Ex-Radiomoderator vor Gericht : Der hörige Komplize

Der frühere Radiomoderator im Landgericht Rostock
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Der frühere Radiomoderator im Landgericht Rostock

Mitangeklagter erhebt schwere Vorwürfe gegen Ex-Radio-Moderator bei Gewinnspielschiebereien

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01. März 2016, 20:45 Uhr

Im Prozess wegen Gewinnspielbetrugs hat ein Mitangeklagter den früheren Guten-Morgen-Show-Moderator der Ostseewelle, Marcus J. (42), und sich selbst schwer belastet. Der 38-jährige André B. sagte gestern am Landgericht Rostock, der Radio-Mann habe die Betrugsmasche „von Anfang an durchgeplant“ und ihm als Mittäter „vorgegeben“. Er selbst sei nur „das ausführende Organ“ gewesen, das häufiger von J. unter Druck gesetzt wurde.

Die beiden Angeklagten müssen sich unter anderem wegen der Manipulation von Gewinnspielen des Radiosenders verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen zehn Fälle vor, die ihnen 61 000 Euro eingebracht haben sollen. Davon soll Marcus J. den weitaus größten Anteil behalten haben.

Marcus J. folgte dem Geständnis von André B. teilweise mit Kopfschütteln. An anderen Stellen zog er skeptisch die Augenbrauen hoch. Am Ende des Prozesstages kündigte sein Verteidiger an, dass der frühere Kult-Moderator am nächsten Dienstag sein Schweigen beenden und zu den Vorwürfen aussagen wird.

André B. berichtete von mehr Betrügereien, als die Staatsanwaltschaft den beiden zur Last legt. Auch vermutete er, dass Marcus J. allein oder mit anderen Komplizen noch mehr Gewinngeld des Senders in die eigene Tasche hat fließen lassen. B. war es, der in seinem Bekanntenkreis Teilnehmer für die Gewinnspiele der Ostseewelle aussuchte. Sie wurden so instruiert, dass Marcus J. sie als fingierte „Gewinner“ auswählen konnte. Keiner der Kandidaten habe das Angebot eines manipulierten Gewinns abgelehnt, berichtete der Angeklagte. Einige waren der Meinung, bei Gewinnspielen gehe es meistens sowieso nicht mit rechten Dingen zu. Von dem gewonnenen Geld konnten diese Teilnehmer ein Viertel behalten. Den Rest musste B. abholen und bei Marcus J. abliefern. B. sagte, wenn das gewonnene Geld nicht schnell genug „zurückfloss“, habe J. auf ihn Druck ausgeübt. B. vermutet, dass Marcus B. auch Schulden mit Radio-Geld beglich, indem er seine Gläubiger bei den Spielen des Senders als Gewinner aussuchte.

Er selbst, behauptete André B., habe von den manipulierten Gewinnen immer nur einen geringen Anteil abbekommen. Darüber habe er sich nicht beschwert. Für ihn seien auch „50 Euro schon viel Geld“. Den Radio-Mann hatte er 2007 als Nachbarn eines Verwandten kennengelernt. Anfangs half er ihm im Garten, ein anderes Mal war er wohl als Handwerker gefragt. Daraus sei aus seiner Sicht eine Freundschaft entstanden, glaubte B. Seine Freunde warnten ihn jedoch, er solle sich von der „Promi“-Welt, in der J. verkehrte, nicht blenden lassen. J. benutze ihn nur „als Lakai“. Inzwischen sagt B. von sich, er sei Marcus J. „hörig“ gewesen.

Marcus J. ist zusätzlich wegen des Vorwurfs des Insolvenzbetrugs angeklagt. Er soll über Jahre hinweg sein wahres Einkommen verschleiert haben. Seine Gläubiger blieben deshalb auf Forderungen in Höhe von 520 000 Euro sitzen. J. trickste dafür laut Anklage sein Moderatoren-Einkommen auf einen Hungerlohn von unter 1000 Euro herunter.

Falls er den Gewinnspiel- und den Insolvenzbetrug umfassend gesteht, wollte die Staatsanwaltschaft J. eine Höchststrafe von fünf Jahren in Aussicht stellen. Eine solche vor Gericht zulässige Vereinbarung lehnte J. bislang ab. In die Strafe würde das Urteil zum Kindesmissbrauch einbezogen, für den J. 2012 drei Jahre und zwei Monate Haft bekam.

Er hatte zwischen 2005 und 2008 ein anfangs zwölf Jahre altes Mädchen wiederholt sexuell missbraucht. Kennengelernt hatten sich die beiden durch ein Gewinnspiel. Das Mädchen hatte einen Besuch im Studio gewonnen. Einige Jahre später, als die Betrügereien ruchbar wurden, war die junge Frau indes für eine Zeitlang die Freundin des mitangeklagten André B.

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