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Leise statt laut : Der Klingelton-Hype ist verstummt

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Vor zehn Jahren sahen viele Mobiltelefone noch völlig unspektakulär aus. Um sich also von der Masse abzuheben, mussten sich die Nutzer etwas einfallen lassen. Originelle Klingeltöne waren die Lösung.

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erstellt am 03.Jul.2013 | 12:02 Uhr

Vor mehr als zehn Jahren sahen viele Mobiltelefone noch gleich aus: Kleines Display, klobige Tasten, breites Gehäuse. Völlig unspektakulär im Vergleich zu heute. Um sich also von der Masse abzuheben, mussten sich die Nutzer etwas einfallen lassen. Originelle und individuelle Klingeltöne waren die Lösung. Jedoch häufig zum Schämen. Ein bekloppter Frosch, debile Techno-Schlümpfe, hochgepitchte Hasenstimmen oder Soundeffekte in Hör sturzlautstärke. Erst piepte und fiepte es einstimmig, dann ab 2002 auch polyphon.

2004 kamen die ersten Handys, die auch MP3-Dateien abspielen und damit so richtig nervig quaken und krakeelen konnten. Plötzlich sprossen sogar eigene Labels für Klingeltöne aus dem Boden. So ging das Geschäft bis 2006 stetig bergauf. Zuletzt wurden jährlich 30 Millionen Klingeltöne verkauft, wie der IT-Branchenverband Bitkom erhoben hat. Die Umsätze mit klassischen Klingeltönen gingen 2007 erstmals und schlagartig zurück. Den Grund kennt der Verband genau: Weil Handys und Netze leistungsfähiger wurden, luden die Nutzer immer öfter gleich ganze Songs herunter. Der Realtone löste den Ringtone ab. Songs in Form von Klingeltönen etablierten sich als neue Verbreitungsform von Musik und als neues Unterhaltungsformat. Auch die "massive Kommerzialisierung" des Klingeltons brachte ihn an seine Grenzen und in Verruf, betont Corinna Kelber, Medien- und Kulturexpertin beim Zukunftsinstitut in Frankfurt. Vertriebspraktiken wie fragwürdige Klingelton-Abos gerieten ins Visier von Jugend- und Verbraucherschützern. Die Auswüchse waren unübersehbar: Gegen Ende des letzten Jahrzehnts bestand die Musiksender-Werbung fast nur noch aus penetranten Klingelton-Clips.

Geld wird nach wie vor mit den Tönen verdient. Abgerechnet wird meist über die Mobilfunkrechnung, etwa per Premium-SMS, Wap-Billing oder Anruf bei einer 0900-Nummer. Alle diese Abrechnungswege für Dienstleistungen Dritter können beim Provider gesperrt werden. Denn noch immer gibt es Anbieter, die versuchen, Nutzern teure Wochen-Abos mit einem zeitgemäßeren Mix aus Klingeltönen, Songs und Videos anzudrehen. Wer einen bestimmten Signalton möchte, kann heute jede beliebige Musikdatei kostenlos aufs Smartphone bringen.

Beim Klingelton-Basteln helfen zudem zahlreiche Apps. "Mit den Klingelton-Orgien der Nullerjahre ist es vorbei", weiß Trendforscherin Kelber zu berichten. Angesagt seien eher unauffälligere Signale und Melodien oder auch einfach nur der Vibrationsalarm. Durchforstet man die heutige Welt der Klingeltöne, stößt man zwar auch auf laute Töne - wie etwa der Klang einer Motorsäge oder ein Schiffshorn. Doch das Schlimmste ist vorbei. Der Klingelton-Hype ist verstummt. Bis zum neuen Understatement war der Weg weit und laut. Heute tragen Nutzer ihr stylisches Smartphone zur Schau. Ob in der Bahn, im Supermarkt oder im Restaurant - irgendwo ertönt immer ein Handy. Zu der Tatsache, dass Nutzer ihre Mobiltelefone häufig sichtbar präsentieren, gesellt sich die Wahl eines Klingeltons. Von Mensch zu Mensch sind sie meist verschieden. Für die Mutter der nette Coppenrath-Klingelton, für den besten Freund der auffällige Circus HalliGalli-Ton oder für die Bekannte ein voreingestellter Sound. Auch für Parteifreunde gibt es einen Ton: "Wer Grün will, muss auch Grün wählen". Ein Klingelton kann viel über einen Mensch aussagen.

Wer sich nicht in die Karten schauen lassen möchte, stellt einfach auf stumm. Die reine Funktion sei ohnehin wieder wichtiger geworden. Das bestätigt auch Trendforscherin Kelber: "Erwachsene, die sich heute noch mit einem möglichst lauten, schrillen, originellen Klingelton profilieren wollen, merken ziemlich schnell, dass sie sich damit eher blamieren." Peinlich kann es auch werden, wenn es zur unfreiwilligen Abgrenzung kommt, weil ein Nutzer die Knigge-Regel des Stummschaltens verletzt hat. Weltweit Schlagzeilen machte ein Klingelton-Unfall bei den New Yorker Philharmonikern: Marimba-Klänge, der iPhone-Standardklingelton, mitten in Mahlers Neunter Symphonie. Der Dirigent unterbrach das Konzert, das Publikum empörte sich lautstark. Eine doppelte Blamage für den Zuhörer mit dem Smartphone. Denn etwas individueller als voreingestellt darf der Klingelton dann doch sein.

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