistungszentrum Berlin delegiert, Ziel: Spitzensportler", erzählt er. Aber daraus konnte in der Zirkusfamilie Kolter-Malmström nichts werden. Alles weitere ging in Richtung Artist. Im elterlichen Varieté begann Torsten Malmström mit der Lehre. Die ging von 1962 bis 1965. Mit dem Varieté reiste er durch die ganze DDR, bis es 1965 aufgelöst wurde.

Mit den "Rectons" privilegiert und die Welt gesehen

Die nächste Station war die Artistenschule Berlin, die er 1967 mit einem Fachschulabschluss beendete. Für seine weitere Artistenkarriere kam ihm der Zufall zur Hilfe. Malmström: "In einer Recknummer fehlte ein Mann. Ich war gerade in der Reckausbildung. Die Riesenwelle konnte ich schon. Das war der Beginn der ,Rectons’." Die waren damals einmalig mit ihrer Quadrat-Recknummer. Dazu kam noch eine ebenfalls in Europa sensationelle Parterre-Akrobatik in der Samarra-Truppe. Hier gehörte Torstens Frau Brigitta dazu, die außerdem mit einer Solo-Trapeznummer glänzte: ein Ehepaar im Dreifachpack in der Manege.

Mit den "Rectons" ging Torsten Malmström im "Zirkus Aeros" ab 1973 auf Reisen. Sein erstes Engagement war im Februar 1973 im "Zirkus Krone" in der Bundesrepublik. Ein besonderer Beginn, denn im "Zirkus Krone" endete im Dezember 2011 seine Karriere!Aber dazu später. Für Torsten Malmström und seine Frau begann eine wunderbare Zeit, die allerdings mit diesen Spitzenleistungen beiden über Jahre alles abverlangte. Torsten Malmström genoss es. Er war in Europa fast in jedem Land, gastierte in Kuba, in der Mongolei und in der Sowjetunion von Riga bis Tiflis. Deshalb gibt er zu: "Ich war privilegiert. Ich hatte mein Genex (Valutas über das Schalck-Imperium) -Konto, brauchte auf einen Trabant nur Wochen zu warten und fuhr auch einen Volvo."

Zirkus-Aus mit der Wende, dann kam zum Schluss "Zirkus Krone"

1988, mit 40 Jahren, war dann die Artisten-Laufbahn zu Ende und Torsten Malmström erfüllte sich fast noch seinen Wunsch, einmal Zirkusdirektor zu sein. Im "Zirkus Aeros" wurde er bis 1990 stellvertretender Direktor. Wäre die Wende nicht gekommen, wäre es auch noch mit dem Direktor etwas geworden.

Die Wende brachte ihm aber erst einmal das Zirkus-Aus. Torsten Malmström machte sich mit einem Veranstaltungsservice selbstständig. Danach ging er zum "Zirkus Sarrasani" nach Dresden. Dort war er sieben Jahre Betriebsleiter,. Dann war auch da Schluss. Schon für immer? Nein! Der berühmte Österreicher Louis Knie sorgte dafür, dass es weiter gingt. Er suchte für den "Zirkus Krone" einen Zeltmeister. Torsten Malmström, der schon immer ein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein hatte, weil er wusste, was er kann, sagte: "Ich bin es!" 2000 begann er diesen Job im größten Zirkus Europas und erlebte noch einmal tolle Tourneen. Als Zeltmeister war für 32 Mitarbeiter verantwortlich, baute mit ihnen ein Zelt auf, das 5000 Besucher fasste und 3200 Quadratmeter Dach umspannte. "Nur das Zelt hat Fußballfeldgröße", macht er die Größe transparent. Mit 25 Zugmaschinen und 200 Hängern transportierte er die Ausrüstung.

Als er beginnt darüber zu erzählen und man ihn betrachtet, will man es nicht glauben, dass er dem Chapiteau jetzt endgültig Valet gesagt hat. Denn Torsten Malmström ist immer noch drahtig, sportlich, körperlich fit, braun gebrannt und voll Enthusiasmus. Aber Zirkus soll es nicht mehr sein. Malmström: "In solch einem Beruf muss man wissen, wann Schluss ist, sonst bekommt man später nur noch Mitleid zu spüren." Allerdings führten auch einige andere Gründe dazu. Es sei immer schwerer gewesen, so Malmström auch etwas mit Verbitterung, mit den meist ausländischen Arbeitern zurecht zu kommen. Deutsche würden die Zirkusarbeit nicht machen wollen, weil sie "schmutzig, schwer und schnell" sei. Auch sieht der erfahrene Zirkusmann die Zukunft des Zirkusses durch verschiedene Seiten in Gefahr: durch Tierschutzorganisationen wie "Peta", die im Zirkus Elefanten, Pferde und Raubtiere abschaffen wollen. Torsten Malmström: "Aber Zirkus ohne Tiere geht nicht. Er lebt dadurch und durch Akrobatik und Clownerie." Auch gebe es immer mehr Probleme mit Kommunen, die aus solchen Protestgründen den Zirkus nicht mehr in der Stadt haben wollen.

Torsten Malmström möchte nach 50 Jahren Zirkus aber auch endlich sein Zuhause Güstrow genießen. Allerdings wird er nicht in Langeweile erstarren. Er wäre nicht Torsten Malmström, wenn er nicht Projekte in der Schublade hätte. "Wenn ich von Zeltvermittlern angerufen werde, bin ich weiter bereit Zeltanlagen aufzubauen. Dafür habe ich im europäischen Bildungszentrum Berlin eine Ausbildung in Zelttechnik abgeschlossen." Dort wird er vielleicht als Dozent arbeiten. Denn Torsten Malmström gibt gern zu: "Jeden Tag Güstrow halte ich auch nicht aus."


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