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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 02:07 Uhr

Falsche Lehrerin gesteht : Der große Bluff

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Lehrerin unterrichtet jahrzehntelang in mehreren Bundesländern mit gefälschten Papieren. Unter Tränen gesteht die 50-Jährige vor Gericht den Betrug. Ein Schuldirektor rügte die „völlige Inkompetenz, fachlich und didaktisch“. Auch Schüler und Eltern beschwerten sich.  

Mit gefälschten Examina hatte sie sich zwei Jahrzehnte lang immer wieder als Lehrerin in den Schuldienst geschummelt –  nun rückte die ehemalige Beamtin mit der Wahrheit heraus. Zögernd und ab und an weinend, gestand die Frau, dass sie sich nach der Wende mit gefälschten Zeugnissen in mehreren Bundesländern für das Lehramt beworben hatte und angenommen wurde.

Die Stimme der 50-Jährigen aus Wismar ist dabei für die Zuhörer im Saal 4 des Kieler Amtsgerichts nur schwer zu verstehen. Das runde, von dunklen Locken umrahmte Gesicht zeigt bei ihren Aussagen auch keine größeren Regungen. Ihre Finger allerdings spielen unablässig miteinander. 

Die Anklage gegen die alleinstehende Mutter und gelernte Krankenschwester lautet auf gewerbsmäßigen Betrug und Urkundenfälschung. Demnach verfügt die Angeklagte weder über gültige Hochschulabschlüsse noch Diplom oder Staatsexamina.

Dennoch startet sie zu Zeiten von Wende und Wiedervereinigung ihre Lehrerlaufbahn Anfang der 1990er- Jahre in Wolgast. Sie habe mit der als Propagandafach geltenden DDR-Staatsbürgerkunde kaum Chancen auf Anstellung gehabt, deutet sie an. „Es war eine Zeit, in der Vergangenheiten gelöscht wurden. So war es auch bei mir.“

1995 wechselt sie nach Brandenburg, später nach Berlin, wo sie auch verbeamtet wird. Das Warum  lässt sie vor Gericht offen. Ebenso unklar bleibt der Grund für den Wechsel 2008 nach Schleswig-Holstein. Aufschlussreich aber ihre Bemerkung: „Ich lebte in dauernder Angst, dass die Zeugnisse näher betrachtet würden“, sagt sie. Noch größer sei aber ihre Angst vor Arbeitslosigkeit gewesen. So lügt sie sich von Anstellung zu Anstellung weiter durch.

In ihrem Geständnis scheint sie reuig und bittet um Entschuldigung. „Ich wollte schon seit meiner Kindheit Lehrerin werden.“ Die Unstimmigkeiten in ihren Unterlagen fielen im Bildungsministerium in Kiel erst auf, als ein Möllner Gymnasialdirektor 2010 die Schulaufsicht einschaltete.

Er beschreibt die Leistungen der als Beamtin übernommenen angeblichen Lehrerin vor Gericht als unterdurchschnittlich. Sie selbst bescheinigte sich dagegen in ihren Bewerbungen Einser- und Zweier-Abschlüsse,  angeblich erworben an westdeutschen Hochschulen. Doch der Direktor rügt die „völlige Inkompetenz, fachlich und didaktisch“.

Schüler und Eltern beschweren sich über den fachlich unzureichenden Unterricht. Doch sie erweist sich als beratungsresistent, reagiert mit Abwehr, Aggressionen und Vorwürfen auf die Bemühungen der Schule, ihr Weiterbildungsangebote zu machen, wie der Direktor schildert. Die 50-Jährige sei „eindeutig nicht kritikfähig“ und zeige zudem „keine Einsicht“, sagt er. Bei seinen und den Aussagen anderer Zeugen wirkt die Angeklagte fast trotzig und in sich gekehrt.

Das Ministerium schaltet die Staatsanwaltschaft ein. Ende 2012 wird die falsche Lehrerin suspendiert, Anfang 2013 der Beamtenstatus aberkannt. Eine Vertreterin des Ministeriums sagt als Zeugin vor Gericht, inzwischen bezweifle sie sogar die Echtheit des vorgelegten Abiturzeugnisses der Angeklagten. Als die Vorsitzende Richterin nachfragt, bleibt die 50-Jährige die Antwort schuldig.

Die derzeit arbeitslose Frau hatte sich trotz der Ermittlungen gegen sie 2013 noch einmal an der Werner-Lindemann-Schule in Lübstorf bei Schwerin beworben – wieder mit falschen Papieren und falschen Angaben in ihrem Lebenslauf, wie sie zugab. Dort war sie von März bis August tätig und fiel vor allem durch ein gesundes Selbstbewusstsein auf (sie brachte sich als Nachfolgerin des Schulleiters ins Gespräch). Zeitweise unterrichtete sie auch für ein paar Stunden in der Woche an der Schule im benachbarten Bad Kleinen. Nachdem sie im Sommer 2013 an ihrer Schule in Lübstorf als Betrügerin aufgeflogen war, bemühte sie sich bei einer Privatschule in Schwerin um einen Job.

Auf sie kommen hohe Rückforderungen zu. Schleswig-Holstein will rund 133 000 Euro von ihr, sagt sie. Auch aus anderen Bundesländern gebe es noch Rückzahlungsforderungen. In einem Fall trage sie die Forderungen derzeit mit 25 Euro monatlich ab.  Das Gericht hat auch einen psychiatrischen Gutachter bestellt, der die Frage der Schuldfähigkeit prüfen will. Bis zu Prozessbeginn hatte sie sich geweigert, mit ihm zu sprechen. Nun stimmte sie einem Termin zu. Der Prozess wird am 3. Juni fortgesetzt. Das Urteil wird Mitte Juni erwartet. 

 

 

 

 

 

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