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Gesundheit MV : Der Hausarzt als Sechser im Lotto?

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Landtag debattiert heute darüber, wie die medizinische Versorgung im Land gesichert werden kann: Eine Bestandsaufnahme im Vorfeld

svz.de von
erstellt am 18.Okt.2017 | 05:00 Uhr

In Parchim einen Hausarzt zu finden, gleicht momentan einem Sechser im Lotto. Wer nicht schon seit längerem in einer Praxis in Behandlung ist, hat so gut wie keine Chance, irgendwo unterzukommen – es sei denn, er fährt nach Zapel, Dabel oder Sternberg. Für die Kreisstadt mit ihren rund 18 000 Einwohnern weist die Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommerns (KVMV) momentan zwar acht Praxen mit insgesamt zwölf hausärztlich tätigen Medizinern aus. Nach der aus dem Februar stammenden Bedarfsplanung für Parchim und Umgebung gibt es dort aber zugleich auch 10,5 unbesetzte Hausarztsitze. Offenkundig findet sich niemand, der bereit ist, sich in der Region niederzulassen.

Problem 1: Hausärzte

Ein Problem, mit dem die Parchimer bei weitem nicht allein dastehen – und mit dem sich deshalb heute auf Antrag der CDU-Fraktion auch der Landtag in seiner aktuellen Stunde beschäftigen wird. Es geht darum, wie künftig in ganz Mecklenburg-Vorpommern die medizinische Versorgung gesichert werden kann.

Schon der heutige Zustand ist besorgniserregend. 125 Hausärzte werden landesweit gesucht: Im Hagenower Planungsbereich inklusive Amt Neuhaus sind ebenso wie in und um Ludwigslust laut KVMV-Bedarfsplanung 7 Hausarztsitze vakant, in Güstrow und Umgebung 12,5, im Schweriner Umfeld 14 und im Umland von Rostock sogar 21.

Und es wird nicht besser: Ein Viertel der aktuell rund 1200 Hausärzte im Land ist älter als 60 Jahre, geht also in absehbarer Zeit in Rente. 2020, so sagen Prognosen voraus, werden 43 Prozent aller Hausärzte im Land über 68 Jahre alt sein.

Selbst in größeren Städten findet längst nicht mehr jeder Hausarzt einen Praxisnachfolger. Dabei versucht die Kassenärztliche Vereinigung einiges, um Mediziner zur Niederlassung in MV zu bewegen: Wer eine Hausarztpraxis in einem medizinisch unterversorgten Gebiet eröffnen möchte, kann z. B. seit 2008 einen Investitionskostenzuschuss erhalten. Anfangs wurden pro Praxisgründung oder -übernahme bis zu 50 000 Euro gezahlt, seit 2016 können es sogar 75 000 Euro sein. Auch für die Gründung einer Zweitpraxis beziehungsweise Außenstelle und die Anstellung eines Arztes kann es 20 000 Euro dazugeben. Immerhin: Seit mehr als zwei Jahren konnte dadurch der Trend, dass jährlich zehn weitere unbesetzte Hausarztsitze dazukamen, gestoppt werden, schätzt die KVMV ein.

Einen weiteren Anreiz zur Niederlassung in MV will jetzt Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) setzen: Medizinstudierende, die sich verpflichten, nach dem Studium Hausarzt auf dem Land zu werden oder im öffentlichen Gesundheitsdienst zu arbeiten, sollen monatlich ein Stipendium in Höhe von etwa 300 Euro bekommen. Das Land will dafür ab sofort und für einen Sechs-Jahres-Zeitraum insgesamt eine Million Euro zur Verfügung stellen.

Problem 2: Krankenhäuser

Dass niedergelassene Ärzte fehlen, bekommen auch die 37 Krankenhäuser im Land zu spüren. Mittlerweile betreuen sie jährlich 500 000 Patienten stationär, im gleichen Zeitraum aber auch eine Million Patienten ambulant, so Wolfgang Gagzow, Geschäftsführer der Landes-Krankenhausgesellschaft (KGMV). Jeder fünfte dieser ambulanten Patienten käme in eine Krankenhaus-Notaufnahme – „weil den Weg dorthin jeder findet, im Unterschied zum Diensthabenden im Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst, nach dem man erst im Internet suchen muss“, so Gagzow. Mittlerweile seien als Reaktion darauf an einer Reihe von Krankenhäusern Notarztpraxen eingerichtet worden – ein Weg, um die Versorgungssituation wenigstens etwas zu entspannen.

Denn auch ein anderes Problem haben ambulanter und stationärer Bereich gemeinsam: Ärztemangel. Gegenwärtig fehlten an den Kliniken des Landes rund 180 Mediziner, so Gagzow. Dabei gebe es ein deutliches Stadt-Land- und ein ebensolches West-Ost-Gefälle. „Vor allem Häuser an der Peripherie müssen sehr fantasievoll sein, um Mediziner zu gewinnen, dort zu arbeiten.“ Dabei hätten Bewerber beste Bedingungen, um lukrative Konditionen auszuhandeln: „Wenn der Bedarf höher ist als die Nachfrage, dann steigt auch der Preis“, so Gagzow.

Die Krankenhäuser versuchen mittlerweile auch, Personallücken mit ausländischen Fachkräften zu schließen. Nach Angaben der Ärztekammer waren in Kliniken des Landes Ende vergangenen Jahres bereits 684 Ärzte nicht-deutscher Herkunft angestellt. Neben Sachkunde müssen sie auch umfangreiche medizinische Deutschkenntnisse nachweisen – viele Patienten klagen aber dennoch über Kommunikationsprobleme.

Problem 3: Pflege

Auch im Pflegebereich trifft man immer häufiger auf Fachkräfte mit ausländischen Wurzeln. Am KMG Klinikum Güstrow und der Helios Akutklinik für Frührehabilitation in Leezen arbeiten unter anderem ungarische Pflegekräfte. Vielleicht noch Ende dieses Jahres, spätestens 2018 sollen zudem rund 50 vietnamesische Pflegefachkräfte eine Arbeit in MV aufnehmen. Doch auch das wird kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein, wenn Prognosen der Bertelsmann Stiftung wahr werden. Sie gehen davon aus, dass im Land bis 2030 im ambulanten Bereich knapp 4900 und im stationären Pflegebereich sogar knapp 8900 Pflegekräfte fehlen werden.

Derzeit werden in den Krankenhäusern des Landes rund 200 Pflegefachkräfte gesucht, so Wolfgang Gagzow – Tendenz steigend. „Und das kann perspektivisch durchaus bedeuten, dass Stationen wegen Personalmangels geschlossen werden müssen.“

Sven Wolfgram vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) spricht im ambulanten Bereich im Moment noch von einer flächendeckenden Versorgung „auch da, wo auf dem Quadratkilometer nur zehn Leute wohnen“. Doch wie lange die noch aufrecht erhalten werden kann, vermag er nicht zu sagen. Sein Appell an die Politik lautet deshalb, die Ausbildung des Berufsnachwuchses attraktiver zu machen – indem endlich das Schulgeld in der Pflegeausbildung an privaten Schulen abgeschafft wird. Mit bessere Verdiensten zu locken, hält Wolfgram indes für zweischneidig: „Man muss sich ja auch fragen, wo das Geld herkommen soll – schließlich werden auch die Einzahler in die sozialen Sicherungssysteme weniger.“

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