Hans-Joachim Drechsler : Der goldglänzende Klang

Das Schweriner Blechbläser-Collegium
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Das Schweriner Blechbläser-Collegium

Hans-Joachim Drechsler leitete über 40 Jahre das Schweriner Blechbläser-Collegium

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15. Juni 2016, 12:00 Uhr

„Klangpracht aus Deutschlands Norden“. Das Lob der Frankfurter Rundschau galt der CD „Handel for Brass“ des Schweriner Blechbläser-Collegiums. Die Musiker „beherrschen die leisen, emotionalen Töne ebenso perfekt wir die barockenden Grooves der händelschen Märsche und Chöre“, befand Deutschlandradio Kultur.

Initiator und Spiritus Rector dieses Ensembles ist der Trompeter Hans-Joachim Drechsler. So etwas schwebte dem Oberwiesenthaler schon als Student vor, angeregt durch Blechbläseraufnahmen amerikanischer Spitzenorchester, die er vom Bayrischen Rundfunks hörte. 1975 war es dann soweit. Drechsler, der seit 1973 in der Schweriner Philharmonie spielte, realisierte seine Idee, neun Musiker der damaligen zwei Schweriner Orchester bildeten das Blechbläser-Collegium, eines der ersten deutschlandweit. In der Regel mit vier Trompeten, zweimal Horn, zwei Posaunen oder auch einer Tuba besetzt, wird es nach Bedarf erweitert. Seit dem Ende der DDR musizierten die Musiker der Staatskapelle gemeinsam mit Kollegen aus Lübeck und Dresden, auch aus Hamburg, Karlsruhe und Berlin. Das Ensemble hat sich mit über 200 Werken unterschiedlicher Stile virtuos durch sechs Jahrhunderte Musikgeschichte gespielt und Kompositionen uraufgeführt, die speziell für das Collegium geschaffen wurden. Dabei konnten Musikfreunde im Leipziger Gewandhaus, in der Kölner Philharmonie, bei der Wiedereinweihung des Berliner Doms, in der Hamburger Laeiszhalle, bei Festivals und im Ausland die Qualität dieses Blechklangs erleben. Gespeichert ist er auch auf CD mit Humperdincks „Hänsel und Gretel“-Oper und Tschaikowskys“ Dornröschen“-Ballett für Blechbläser und Erzähler.

Nun haben Händel oder Humperdinck ihre Werke nicht für ein Blechbläser-Ensemble geschrieben. „Sie müssen dafür eingerichtet werden“, erklärt der Leiter und zitiert den Musikwissenschaftler Wilhelm Ehmann, der meinte, ein Blechbläser-Ensemble stelle „eine lebendige Orgel“ dar, und man könne es ebenso „registrieren“ wie die mechanische. Das war über 40 Jahre die kreative Arbeit von Drechsler: „Hohes und tiefes Blech müssen im Wechsel oder auch zusammen eingesetzt werden, so kann man doppelchörisch musizieren, räumlich, simpel gesagt. Und spezielle Instrumente wie Piccolo-Trompeten, Flügelhörner oder Kontrabassposaune erlauben zusätzlich eine fantasievolle Mischung der Klangfarben.“ Ein stilles Schaffen voller Idealismus, bevor es harmonisch laut werden kann. „Goldglänzend“, wie ein Kritiker schrieb.

Eine ehrenvolle Einladung hatten die Blechbläser jüngst mit ihrem Händel-Programm zu den Händel-Festspielen in Halle. Eine Premiere: Freiluft-Konzert auf dem Domplatz – sozusagen Händel populär. Es war der vorläufig letzte Auftritt. Nach 43 Jahren als Trompeter ist Hans-Joachim Drechsler, seit 1988 in der Staatskapelle, nun im Ruhestand. Arrangieren wird er weiter. Und nie mehr ins Blech blasen? „Professionell nicht mehr, aber sicher in einem Posaunen-Chor, dann schließt sich der Kreis, ich habe als Neunjähriger autodidaktisch in solchem Ensemble angefangen“, zieht der Kammermusiker einen Strich. Und was wird das Collegium ohne seinen Schöpfer? Er holt tief Luft: „Das weiß ich noch nicht.“  

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