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Digitale Stromzähler werden Pflicht : Der große Zählertausch

vom
Aus der Onlineredaktion

Neues Gesetz schreibt in den nächsten 15 Jahren eine Umstellung aller Stromzähler in Deutschland auf Digitaltechnik vor

von
erstellt am 31.Jan.2017 | 12:00 Uhr

Die Energiewende der Bundesregierung erreicht die deutschen Haushalte. Seit Jahresbeginn gilt in der Bundesrepublik das so genannte Messstellenbetriebsgesetz. Dahinter verbirgt sich die Einführung intelligenter, digitaler Stromzähler in den nächsten 15 Jahren. Was innovativ klingt, bedeutet für den Endverbraucher: Mehrkosten, Gefahren für den Datenschutz. Vorteile sind noch nicht erkennbar.

Denn die Idee dahinter scheint eher an den Energieriesen orientiert, nicht am Verbraucher. Intelligente Stromnetze nützen den Netzbetreibern. Netzkapazitäten können von Spitzenlastzeiten in lastschwächere Zeiten verschoben und die Energie besser genutzt werden. Denn die nach Wunsch der Bundesregierung wachsende Solar- und Windenergie macht die Stromanbieter wetterabhängig. Intelligente Stromnetze sollen in der Lage sein, Veränderungen in der Stromversorgung und im Stromverbrauch automatisch zu regulieren: Kommt viel Windenergie ins System, können die Leistung von Kraftwerken verringert oder Windparks abgeschaltet werden – und umgekehrt. Die Folge: Künftig könnten die Strompreise sogar tageweise schwanken. Steht viel Strom aus Erneuerbaren Energien zur Verfügung, sinkt der Strompreis. Um darauf reagieren zu können, sind digitale Messgeräte nötig.

Mehr Wettbewerb: Neuregelungen im Bereich Energie 
Mit dem EEG 2017 beginnt die nächste Phase der Energiewende. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland ist erfolgreich – ihr Anteil lag im Jahr 2016 schon bei rund 32 Prozent und soll mit dem EEG 2017 bis zum Jahr 2020 auf mindestens 35 Prozent steigen. Hierzu erfolgt mit dem EEG 2017 ein Paradigmenwechsel: Die Vergütungshöhe des erneuerbaren Stroms wird ab dem 1. Januar 2017 nicht wie bisher staatlich festgelegt, sondern durch Ausschreibungen am Markt ermittelt. Das heißt: Neue Photovoltaik-Anlagen, Windräder oder Biogas-Anlagen stellen sich dem Wettbewerb und nehmen an Ausschreibungen teil. Der Zuschlag wird nach dem Prinzip des niedrigsten Preises vergeben.

Nach Einschätzung von Christian Nickchen, Geschäftsführer der Netzgesellschaft Schwerin, müssen bis zum Jahr 2032 deutschlandweit rund 50 Millionen Zähler getauscht werden. In Schwerin sind es 71 000. „Ein Mammutprojekt“, nennt Nickchen das. Die Kosten dafür tragen die Eigentümer der Häuser. Das Problem: Viele Immobilien besitzen so alte Wechselstromzählerplätze, dass die digitalen Messgeräte nicht kompatibel sind. „Vereinfacht gesagt: Sie passen einfach nicht“, so Nickchen. Allein in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt sind das 17 600 Plätze in 3665 Gebäuden. „Wir haben jetzt die ersten 500 der voraussichtlich 2000 betroffenen Kunden angeschrieben, dass sie durch eine Elektrofirma überprüfen lassen müssen, ob ihre Zähler-plätze vor dem Gerätetausch umgerüstet werden müssen“, berichtet der Schweriner Experte. Weitere Briefe werden in den nächsten Wochen folgen. Christian Nickchen gibt aber auch zu, dass es über fast 8000 Zähler auch bei seinem Unternehmen Unklarheit gibt, wie der Zustand ist.

<p>So teuer wird es: Kosten- und Zeitplan der Umstellung</p>

So teuer wird es: Kosten- und Zeitplan der Umstellung

 

Die Kosten für die Fachmann-Überprüfung trägt der Hauseigentümer. Und sollte ein Umbau vor der Umrüstung auf die digitalen Zähler nötig werden, landen die Ausgaben von schätzungsweise 800 bis 1000 Euro pro Haus auch beim Eigentümer. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, auch die Schweriner Netzgesellschaft will keine nennen.

Dagegen erweisen sich die Mietkosten für die Digitalzähler nahezu als Schnäppchen: Haushalte mit einem Verbrauch von bis zu 6000 Kilowattstunden pro Jahr müssen 20 Euro berappen. Diese Kosten können vollständig auf den Mieter umgelegt werden. Wer mehr als 6000 Kilowattstunden pro Jahr verbraucht, bekommt nicht nur eine digitale Messeinrichtung, sondern eine intelligente. Der Unterschied: Die Zähler in den Privathaushalten müssen auch weiterhin manuell am Display abgelesen werden – einmal pro Jahr. Intelligente Messsysteme mit dem so genannten Gateway funken alle 15 Minuten ihre Daten. In Schwerin betrifft das laut Nickchen etwa 3500 Kunden. Können der Mieter und der Einfamilienhausbesitzer per PIN am Display ihren Verbrauch ablesen, erhalten Großkunden Zugang zu einer Internetplattform. Beide können dank der digitalen Zähler beispielsweise erfahren, wie sehr die Party am Wochenende den Stromverbrauch verändert hat.

