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Mecklenburg-Vorpommern

20. September 2017 | 16:45 Uhr

Der langsamste Castor aller Zeiten

vom

svz.de von
erstellt am 28.Nov.2011 | 10:42 Uhr

Gorleben/Lüneburg | Ein Hubschrauber kreist unweit von Lüneburg über einem kahlen Acker. In einem Waldstück wartet ein Zug mit elf weißen Containern in strömendem Regen auf die Weiterfahrt. Hier in der Nähe des kleinen Örtchens Vastorf ist seit 15 Stunden einer der aktuellen Brennpunkte der Castor-Strecke. Knapp 500 Meter weiter mitten im matschigen Acker haben sich vier Demonstranten an die Gleise gekettet, drücken ihre Gesichter auf die kalten Schienen.Trotz des Katz-und-Maus-Spiels: Polizei und Demonstranten geben sich gelassen - Konflikte wie diese sind im Wendland nichts neues. "Das kostet nur Zeit. Damit können wir entspannt umgehen", sagt ein Polizeisprecher. Auch die Demonstranten bleiben gelassen, fühlen sich angesichts des langsamen Vorankommens des Atommüll-Zuges sogar schon ein wenig als Sieger.

"Mir geht’s gut", sagt ein Demonstrant fröhlich. Es sei ein Erfolg, dass der Zug jetzt schon länger unterwegs sei als die 92 Stunden von 2010. Noch nie hat ein Atommülltransport ins Wendland mehr Zeit in Anspruch genommen.

Brandsätze und Steine fliegen

Sorgen machen den Einsatzkräften vielmehr die kleinen Gruppen mit gewaltbereiten Chaoten. So wie im einige Kilometer entfernten Leitstade. Seit Mittag liefern sich hier rund 200 teils vermummte Castor-Gegner in einem unübersichtlichen Waldstück und rund um den kleinen Bahnhof an der Strecke schwere Auseinandersetzungen mit der Polizei. Immer wieder fliegen Steine und Brandsätze, Straßensperren aus Holz werden angezündet.

In Erdgruben finden die Beamten zudem immer wieder präparierte Wurfgeschosse aus Weihnachtskugeln und Golfbällen. Selbst Journalisten sind nicht mehr sicher, Fotografen flüchten.

Dennoch will die Polizei nicht von Chaos sprechen: "Der größte Teil der Demonstranten ist friedlich." Dies empfinden an diesem Nachmittag auch die Menschen an den Gleisen in Hitzacker - wenn auch mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.

Eine kleine, gelbe Betonpyramide steht auf den Schienen. Darauf steckt eine grüne Weihnachtsmannmütze mit der Aufschrift "1. Advent 2011". Seit dem Morgen haben sich drei Männer und eine Frau mit ihren Armen in die rund 600 Kilogramm schwere Pyramide einbetoniert. "Das ist die dritte Generation von Betonpyramiden", meint Herbert Waltke von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. "Wir haben seit dem letzten Castor-Transport getüftelt." Mit einer komplizierten Konstruktion aus Beton und Eisen versuchen die Landwirte die Polizei auszutricksen. Einer der vier Angeketteten ist schon zum sechsten Mal dabei.

Dagegen hat sich die 23 Jahre alte Hanna Schwarz zum ersten Mal einbetonieren lassen. Sie ist mit dem Widerstand gegen den Castor-Transport aufgewachsen. Die Familie stammt aus dem Wendland, auch der Vater und der Bruder steckten schon einmal in Beton. Auch im "Kessel" in Harlingen fühlen sich die Demonstranten als Gewinner gegen den von ihnen so verhassten Atommüll. "93 Stunden sind ein Riesenerfolg", sagt Heinz-Jürgen Goldkuhle aus dem Münsterland.

500 Demonstranten im "Kessel"

Trotz des für 2022 von der Bundesregierung angekündigten Atomausstiegs und der Suche nach einem alternativen Endlagerstandort sei der Widerstand nicht abgeflacht, sondern stärker geworden. "Die Leute merken, dass in Gorleben ein Lügengebäude weitergebaut werden soll", sagt Goldkuhle. "Immer mehr Leute wollen sich daher dem Castor gewaltfrei entgegenstellen. Die Stimmung ist enthusiastisch."

Bei aller Euphorie - eitel Sonnenschein sind die Blockaden aber trotz der für die zahlreichen Medienvertreter zur Schau gestellten Gelassenheit nicht. Seit der Auflösung der Sitzblockade mit rund 3000 Demonstranten am frühen Morgen stehen die Männer und Frauen meist frierend am Rand der Strecke - Jacken, Decken und Rucksäcke mussten sie abgeben. Und gehen darf nur, wer seine Personalien angibt und dafür einen Platzverweis akzeptiert.

Von außen werfen am Nachmittag einige bereits freigelassene Atomgegner Brötchen und Schokolade in den "Kessel", in dem noch 500 Demonstranten festgehalten werden. Eine Rentnerin fordert einen Gefangenenaustausch: "Lasst die Jungen raus, nehmt mich."

Stunden zuvor fuhr die Polizei noch die Strategie "laufen lassen" - und schaute zunächst zu, wie sich erst Hunderte, dann Tausende Gegner der Atomenergie auf den Schienen im Wendland niederließen. In der Nacht schoben sich schließlich mehrere Sitzblockaden zusammen, die sich zuvor auf drei Streckenkilometer verteilt hatten. Die Polizei setzte offenbar auf die Erschöpfung der Aktivisten: Erst um vier Uhr in der Früh rücken erste Beamte vor. Die Räumung beginnt.

"Nutzen Sie Ihre allerletzte Chance, die Gleise freiwillig zu verlassen!", ruft ein Beamter durch sein Megafon. Viele bleiben dennoch sitzen. Meter um Meter arbeiten sich die Beamten voran. Sie tragen jeden, der nicht freiwillig geht, in ein arg provisorisches Lager. Die Beamten wollen die Demonstranten erst wieder gehen lassen, wenn der Castor-Transport die Strecke nach Dannenberg passiert hat - es soll sich keine weitere Großblockade bilden.

Aktivisten loben die Beamten

Während militante Umweltschützer dieser Tage gar Holzpfähle auf Polizisten warfen und sich mit ihnen förmlich prügelten, läuft die Riesen-Sitzblockade von Harlingen friedlich ab. Die Beamten werden sogar mit Lob überschüttet: "Lange nicht mehr so eine gute Räumung gesehen", sagt der Sprecher von "Widersetzen", Jens Magerl, während die Räumung läuft. Seine Gruppe hatte zu der Aktion aufgerufen.

Schwächeanfall auf den Schienen

Größere Zwischenfälle bleiben bei Harlingen aus. Manchem Aktivist setzt die Nacht aber zu: Eine junge Frau erleidet zumindest einen Schwächeanfall. Sie wird von Sanitätern weggetragen.

Wir sind gekommen, um zu bleiben", verkündet Martin. Der junge Hamburger ist einer von rund 900 Castor-Gegnern, die gestern Nachmittag am Ortsausgang von Gorleben die Straße besetzt haben, die auch der Castor-Transport auf seinem Weg ins Zwischenlager passieren muss. Von ihrem Camp im vier Kilometer entfernten Gedelitz aus sind die Aktivisten aufgebrochen, als die Nachricht kam, dass der Atommüllzug Lüneburg erreicht habe.

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