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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 08:52 Uhr

Der deutsche Balaton

vom

svz.de von
erstellt am 03.Aug.2012 | 11:08 Uhr

Angermünde. | Auf Rügen, wo er herstammt, konnte Günther Przemus kein Fischer werden - das ging nicht. Über die Gründe will er nichts sagen. Da wurde er Schlosser. Doch das Fischen, das er schon als kleiner Junge geliebt hatte, ließ ihn nicht los. Da ging er weg und wurde im Binnenland Fischer. Die Frau, die er kennenlernte, kam aus dem Barnim, vom Parsteinsee. Dort ging er mit ihr hin und fand ein Paradies.

Wer zum Parsteinwerder, wo Przemus seinen Fischereibetrieb hat und auch einige Ferienwohnungen betreibt, gelangen will, muss, von Angermünde kommend, die Bundesstraße 2 Richtung Eberswalde nehmen und diese kurz vor Serwest links in Richtung Nirgendwo verlassen. Der Eindruck entsteht zumindest durch den abrupten Belagwechsel - es geht jetzt größtenteils über staubige Feldwege in Richtung Natur. Hier irgendwo muss das Paradies sein.

Und es kommt wirklich. Nachdem der Besucher noch das Hinweisschild auf einen regionalen Schießstand hinter sich gelassen hat, weitet sich der Blick, das Fischerhaus erscheint - hier ist Parsteinwerder, der äußerste Punkt einer weit in den Parsteinsee hineinragenden Halbinsel. Außer dem Fischer, seiner Familie und den Feriengästen gibt es hier nichts. Doch: Einen Aussichtsturm, den das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin im Jahr 2004 hier aufgestellt hat. Und dessen Abbau Fischer Przemus sehnlichst herbeiwünscht. "Die Leute kommen her, lassen ihren Müll fallen, latschen durch meinen Betrieb, lassen kein Geld hier und das war es. Mir bringt der Turm nichts", sagt der Fischer.

So kann es manchmal gehen mit ungelenktem Natur-Tourismus. Zeit und Geld, ständig einen Naturwächter abzustellen, der die Besucher in Parsteinwerder empfängt, betreut und darauf achtet, dass sie nichts kaputt machen und keine Müllberge hinterlassen, hat das Biosphärenreservat nicht. So wird der Aussichtsturm am Parsteinsee bald Geschichte sein. "Eigentlich auch schade", sagt der Fischer. "Denn was man hier an Vögeln und anderem Getier sieht, ist traumhaft."

2007 gab es drei Fischer, heute nur einen

Fischadler, Reiher ziehen hier ihre Runden. Frösche quaken, Moorbauchunken nisten, Kormorane ziehen ihre Kreise, auch Kraniche wurden hier schon gesehen. Auf der Straße, die südöstlich am See vorbeiführt, finden sich jede Menge Krötentunnel, damit die Amphibien gefahrlos von ihren Laichgründen in den See finden. Hier befindet sich auch die zweite Halbinsel, die in den See hineinragt, der Peelitzwerder. Ein zweites Paradies am Parsteinsee mit Naturcampingplatz. Autos sind hier verboten.

Przemus selbst hat kaum Zeit, vom Turm herab auf das Getier zu schauen - Przemus ist damit beschäftigt, die Fische aus dem See zu holen, die einen Teil seiner Lebensgrundlage bilden - "existieren kann man davon allein seit der Wende nicht mehr, ohne die Ferienwohnungen könnte ich hier aufgeben", sagt er.

Bis 2007 gab es hier drei Fischer, er allein ist übriggeblieben und holt Hechte, Aale, Barsche, Maränen, Schleie, Karpfen und jede Menge Weißfische aus dem Wasser. Letzteres muss er tun - ähnlich wie der Jäger im Wald für die Hege verantwortlich ist, muss er darauf achten, dass das biologische Gleichgewicht im See erhalten bleibt. Die Fische, die er nicht zum Verzehr verkaufen kann, landen im Eberswalder Tierpark als Futter oder in der Fabrik, wo sie zu Fischmehl verarbeitet werden.

Mit etwas Muße und starken Ferngläsern können die Besucher des Aussichtsturms nicht nur die Flora und Fauna begucken, sondern auch die nackten Menschen, die am gegenüberliegenden Ufer des Parsteinsees dem Sonnenanbeten frönen. Am Herzsprunger Strand befindet sich die einzige FKK-Anlage der Uckermark - gegründet gegen starken staatlichen Widerstand zu DDR-Zeiten und heute auf Vereinsbasis betrieben. Die Nudisten betreiben heute dort eine FKK-Bungalow-Siedlung und einen Zeltplatz.

Das ist noch Uckermark. Auf der anderen Seite des Parsteinsees, im Landkreis Barnim, liegt die Gemeinde Parstein. Und gleich in der Nähe der Strand nebst Zeltplatz, der dem Parsteinsee Berühmtheit und den Beinamen "Balaton des Ostens" einbrachte. Denn ähnlich wie in dem bekannten ungarischen Gewässer muss man hier gefühlte mehrere Kilometer laufen, um endlich tief ins Wasser zu kommen - das südöstliche Ufer des Parsteinsees ist ungemein flach.

Der 6,8 Kilometer breite und vier Kilometer lange See ist der größte See im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Der See besteht aus mehreren Becken und großen Buchten und gliedert sich im Wesentlichen in ein südliches Hauptbecken und einen hufeisenförmigen Nordteil (gelegentlich als Kleiner Parsteiner See bezeichnet), den die Halbinsel Parsteinwerder vom Hauptbecken weitgehend abtrennt.

Wie so viele Seen hat die Region ihn der Eiszeit zu verdanken, die hier glaziale Rinnen hinunter zum Urstromtal formte und den See hinterließ.

Insofern hat Günter Przemus es der Eiszeit zu verdanken, dass er noch Fischer werden konnte und nicht als Schlosser auf Rügen hinter dem Schweißgerät sitzt.


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