Premiere Störtebecker : Der Held verliert 66-mal den Kopf

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Foto: Jens Büttner

Begeistert gefeierte Premiere: Rund 8000 Zuschauer besuchten den Auftakt der 25. Störtebeker-Festspiele in Ralswiek

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25. Juni 2017, 19:25 Uhr

Bereits auf dem Schafott, im Angesicht des Todes, verkündet Störtebeker seine wichtigsten Botschaften an die Regierenden im mittelalterlichen Hamburg: „Sie sind die wahren Verbrecher, in ihrer Gier würden sie alles tun, und das alles unter dem Deckmantel des geltenden Rechts.“ Der moralische Sieg mag in diesem Moment auf der Seite des Piratenanführers liegen. Doch das hilft ihm wenig. Am Ende saust das Fallbeil herunter. Der Held stirbt, und die Zuschauer jubeln.

Mit einer begeistert gefeierten Premiere haben am Samstagabend auf der Insel Rügen die 25. Störtebeker-Festspiele begonnen. Vor nahezu ausverkauften Rängen sahen mehr als 8000 Zuschauer die Premiere des Open-Air-Spektakels auf der Naturbühne Ralswiek: 150 Mitwirkende, 30 Pferde, Männer, die brennend von 15 Meter hohen Türmen stürzen, krachende Kartaunen, segelnde Koggen, an Hollywood-Blockbuster angelehnte Musik - und eine dichte Story um Intrige, Verrat, Liebe und den Kampf um Gerechtigkeit.„Ich bin begeistert“, schwärmt Zuschauer Burkard Neumann, der mit seiner Familie aus dem altmärkischen Bismark angereist war. „Der Ort, die Kulisse, die Pferde, die Geschichte - einfach toll.“ Seit zwölf Jahren lege er seinen Urlaub so, dass er die Premiere sehen könne. Die Karten für das nächste Jahr seien bereits reserviert.

Seit 25 Jahren feiert das familiengeführte Open Air mit bislang mehr als 7,3 Millionen Gästen Besuchererfolge. Allein 2016 kamen knapp
351 000 Gäste zum mit Abstand erfolgreichsten Open Air an der Ostseeküste. Doch von ermüdender Routine, die sich nach einem Vierteljahrhundert ähnlicher Piratengeschichten mit gleicher Konfliktlage (Rächer der Armen kämpft gegen das Establishment) einschleichen könnte, ist im diesjährigen Stück „Im Schatten des Todes“ nichts zu spüren. Regisseur Marco Bahr, der im vergangenen Jahr noch als Schauspieler auf der Ralswieker Bühne stand, gelingt es, die fintenreiche Intrige gegen die Likedeeler kompakt und spannend zu erzählen. Nicht nur machtpolitische Eigeninteressen des Simon von Utrecht (Nicholas König) und des Emdener Probstes Hisko Abdena (Mike Herrmann Rader) spielen in dem hinterhältigen Ränkespiel eine Rolle.

Ja - wie könnte es in einem Piratenspektakel anders sein – auch schöne Frauen sind hier die Wurzel allen Übels: Störtebeker (Bastian Semm) ist frisch mit der künftigen Erbin des Brookmer Landes, Tetta Tom Brok (Bianca Warnek), liiert, auf die und deren Land auch Probst Hisko ein Auge geworfen hat.

Das Publikum quittiert einzelne Szenen immer wieder mit Zwischenapplaus. Vor allem Karin Hartmann in ihrer Doppelrolle als taffe Hamburger Fischverkäuferin und warmherzige Mutter Tom Brok und die humorig angelegten Figuren des Hinnerk (Charles Lemming) und des sächselnden „Kleenen“ (Philipp Richter) avancieren zu Publikumslieblingen. Wolfgang Lippert als Balladensänger scheint eine feste Fangemeinde zu haben.

Mit Marco Bahr inszeniert jetzt der fünfte Regisseur seit 2012 die Piratenstory. Intendant und Festspielgründer Peter Hick (71) ist sich sicher, dass es auch in den kommenden Jahren spannende Geschichten um den Piraten Klaus Störtebeker zu erzählen gibt, der der Legende nach 1401 auf dem Hamburger Grasbrook geköpft wurde. Von Störtebekers etwa 20 Jahre dauerndem Piratenleben seien bislang 50 Stunden erzählt. „Man kann um jede Schiffskaperung eine Geschichte schreiben“, sagt Hick. Im kommenden Jahr soll mit dem Stück „Ruf der Freiheit“ ein neuer Störtebeker-Zyklus beginnen. Ob dann der Piratenheld erneut von Bastian Semm verkörpert wird, ist bislang offen. In diesem Jahr verliert der „Robin Hood der Meere“ bis September noch 66 -mal seinen Kopf.

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