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Mecklenburg-Vorpommern

17. Oktober 2017 | 07:53 Uhr

Der Herr der Bücher

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erstellt am 18.Sep.2013 | 07:26 Uhr

Frankfurt/Main | Bei Büchern gab es für Marcel Reich-Ranicki wenig Kompromisse: Sie wurden entweder zerrissen oder über den grünen Klee gelobt. Deutschlands berühmtester Literaturkritiker war hoch geachtet und gefürchtet zugleich. Jetzt ist seine Stimme für immer verstummt. "MRR", der 1938 in Berlin als Jude nicht studieren durfte und später zahlreiche Ehrendoktortitel erhielt, starb gestern im Alter von 93 Jahren in Frankfurt/Main. Im März diesen Jahres hatte er seine Krebs-Erkrankung öffentlich gemacht.

"MRR" war nicht nur viele Jahrzehnte der unangefochtene deutsche Literaturpapst, er war auch ein "begnadeter Entertainer", wie ihn Thomas Gottschalk an seinem 90. Geburtstag in der Frankfurter Paulskirche bewundernd nannte. Wie kein anderer deutscher Intellektueller schaffte er es, das spröde Medium Buch im Fernsehen populär zu machen.

Das "Literarische Quartett" im ZDF, das Reich-Ranicki fast 14 Jahre lang moderierte, war für Millionen Menschen immer auch eine große Unterhaltungsshow. Von 1988 an bis 2001 wurden in 77 Sendungen rund 400 Bücher besprochen - und oft zu Bestsellern gemacht. Im August 2006 erklärte Reich-Ranicki seinen endgültigen Abschied vom "Quartett". Darin hatte er zuletzt noch in einigen Sondersendungen mitgewirkt.

Ein halbes Jahr zuvor war Reich-Ranicki nach einer Sendung zum 150. Todestag von Heinrich Heine mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus gekommen. Seitdem galt er als gesundheitlich angeschlagen. Im April 2011 starb seine Frau Teofila ("Tosia") im Alter von 91 Jahren. Mit ihr war er einst aus dem Warschauer Ghetto geflüchtet. Altwerden sei fürchterlich, räumte er in den vergangenen Jahren mehrfach in Interviews schonungslos ein. Der Tod sei sinnlos und er müsse täglich daran denken, sagte der Skeptiker, der nicht an religiöse Heilsversprechen wie an ein überirdisches Weiterleben glaubte.

Des Kritikers fuchtelnder Zeigefinger, sein leichtes Lispeln und die etwas krächzende, aber durchdringende Stimme waren Markenzeichen, die oft auch parodiert wurden. Natürlich brauchte "MRR", der sich immer virtuos in Szene zu setzen wusste, auch Sparringspartner: Im "Quartett" waren dies Hellmuth Karasek, die Reich-Ranicki wenig zugetane Sigrid Löffler - zum Schluss durch Iris Radisch ersetzt - und ein wechselnder Gast.

Reich-Ranickis Urteil war oft hart, gelegentlich unfair. Verquaste Floskeln waren nicht sein Ding. Er schrieb, wie er sprach: direkt und unverblümt, aber rhetorisch geschliffen. "Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers, die Deutlichkeit seine Pflicht und Aufgabe", lautete sein Credo. Allerdings lasse sich dabei Grausamkeit "leider nicht immer ausschließen", wie er einräumte.

Das bekamen unzählige Schriftsteller zu spüren, allen voran Günter Grass. Dessen Roman "Ein weites Feld" bescheinigte er 1995 im "Quartett" und in einer "Spiegel"-Titelstory, das Buch sei "wertlose Prosa, langweilig von der ersten bis zur letzten Zeile, unlesbar!" Der gekränkte Literatur-Nobelpreisträger warf dem Kritiker Größenwahn vor. Erst 2002 kam es zu einer Annäherung. Zum 80. Geburtstag von Grass würdigte Reich-Ranicki dann den Autor als "nach wie vor bedeutendsten deutschen Schriftsteller".

Ihn verband auch mit Martin Walser eine jahrelange Fehde. Diese gipfelte 2002 in Walsers Skandalbuch "Tod eines Kritikers", das wegen Antisemitismusvorwürfen beinahe nicht gedruckt worden wäre. Darin kommt ein jüdischer Literaturkritiker zu Tode, unschwer als "MRR" zu erkennen. Er und seine Frau Tosia seien von dem Buch "tief getroffen", schrieb Reich-Ranicki bitter.

Angesichts seiner Vita ist das verständlich: Nach der Geburt in Polen siedelte der junge Marcel mit seiner jüdischen Familie nach Berlin um. Die Nazis wiesen ihn 1938 nach dem Abitur nach Polen aus. Aus dem Warschauer Ghetto floh er 1943 mit seiner Frau, die er dort kennengelernt hatte.

Das Paar überlebte in Verstecken. Reich-Ranickis Eltern und die seiner Frau wurden Opfer des Holocaust. In seinem letzten großen öffentlichen Auftritt schilderte "MRR" im Bundestag am 27. Januar 2012 - dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz - in bewegenden Worten, wie im Juli 1942 die Deportation der Warschauer Juden in die Vernichtungslager begann.

Reich-Ranicki war 1949 über die Arbeit in Polens kommunistischem Geheimdienst und im diplomatischen Dienst nach Warschau zurückgekehrt. 1950 wurde er aus seinen Ämtern entlassen und aus der KP wegen "ideologischer Fremdheit" ausgeschlossen. Schon lange ein Liebhaber deutscher Literatur, begann er als Lektor und freier Schriftsteller zu arbeiten.

1958 kam er für immer nach Deutschland und machte sich als scharfzüngiger Kritiker bei der "Zeit" in Hamburg einen Namen. Von 1973 bis 1988 leitete er die Literaturredaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das große Publikum fand er aber erst 1988 mit dem "Literarischen Quartett".

Reich-Ranickis Leben hieß Lesen und Schreiben. "Arbeit, Arbeit, Arbeit" sei sein Motto, sagte er einmal.

Als Literat alter Schule schätzte er die Klassiker, neben Goethe auch Schiller, Lessing, Heine, Schnitzler, Fontane, Thomas Mann und Kafka. Der Kritiker lebte viele Jahrzehnte lang mit seiner Frau Tosia in Frankfurt. Der Sohn des Paares arbeitet als Mathematikprofessor in Großbritannien. "Nein, ein glücklicher Mensch bin ich nicht", gestand Reich-Ranicki zu seinem 85. Geburtstag. Aber er fand Trost - in der Literatur. Schließlich seien auch die großen Schriftsteller wie Kafka oder Thomas Mann nie glücklich gewesen.

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