Doch rechtfertigt dieser Service das Datenschutz-Risiko? Schließlich ermöglicht die Analyse den Netzbetreibern einen detaillierten Einblick in das Verbrauchsverhalten der einzelnen Haushalte. Der Verbraucherzentrale-Bundesverband bezeichnet diese Pläne als „Zwangsdigitalisierung“ deutscher Haushalte. „Verbraucher sollten selbst entscheiden können, ob sie dem Einbau digitaler Stromzähler zustimmen“, heißt es aus dem Bundesverband. Doch der Gesetzgeber hat nicht darauf gehört. Die „Neue Osnabrücker Zeitung“, Schwesterverlag unserer Zeitung, weiß zu berichten: „In einer vom Verbraucherzentrale-Bundesverband in Auftrag gegebenen Untersuchung sprachen sich die Befragten mehrheitlich dagegen aus: 70 Prozent lehnten die neuen Zähler ab. Die Hälfte der Befragten sorgt sich um die Sicherheit ihrer Daten. 38 Prozent scheuen die zusätzlichen Kosten, die mit dem Einbau verbunden sind.“

Der Eigentümerverband Haus & Grund geht davon aus, dass durch die Einführung der neuen Geräte der Strom pro Haushalt jährlich um bis zu 100 Euro teurer wird. „Es ist kaum mehr glaubhaft, wenn die Bundesregierung die hohen Wohnkosten beklagt und parallel das Wohnen mit solchen Projekten immens verteuert“, kommentiert Kai Warnecke, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, das neue Gesetz. Die Kosten und die von der Bundesregierung erwarteten Einsparungen pro Haushalt stünden nicht ansatzweise in einem vernünftigen Verhältnis. Auch Verbraucherzentrale-Bundesverband-Vorstand Klaus Müller sagt: „Es kann nicht sein, dass Verbraucher Kosten tragen, aber keinen Nutzen haben werden.“ Die Kritiker bezweifeln außerdem den Nutzen des Projekts für die Förderung der Energiewende. „Dieses Vorhaben ist auch klimapolitisch und ökonomisch vollkommener Nonsens und muss ersatzlos gestrichen werden“, so Warnecke. Als große Profiteure sieht er die Stromanbieter, die mithilfe der so gewonnenen Daten ihre Rendite optimieren könnten.

Auch IT–Sicherheitsarchitekt Klaus J. Müller erklärt: „Wenn die Speicherung der Daten beim Energieversorger, beim Verteilnetz- oder Messstellenbetreiber erfolgt, kann der Nutzer nicht mehr beeinflussen, was mit den Daten passiert.“ Christian Nickchen beruhigt: „Der Anteil der Messstellen mit Kommunikationseinheit ist gering. Die Daten bei der Masse unserer 60 000 Kunden in der Landeshauptstadt bekommen wir nur einmal im Jahr zu sehen.“

Die Umrüstung erfolgt im Übrigen nicht per Zufall, sondern aufgrund der Eichfristen der jetzigen analogen Zähler, die den hübschen Namen „Ferraris“ tragen – die kleinen schwarzen Kästen mit der Drehscheibe und dem mechanisch wechselnden Zahlenfeld. Läuft die Eichfrist ab – maximal sind 16 Jahre pro Gerät möglich –, verschwindet „Ferraris“ und ein Digitalzähler wird eingebaut. „Wir werden unsere Kunden etwa drei Monate vorher anschreiben und sie auf den bevorstehenden Wechsel hinweisen“, sagt Nickchen. Das bedeutet: Den Zeitpunkt des Zählertausches bestimmt einzig das Alter des jetzigen Zählers – unabhängig vom Verbrauch pro Jahr. Allein die Schweriner Netzgesellschaft rechnet mit einem Investitionsbedarf von mehr als vier Millionen Euro. Und das ist erst der Anfang: Für Gas und Fernwärme ist laut Gesetz ebenfalls eine Umstellung vorgesehen.

Das Gesetz
Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) stellt den energierechtlichen Rahmen für die Förderung von Erneuerbaren Energien in Deutschland dar. Kernpunkte sind garantierte  Einspeisevergütung, garantierter Anschluss an das Netz und bevorzugte Abnahme der Elektrizität durch den  Netzbetreiber. Das EEG in der ersten Fassung hat im Jahre 2000 das Stromeinspeisegesetz ersetzt, wurde in den Jahren 2004 und 2008 konstitutiv neu gefasst und 2012 zuletzt novelliert. Im EEG ist das energiepolitische Ziel festgeschrieben, schrittweise 80 Prozent der Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien bis 2050 zu erreichen. Die Kosten, die dem Netzbetreiber für die Vergütung der Erneuerbaren Energien entstehen, werden abzüglich der Einnahmen aus deren Vermarktung auf die Endverbraucher umgelegt.


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