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Mecklenburg-Vorpommern

21. Oktober 2017 | 17:54 Uhr

Der Furcht vor der Dunkelheit trotzen

vom

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2012 | 07:39 Uhr

Rostock | Marco war acht Jahre alt, als er auf diesem Toilettendeckel saß, irgendwo in einem Plattenbau. Die Finsternis, in die er als Junge dort immer wieder eingepackt wurde, weil er zu weich war, weil er zu frech war. Diese Finsternis setzte sich fest in seinem Geist in einer, wie Therapeuten es sagen, körpernahen Trauma erfahrung. "Ich weiß es noch, als wäre es heute gewesen. Ich träume davon jede Nacht", erzählt der heute 30-Jährige. Er saß auf dem Toilettendeckel in diesem fensterlosen Raum. Er klammerte sich mit der Hand am Badewannenrand fest und er weinte. Das Schluchzen kam nirgendwo an, wenn ihn der Großvater dort eingesperrt hat. Eine Erziehungsmaßnahme, die zu einer Krankheit geworden ist. Mittlerweile weiß Marco, dass die mehrstündigen Wegsperr aktionen bei ihm eine Achluophobie ausgelöst haben, eine Angst vor der Dunkelheit. Noch heute geht er als Erwachsener nachts mit einem Jagdmesser zur Toilette und lässt seine Frau in den Keller vorgehen, weil der Schalter unten an der Treppe ist.

Die Angst vor der Dunkelheit, die vor allem Kindern nachgesagt wird, ist auch bei Erwachsenen nicht selten. Evolutionär macht die Furcht einen fundamentalen Sinn für die Menschheit, denn gerade Kinder sollten sich nicht ohne Schutz von ihrer Familie, ihrem Stamm entfernen. Mit dem Erreichen des sechsten Lebensjahres vergeht die Angst normalerweise. Falls sie es nicht tut, liegen andere psychische Ursachen oder Auslöser zugrunde.

Angst und Phobie ist nicht dasselbe. So hat die Angst per Definition eine Schutzfunktion für das Lebewesen, wie die frühkindliche Angst vor der Dunkelheit, die verhindert, dass die Kleinen heimlich die heimische Hölle verlassen. Im Gegensatz zur Angst hat eine Phobie jedoch keine sinnvolle Funktion.

Spezifische Phobien können dabei entweder angelernt oder durch ein traumatisches Ereignis ausgelöst sein. Bei Marcos Psychotherapie hat sich gezeigt, dass beide Ursachen zu finden sind. Die Verhaltenstherapie kann bei ausgeprägten Phobien gut helfen. In der Therapie setzt man sich geleitet und bewusst mit dem Stimuli, dem furchteinflößenden Objekt auseinander. Diese Form der Konfrontationstherapie wirkt ähnlich einer Konditionierung, wobei der Therapeut verschiedene Techniken anwenden kann: Bei der Reizüberflutung wird der Patient seiner Angst in höchstem Grad ausgesetzt. Jemand mit Arachnophobie, also Spinnenangst, hält dabei eine große Vogelspinne in der Hand, bis er sich beruhigt. Bei der Desensibilisierung geht der Therapeut weniger drastisch vor. Er setzt den Patienten zuerst mit dem kleinsten Glied seiner Stimulikette auseinander. Der Spinnenphobiker würde also zuerst einen spinnenartigen Käfer halten. Bei der umstrittenen Screeningtechnik würde der Patient sich sein Angstobjekt vorstellen.

Über seine Therapie will Marco nicht sprechen, weiß nur zu berichten, dass er sie als Jugendlicher abgebrochen hat, weil die Phobie vorbei zu sein schien. Sie kam jedoch wieder mit den Panikattacken. Nun muss sich Marco mit dem auslösenden Trauma beschäftigen, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

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