25 Jahre, 25 Köpfe : Der Hauptstadt-Macher

Georg Diederich genießt heute den Ruhestand.
Georg Diederich genießt heute den Ruhestand.

Ex-Innenminister Georg Diederich kämpfte wie kein anderer für die heutige Landeshauptstadt Schwerin - Teil 22 unserer Jubiläums-Serie

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31. August 2015, 21:00 Uhr

Drei Jahre nach einem illegalen Journalistik-Studium bei der Kirche überlegte der studierte Chemiker Georg Diederich, wie er mit Gleichgesinnten die sich im Herbst 1989 anbahnenden Veränderungen in der DDR unterstützen konnte. Die Distanz zur Ost-CDU war ihm zu groß, so dass er sich entschloss, in der Bürgerbewegung „Wir sind das Volk“ mit dem Neuen Forum in die gesellschaftliche Offensive zu gehen. Diederich: „Mit dem rasanten Fall der Mauer und den gesellschaftlichen Veränderungen habe ich zunächst nicht gerechnet. Im Rahmen dieser Entwicklung wurde mir aber schnell klar, dass der einzig gangbare Weg in die deutsche Einheit führen müsse.“

Obwohl in der DDR aufgewachsen und 13 Jahre lang Labordiagnostiker am Schweriner Bezirksklinikum, habe er dieses Land nie als seine Heimat empfunden, weil es aus seiner Sicht auf Lügen aufgebaut war. Trotzdem kann er, so Diederich, Menschen verstehen, die andere Erfahrungen gemacht haben. „Man kann in diesem Zusammenhang die Biografien der Menschen nicht genug achten“, so sein nachdenklicher Kommentar. Die DDR aber heute noch zu verklären, das könne er nicht nachvollziehen, sagt Diederich.

1990 wurde der Schweriner in das Amt des Regierungsbevollmächtigten für den Bezirk Schwerin eingesetzt und trat im April in die CDU ein. Die Berufung aus Berlin sei für ihn überraschend gekommen, sagt er heute. Trotzdem hat er zugesagt und sich neben dem Aufbau einer neuen Verwaltung vor allem der Frage der Landeshauptstadt gewidmet. Dafür war zunächst nahezu parteienübergreifend Rostock favorisiert. Georg Diederich kam jedoch zu der Überzeugung, dass mit Schwerin eine gleichmäßigere Landesentwicklung gegeben sei. „Schwerin wurde zu meiner Leidenschaft und dank großer Überzeugungsarbeit auch Landeshauptstadt“, lächelt der heute 65-Jährige. In der Phase dieses großen Engagements waren CDU-intern schon die Weichen für ihn als Ministerpräsidenten-Kandidat gestellt, als auf einem Nominierungsparteitag Ende August 1990 plötzlich auf Vorschlag von CDU-Landeschef Günther Krause der Greifswalder Geologie-Professor Alfred Gomolka die Mehrheit der Stimmen für die Spitzenkandidatur erhielt. Der Preis für Diederichs großes Engagement für Schwerin, vermuteten damals viele Beobachter.

Mit der Gründung des Landes Anfang Oktober wurde er „eher zufällig“, wie er heute sagt, für das Amt des Innenministers vorgeschlagen. Günther Krause entschied in interner Runde: „Übernimm du das Innenressort.“ Er hat’s übernommen und wurde Minister im Kabinett Gomolka, dem er bis zu dessen Rücktritt in der ersten Werftenkrise im März 1992 angehörte. Das hätte er gern weitergemacht. Aber der neue Ministerpräsident, Berndt Seite, holte sich Ende März 1992 einen anderen ins Kabinett. Diederich blieb bis 1994 im Landtag. Schmerzlich war für ihn später die Erfahrung, aus der CDU-Fraktion ausgeschlossen zu werden, weil er nicht bereit war, sich dafür zu entschuldigen, dass er auch vom Ministerpräsidenten Aufklärung zu dessen Vergangenheit gefordert hatte. Diederich hatte Berndt Seite intern einer Stasi-Nähe zu DDR-Zeiten beschuldigt. Seite konnte das Gegenteil nachweisen. Das Verhältnis der CDU-Fraktion und des Ministerpräsidenten zu Diederich war zerrüttet. Seite blieb bis 1998 Ministerpräsident.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Landtag 1994 folgten 13 Monate Arbeitslosigkeit. 1996 begann für Diederich eine Tätigkeit im Heinrich-Theissing-Institut Schwerin, später auch im Thomas Morus Bildungswerk. Als Direktor des Instituts, das sich unter anderem der Aufarbeitung der Geschichte der katholischen Kirche Mecklenburgs in der Zeit der Diktaturen widmet, publizierte er auch einiges zum Thema Stasi. Diederich: „Es ging mir nie um Sensationshascherei, sondern um Aufklärung, um der Wahrheit ans Licht zu verhelfen.“ Gesellschaftliche Versöhnung, ist der Katholik überzeugt, kann man nur erreichen, wenn die Täter Schuld eingestehen und die Opfer verzeihen.

Jetzt genießt Diederich den Ruhestand, arbeitet auch noch ehrenamtlich im Theissing-Institut, spielt gern Klavier und Orgel, hält Vorträge. Bis 2016 soll der dritte Band zur Chronik der Katholischen Kirche in Mecklenburg fertig sein. Nach dem wichtigsten Gebot der Zeit gefragt, antwortet der verheiratete Vater dreier Söhne ganz spontan: „Da halte ich es ganz mit Papst Franziskus. Wir müssen bereit sein, zu teilen und von unserem Wohlstand abzugeben.“
 
 

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