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Zugepackt statt weggesehen : Der Lebensretter von nebenan

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tobias Tornauer aus Güstrow sah nicht weg, als ein Mann zusammenbrach, und brachte sein Herz wieder zum Schlagen

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2015 | 12:00 Uhr

Diesen Wochenendeinkauf wird Tobias Tornauer wahrscheinlich nie wieder vergessen: „Weil es bei Aldi keine Kroketten gab, sind wir am Freitag vor anderthalb Wochen abends noch zu Sky gefahren“, erinnert sich der Güstrower. Es sei gegen halb sieben gewesen, und er sei auf direktem Weg zu den Kühltruhen gegangen, als es plötzlich vor der Fleischtheke einen Knall gab. Tornauer drehte sich um und sah einen Mann, der auf dem Boden lag. Eine Frau kniete daneben und hielt seinen Kopf im Schoß. „Sie schrie immer nur seinen Namen“, erinnert sich der Güstrower. „Der Mann stöhnte ganz laut und schnappte nach Luft.“ Schnell hatte sich eine Menschentraube um das Paar gebildet. Doch alle standen nur da, niemand half.

Tobias Tornauer zögerte keinen Moment, riss sich die Jacke vom Leib und drängte sich zu dem Gestürzten durch. „Ich habe seine Lebensfunktionen geprüft und überlegt, was passiert sein könnte – Herzinfarkt oder Schlaganfall“, erinnert er sich. Als die Atmung des Mannes aussetzte, habe er sofort mit der Wiederbelebung begonnen, „20 -mal gepumpt, zweimal beatmet, dann wieder gepumpt…“ Zwischendurch hätte er gedacht, dass der Mann allein atmen könne – ein Trugschluss. „Er verlor wieder alle Farbe – und ich habe wieder reanimiert.“

Als endlich die Rettungskräfte eintrafen, schien Tobias Tornauer eine Ewigkeit vergangen zu sein – tatsächlich versicherte ihm der Notarzt später, habe es seit dem Notruf nur zehn Minuten gedauert. „Und er sagte, ich hätte alles super gemacht – und dem Mann wohl das Leben gerettet“, freut sich der 32-Jährige, der den „Profis“ sogar noch weiter half, den Patienten zu versorgen.

Seine Erste-Hilfe-Kenntnisse hat der zweifache Vater bei der Bundeswehr erworben. „Ich war zwölf Jahre bei der Marine, da mussten wir jährlich den Sani-Schein neu machen.“ Inzwischen hat Tobias Tornauer eine Ausbildung im Justizdienst begonnen, „gerade letzte Woche stand da auch die Sanitätsausbildung auf dem Plan. Es ist schon seltsam, wie das Schicksal manchmal spielt…“

Mit dem Mann, um dessen Leben Tornauer kämpfte, hatte es das Schicksal offenkundig gut gemeint. Wie sich später herausstellte, hatte er nicht nur einen schweren Herzinfarkt, sondern auch ein Kammerflimmern. Nur zwei von 100 Betroffenen überleben das – denn es gibt nur ein Zeitfenster von ein bis zwei Minuten, in dem mit der Reanimation begonnen werden muss. „Ich hatte kurz überlegt, ob ich mich wieder umdrehe, weil schon so viele andere Menschen um den Verunglückten herumstanden – nicht auszudenken, dass er dann wohl gestorben wäre“, meint Tornauer. Denn zwar hätte eine junge Frau mit angepackt, als er versuchte, den Patienten in die stabile Seitenlage zu bringen – aber sonst half niemand, beklagt der Güstrower. „Ich hätte auch erwartet, dass im Markt etwas passiert, dass sie zum Beispiel per Lautsprecherdurchsage fragen, ob zufällig jemand mit einer medizinischen Ausbildung da ist, der helfen kann…“

Tatsächlich, so ergab eine Nachfrage bei der für den Sky-Markt zuständigen Coop in Kiel, gibt es in jedem Markt Alarmpläne und Hinweise zum Verhalten bei Unfällen. Durchsagen oder Ähnliches seien jedoch nicht vorgesehen, so Coop-Sprecherin Sabine Pfautsch. Der Güstrower Marktleiter hätte aber dafür gesorgt, den Bereich, in dem der Patient versorgt wurde, abzusperren. Und er habe die Rettungskräfte eingewiesen.

Lebensretter Tornauer hat von dem, was um ihn herum passierte, kaum etwas mitbekommen. „Auch mein Zeitgefühl war völlig weg.“ Er gab aber der Lebensgefährtin des Mannes, dem er geholfen hatte, seine Telefonnummer. So erfuhr er, dass dem Schwerkranken noch am selben Abend im Güstrower KMG Klinikum mehrere Stents gelegt wurden. Dann versetzten ihn die Ärzte in ein künstliches Koma. Inzwischen, so bestätigte der Sohn des Patienten, André E., gestern, ist er wieder wach und auf dem Weg der Besserung, wird aber noch weiter auf der Intensivstation betreut.

Am Montag haben Tobias Tornauer und André E. ihn gemeinsam besucht. Die beinahe gleichaltrigen jungen Männer kennen sich erst seit gut einer Woche – „aber wir verstehen uns prima und werden ganz bestimmt in Kontakt bleiben“, versichert Tobias Tornauer. Denn E. wohnt und arbeitet zwar in der Nähe von Hamburg – doch sein Vater lebt in Güstrow gerade einmal 60 Meter vom Haus der Familie Tornauer entfernt. Trotzdem waren sie sich vor jenem bedeutungsvollen Abend im Sky-Markt noch nie bewusst begegnet. „Aber was da passiert ist, das verbindet“, sind sich die Männer einig.

André E. ist dem Retter seines Vaters unendlich dankbar. Aber auch er fragt sich, warum sonst niemand geholfen hat. Denn irgendwie hätte doch jeder Erste-Hilfe-Kenntnisse – sei es, weil er sie für den Führerschein brauchte, oder weil er sie von Berufs wegen hat, meint der Sportlehrer. Natürlich sei es nachvollziehbar, wenn jemand Angst hätte, beim Helfen etwas falsch zu machen – „aber letztlich ist es doch nur falsch, wenn man gar nichts macht.“

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