zur Navigation springen

Weltstars in Redefin : Der Glanz eines Zufalls

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hélène Grimaud und Jan Vogler bei „Weltstars in Redefin“ der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

„Lieben Sie Brahms?“ Single Simon will mit dieser Frage per Brief die liierte Paule zu einem Konzert in der Pariser Salle Pleyel einladen. Nach dem gemeinsamen Besuch erhofft er sich wohl ein galantes Nocturne. Das erzählt Françoise Sagan in ihrer boulevardesken Dreiecks-Geschichte „Lieben Sie Brahms?“. Das Fragezeichen wird zum Ausrufzeichen, wenn die Französin Hélène Grimaud sein 1. Klavierkonzert spielt. Wenn da im Adagio Innigkeit weht, lässt das an den Brief denken, den Johannes Brahms im Dreieck mit Robert und Clara Schumann an Clara schrieb, während er das Werk komponierte: „Auch male ich an einem sanften Porträt von Dir, das dann Adagio werden soll.“

Halt, falscher Film, das wäre jetzt nur auf der CD zu hören, die ausliegt. Programmriss bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern auf dem Landgestüt Redefin. Den Flug für das avisierte Orchester hat im hessischen Frankfurt eine Sturmwarnung verhindert. Nichts Sinfonisches möglich. Zum Glück aber hat der Cellist Jan Vogler in Paris sein Handy nicht ausgeschaltet, er kann einfliegen, und so kommt es spontan doch zu „Weltstars in Redefin“ als Duett. Und dazu noch, wie die Muse Polyhymnia so spielt, zum musikalischen Treffen von Schumann und Brahms.

In drei „Fantasiestücken“ hat Robert Schumann seine Neigung zu Poesie zart, leicht und feurig in Noten gesetzt. Grimaud und Vogler, Blick über die Schulter, Lächeln zurück, spielen sich damit sozusagen warm, sonore Kantilene vom Cello, perlender Klavierklang, ein lockerer, luftiger Dialog. „Wenn man zusammen Musik macht“, hat die Pianistin einmal gesagt, „geht es um gegenseitige Inspiration. Darum, der anderen Person Flügel zu verleihen. Und die Flügel anzunehmen, die der andere einem verleiht.“ Das ist hier zu hören, und es steigert sich in der Sonate für Violoncello und Klavier Nr.1 von Brahms, die eine Liebeserklärung an Clara ist. Die Solisten, Vogler mit Blicken gen Himmel, Grimaud mit bewegtem Körper, finden sich zur stimmungsreichen Zwiesprache drängender Emotionen, zu Wehmut und Anmut, zu tänzerischem Scherz und intensiver Klangrede. Da wird das Bedenken, ob Kammermusik in einer Reithalle funktioniert, expressiv aus dem Kopf gespielt. Nur müssen es eben Spitzenmusiker sein.

Sie krönen den Abend dann mit der frühen Cello-Sonate op.40 von Dmitri Schostakowitsch, seinem Bekenntnis zur klassisch-romantischen Tradition. Voglers Instrument singt, Grimaud tiriliert Akkorde. Zwischen Zärtlichkeit und Wildheit, Besinnung und Attacke, hohem, sinnendem, schrillem, pochendem Ton vollführen beide sozusagen brillante Klanggefechte, in denen flüstert, ruft, schreit, was der Komponist von anderen Komponisten, darunter auch Brahms, angeregt oder ironisch sich anverwandelte. Ein fulminantes Duett. Der Glanz eines Zufalls. Jubel in der Halle, zwei Künstler im legeren Habit, die sichtlich froh sind, und als Souvenir aus „Fronkraisch“ noch ein Sonatensatz von Debussy. Glückliches Ende eines ungewissen Tages.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen