Der Kapitän geht von Bord

Sein Löschboot kennt Hans Kukla in- und auswendig, war schon beim Bau dabei. Heute geht er von Bord. Foto: Georg Scharnweber
Sein Löschboot kennt Hans Kukla in- und auswendig, war schon beim Bau dabei. Heute geht er von Bord. Foto: Georg Scharnweber

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13. Juli 2012, 07:56 Uhr

Groß Klein | Tote, Schiffsbrände, Fahrstuhlhavarien - in seinen mehr als 37 Jahren bei der Feuerwehr hat Hans Kukla so ziemlich alles erlebt. Heute bei der Hafensinfonie in Warnemünde gibt der Kapitän des Rostocker Feuerlöschboots seinen Abschied auf der Brücke. "Ein bisschen komisch ist einem zumute", sagt der 59-Jährige, der sich freut, seine Rente bei bester Gesundheit antreten zu können. Selbstverständlich ist das nicht, bei den vielen gefährlichen Einsätzen, die er hinter sich hat.

Einige davon haben sich Kukla besonders ins Gedächtnis eingebrannt. Etwa wie sein Trupp während der Ausschreitungen in Lichtenhagen vor 20 Jahren das brennende Sonnenblumenhaus löschen wollte - es aber nicht durfte. "Die Polizei meinte, dass sie uns keinen Schutz bieten könnte", sagt er. Oder als er in seiner vierjährigen Zeit als Taucher einen toten Jungen aus dem Flussbad in den Armen hielt, während der Vater neben ihm stand. "Wenn Kinder im Spiel sind, ist das das Schlimmste, das geht richtig an die Nieren", sagt er.

Niemals vergessen werde er auch den Anblick der lichterloh in Flammen stehenden "Lisco Gloria". Den Alarm nachts um 3 Uhr hatte er damals erst für eine Übung gehalten. Hinter Fehmarn dann entdeckten die Männer die Fähre. "Wenn so ein 200 Meter langes Schiff aus allen Schotten Flammen schlägt und es ringsum sonst dunkel ist, da staunst du nur", sagt Kukla. Glücklicherweise seien alle Passagiere bereits von Bord gewesen. Anders bei der "Arielle". Das Kreuzfahrtschiff lief Warnemünde mit einer brennenden Sauna an. "Davon haben die amerikanischen und kanadischen Passagiere gar nichts gemerkt", sagt Kukla. Er und seine Truppe konnten das Feuer von Land aus löschen.

Diese Kollegen wird der Hauptbrandmeister vermissen. Zu ihrem Vorgesetzten seien sie mit allen Sorgen und Nöten gekommen. "Ich weiß, wann wer das letzte Mal die Strümpfe gewechselt hat." Für diese enge Bindung sorgen neben dem 24-Stunden-Dienst auch die jährlichen Navigationsausbildungsfahrten nach Dänemark, Rügen oder Flensburg. Außerdem organisiert Kukla jedes Jahr vor dem Herrentag Touren für ein paar der Männer. Dann geht es drei Tage lang per Fähre zu allen möglichen Zielen. "Wir waren schon in England, Schweden, Estland."

Auch mit der Emanzipation musste der Hauptbrandmeister sich auseinandersetzen - die noch immer einzige Frau in der Truppe stehe ihren Mann wie alle anderen. "Das war Gewöhnungssache - zu Zeiten der DDR gab es keine weiblichen Feuerwehrleute." Damals unterstand die Feuerwehr noch der Polizei und war sehr militärisch organisiert. "Das fiel mit der Wende schlagartig weg", so Kukla. Dafür habe die Bürokratie immer weiter zugenommen. Die werde dem Praktiker ganz bestimmt nicht fehlen: "Ich arbeite am liebsten mit Menschen, gehe raus und mache das Feuer aus."

Dass er das einmal machen würde, hätte er sich als Kind in Bad Doberan nie träumen lassen. Erst nach seiner vierjährigen Militärzeit bei der Volksmarine habe ein Bekannter den gelernten Schlosser für die Löschboote begeistern und anwerben können. "Die waren schon immer was Besonderes", sagt Kukla. Von der einfachen Einsatzkraft diente er sich bis zum Zugführer hoch und war zuletzt als Einsatzleiter für mehrere Löschzüge und eben das Löschboot zuständig. Letzteres kennt er in- und auswendig: "Ich war schon dabei, als sie 1983 die erste Schraube gesetzt haben." Dieses Wissen gibt er auch gerne an Kinder weiter, die seine Wache besichtigen und sie jedes Mal wieder begeistert verlassen. Denn: "Ein Feuerwehrauto hat jedes Dorf, ein Löschboot ist wirklich was Besonderes."

Nach seiner Pensionierung einfach nur stillzusitzen, kommt für Kukla nicht in Frage. Stattdessen will er sich weiter einbringen, dann bei der Freiwilligen Feuerwehr Groß Klein: "Das ist mein Leben und die warten schon auf mich." Abgesehen davon plant er, ausgiebig seinem Reisehobby zu frönen. 56 Länder haben er und seine Frau schon besucht, Anfang Oktober machen die beiden eine Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer. "Mein Fernziel ist ein Langzeiturlaub auf Gran Canaria - damit ist auch mein Spind dekoriert." Aber auch in MV gebe es noch jede Menge Städte, die er noch besuchen wolle. "Ich muss immer was sehen", sagt Kukla.


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