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Flüchtlingstagebuch Teil 8 : Der Geschmack des syrischen Wassers

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Über wenig Privatsphäre, Heimweh und falsche Erwartungen

von
erstellt am 29.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Etwas unbehaglich zupfe ich an meinen Ärmeln. Ich will nicht, dass Moha meine gebräunte Haut sieht. Dabei weiß er auch so, dass ich die letzten Tage im Urlaub war. „Don’t be stupid“ – Sei nicht dumm, sagt er. „Ich hoffe, du hattest eine schöne Reise.“ Fast zwei Wochen haben wir nicht miteinander gesprochen.

„Was gibt es neues?“, frage ich. „Nichts“, sagt er und rauft sich die Haare. „Nur, ich fühle mich wie ein Tier. Ich glaube, selbst die Kühe haben hier mehr Privatsphäre.“ Seit einigen Wochen lebt Moha zusammen mit sechs weiteren Flüchtlingen aus Syrien in einem Wohncontainer – in der Mitte von Nirgendwo, wie er sagt. Zwischen den Betten ist nur wenig Platz. Handy-Empfang gibt es kaum.

„Hast du dir dein Leben hier einfacher vorgestellt?“ – „Nicht einfacher. Aber anders“, meint Moha. „Es ist so, viele Menschen schauen mich oft komisch an. Auch wenn sie nichts sagen. Ich sehe es in ihren Augen.“ – „Was meinst du?“ – „Sie denken: Du siehst nicht aus wie ein Flüchtling. Du hast noch deine Arme, deine Beine, deinen Kopf. Du bist nicht dreckig oder hungrig. Ich meine, wie müssen Flüchtlinge aussehen? Wir sind auch nur Menschen.“ Moha nimmt einen Schluck von seinem Espresso. Er sieht müde aus. „Ich habe Heimweh.“

„Einige glauben, dass viele Flüchtlinge nur wegen des Geldes nach Deutschland kommen“, versuche ich zu erklären. „Sie brauchen doch nur den Fernseher einzuschalten und zu sehen, was in Syrien passiert. Es gibt viele Gründe zu fliehen. Du gehst nicht in ein fremdes Land, wo du weder die Kultur noch die Sprache kennst, nur um ein bisschen Geld zu bekommen.“ – „Sie begründen ihre Annahme oft damit, dass hauptsächlich viele junge Männer nach Deutschland kommen. Viele lassen ja Frau und Kinder zurück.“ – „Hast du in den Medien den Jungen gesehen, der in der Türkei an die Küste geschwemmt wurde? Es ist noch immer eine gefährliche Reise. Und wenn du eine Aufenthaltsgenehmigung hast, kannst du deine Familie legal nachholen.“

Bisher sprachen wir kaum über Mohas Flucht. Ich weiß nur, dass er keine beschwerliche Reise hatte, wie er sagt. „Wann hast du die Entscheidung getroffen, Syrien zu verlassen?“, frage ich. „Als ich wusste, dass ich nicht mehr viel Zeit habe.“ Moha sollte von der syrischen Armee eingezogen werden. Syriens Diktator Baschar al-Assad kämpft nicht nur gegen die Terrormilizen und Rebellen im Land, er lässt auch Lufteinsätze gegen die eigene Bevölkerung fliegen. „Keiner will gegen andere Menschen kämpfen“, sagt Moha. „Wer seinen Dienst verweigert, wird exekutiert.“ Langsam stellt er die Tasse ab. „Es gab Momente, da dachte ich, das wäre eine gute Lösung für mich.“

Ich schlucke. „Weißt du, was ich wirklich vermisse?“ – „Nein. Was?“ – „Das Wasser.“ – „Das Wasser?“ – „Ja, ich vermisse das Wasser aus dem Wasserhahn in Syrien.“ – „Und das fehlt dir?“ – „Ja. Es klingt komisch, aber ich hoffe, ich kann es irgendwann noch einmal schmecken. Doch als ich Syrien verließ, wusste ich, es ist eine Entscheidung für immer.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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