Rechenschwäche bei Kindern : Der lange Weg zu einem Ergebnis

Die Familie der kleinen Emma aus Mühlen-Eichsen sucht Hilfe gegen die Rechenschwäche ihrer Tochter. Die Eltern übten mit Emma, doch gute Zensuren blieben aus. Auch Förderung an der Schule brachte keine Besserung.

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06. Juni 2012, 07:35 Uhr

Schwerin | Warum sind 99 Cent weniger als 1 Euro, wo doch 99 um so vieles größer ist als 1? Bei dieser Frage helfen auch die Finger nicht, die Emma aus Klasse 3 der Grund- und Regionalschule Mühlen-Eichsen in Nordwestmecklenburg beim Rechnen nutzt. Die Lütte hat’s nicht so mit Mathematik, hieß es schon kurz nach der Einschulung. Üben, üben, üben - lautete der Rat der Lehrer. Die Eltern übten mit Emma, doch gute Zensuren blieben aus. Auch ein halbes Jahr Förderung an der Schule brachte keine Besserung. "Unsere Tochter hat durchweg gute Noten, außer in Mathe", schildert der Vater, Jirka Petr. Er bestand darauf, dass Emmas mathematisches Denkvermögen getestet wird. Vielleicht, so die Vermutung, ist es beeinträchtigt - im Fachjargon wird das Dyskalkulie genannt, das Gegenstück zur Lese-Rechtschreib-Schwäche.

"Extrem mühselig" sei es gewesen, ein Ergebnis zu erzielen, stellt er rückblickend fest. Er musste regelrecht zum Test drängen - unter anderem gegen die Einschätzung der Klassenlehrerin. "Sie konnte das nicht erkennen, da die Ausbildung eines Grundschullehrers das nicht beinhaltet", so die Erklärung des Vaters. Im 2. Halbjahr von Klasse 2 beantragte er den Test im Schulamt, ein halbes Jahr später sei ein Termin möglich, hieß es. Die Familie konsultierte auf eigene Faust das Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche. Mit eindeutigem Ergebnis: Emma ist ein überdurchschnittlich intelligentes Mädchen mit ausgeprägter Dyskakulie. Sie müsste sich dem Zahlensystem ganz neu nähern und den Stoff von Anfang an auf andere Weise erarbeiten, was nur im Einzelunterricht gelingt.

Schon weit im ersten Halbjahr der 3. Klasse bestätigte das Schulamt sowohl die Diagnose als auch die Therapie. Erneut hieß es, dass nur Einzelunterricht hilft. Der kostet rund 200 Euro im Monat beim Zentrum für Rechenschwäche, "alle 14 Tage 90 Minuten, solange, bis der Stoff der ersten Schuljahre komplett neu gestrickt ist", sagt Jirka Petr. "Vom Schulamt haben wir vor Kurzem zwei Angebote bekommen: Gruppenunterricht an der Schule oder eine Förderstunde pro Woche in Mathe, die im Schulamtsbereich ausgeschrieben wird." Zwei Wege mit geringer Erfolgsaussicht, befürchten die Eltern. Zumal sich bislang ohnehin kein Lehrer um die Stunde beworben hat.

Bildungsministerium verweist auf Lehrerfortbildungen

Emmas Vater konsultierte das Sozialgesetz. "Unter strenger Auslegung von § 35a, SGB VIII ist es möglich, eine Eingliederungshilfe in Schule zu bewilligen", hieß es auf Anfrage unserer Zeitung aus dem Rathaus Schwerin. Laut Jugendamt gebe es zwei Bedingungen: Zum einen müsse durch Diagnosen wie Rechen- oder Lese-Rechtschreib-Schwäche die seelische Gesundheit des Betroffenen länger als sechs Monate von der alters typischen Norm abweichen. Wodurch zum anderen schwere Probleme wie Schulangst oder eine Außenseiterrolle drohen.

"Zum Glück ist unsere Tochter noch nicht so weit", sagt Jirka Petr. Verstehen kann er nicht, warum ein Kind erst in den Brunnen fallen muss. Das Bildungs- und Teilhabepaket hilft sozial Schwachen, das Jugendamt psychisch Labilen. "Und wir? Wir bleiben allein sitzen auf den Kosten, für die wir doch gar nichts können?"

Das Bildungsministerium verweist darauf, dass "in den vergangenen Jahren zahlreiche Lehrkräfte der allgemein bildenden Schulen in zweijährigen Fortbildungskursen auf die Arbeit mit lese-, rechtschreib- und rechenschwachen Schülern vorbereitet" wurden. Werde bei Schülern Förderbedarf im Rechnen festgestellt, seien durch die Schule Unterstützungsprogramme zu entwickeln. "Ein individueller Förderplan ist dabei die Grundlage der Förderung." Zum Fall von Emma heißt es: "Die Erziehungsberechtigten haben die Möglichkeit, das Angebot an der Regionalen Schule mit Grundschule Mühlen Eichsen zur schulischen Förderung ihrer Tochter im Bereich Rechnen zu nutzen. Entsprechendes Personal steht zur Verfügung."

Familie Petr will darauf nicht vertrauen. Die Eltern erwägen, in den Sommerferien Einzelunterricht für ihre Tochter zu organisieren - einen Kompaktkurs über eine Woche bei einem privaten Nachhilfe-Institut. Für rund 500 Euro.

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