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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 09:30 Uhr

Report : Der den Wölfen folgt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ein Biologe beobachtet die Bewegungen der Raubtiere auf ehemaligen Truppenübungsplätzen – und wirbt für ihre Rückkehr nach Brandenburg

Mit großen Schritten schreitet der Wolfsexperte durch die ausgedörrte Heide, durch Sandwege und Buschwerk. Das Fernglas ist immer griffbereit, der Rucksack voll bepackt. Kay-Uwe Hartleb mutet mit seinem kantigen Gesicht und dem trainierten Oberkörper wie ein Ranger in einem amerikanischen Nationalpark an. Weite Strecken sind kein Problem.

Gut 30 Kilometer legt er heute zurück, im östlichen Teil des ehemaligen Truppenübungsplatzes bei Jüterbog (Teltow-Fläming). Auf Wegen, die er als „Autobahnen der Wölfe“ bezeichnet. Tatsächlich zeichnen sich immer wieder deren Spuren im trockenen Untergrund ab. Der 47-Jährige nimmt dann seinen Zollstock zur Hand, misst Breite und Länge. Anschließend sucht Hartleb die Umgebung ab. Die wichtigsten Daten tippt er in sein iPad.

Fakten über die Tiere sprudeln aus ihm heraus, als würde man sich vom Computer aus einem digitalen Lehrbuch vorlesen lassen. Von der Entwicklung der Rudel, über das Verhalten der Wölfe und Nahrungsbeziehungen gelangt er zu ihrer ökologischen Funktion. „Es ist ein unglaublich ästhetisches Tier“, schwärmt Hartleb. „Sie bewegen sich leichtfüßig, als wenn sie schweben. Und dann erscheinen sie aus dem Nichts.“

Einmal ist er einem Rüden bis auf 30 Meter nahe gekommen. Mit dem Fernglas schaute er dem Wolf in die Augen. Nur der Fotoapparat stand auf einem Stativ ein gutes Stück weit weg. Chance verpasst. Angst hatte er nicht – im Gegenteil: „Es war ein bewegender, unvergesslicher Moment“, meint der Diplom-Biologe. Zumal er an jenem Tag noch zwei Welpen beobachtete.


Begegnungen mit den Raubtieren sind selten


Wölfe sind meist scheue Tiere, sie gehen Menschen aus dem Weg. Daher seien Begegnungen mit den Raubtieren äußerst selten, erklärt Hartleb. Umso häufiger stößt man auf ihre Hinterlassenschaften bei Jüterbog: „Trittsiegel“, Abdrücke der Pfoten, und „Losungen“, der Kot, der auch zum Markieren von markanten Steinen oder Büschen ausgeschieden wird. An möglichst vielen Tagen ist Hartleb in der Natur. Doch die meiste Arbeit gibt es im heimischen Büro, wenn Funde ausgewertet werden müssen.

Vor anderthalb Jahren hat sich der in Ferch bei Potsdam wohnende Artenschutzexperte selbstständig gemacht. Zuvor arbeitete er als Manager in der Wirtschaft. Umsätze, Kalkulationen, Meetings – das sei nicht mehr seine Welt gewesen, meint er. Arbeit gibt es auch jetzt reichlich. Im Auftrag des Landesumweltamtes beobachtet er Wölfe nicht nur bei Jüterbog, sondern auch auf früheren Militärflächen bei Sperenberg und Lieberose. Zudem wird er auch als Gutachter herangezogen, wenn Nutztiere gerissen wurden. Darüber hinaus leitet Hartleb ein Projekt für die Ansiedlung von Steinkauzen.

Vermeintliche Wolfsrisse seien „Indizienprozesse“, sagt er und blickt ernst. Wie ein Ermittler sucht er auf Weiden oder bäuerlichen Höfen nach Spuren. Er fotografiert Kadaver, tupft Wunden mit Wattestäbchen ab und hofft auf Speichelreste der Angreifer, die in einem Labor identifiziert werden. Hartleb kontrolliert Schwachstellen in Zäunen. „Das ist ein Stück weit Forensik“, sagt er. Denn nur wenn Anhaltspunkte für Wölfe vorliegen, werden Tierhalter entschädigt.

Auf genetische Nachweise werden auch Exkremente untersucht, die er während der Expeditionen einsammelt und in Plastiktüten verstaut. Ein Labor in Hessen wird vom Land mit der DNA-Analyse beauftragt – wie in einem Puzzlespiel können die Genome einem Individium zugeordnet werden. Die im Kot enthaltenen Nahrungsreste untersuchen Forscher in Görlitz. Deren Statistik lautet, dass Wölfe zu 99 Prozent Wild fressen, in einem Prozent Weidetiere.

Hartleb stochert mit einem Stock in einer schwarzen Losung. Zum Vorschein kommen Haare, die von Wildschweinen stammen können, der Geruch ist stechend. „Typisch Wolf“, meint der Experte. Immer wieder findet Hartleb zudem auch Knochenreste im Kot. „Die gehen durch ihre Beute wie durch Marmelade“, sagt er. „Und sie schlingen.“

Zehn Wölfe lebten im gerade abgelaufenen Monitoringjahr in dem 30 000 Hektar großen Gebiet bei Jüterbog – ein Rudel mit Jungtieren, die längst jedoch ausgewandert sind. Jetzt sei der Zeitpunkt, dass die Altwölfin erneut Junge auf die Welt bringt, erklärt er. Oft bis zu sieben Welpen, von denen im Schnitt nur die Hälfte überlebt. Krätze, Parasiten, Straßenverkehr – das sind die großen Gefahren.

Irgendwo gut versteckt sei hier die Wolfshöhle, sagt Hartleb und zückt sein Fernglas, als er es im Gebüsch rascheln hört. Ein Reh. Zwei Mal habe er einen verlassenen Bau entdeckt, „reine Glückstreffer“. Wären die Welpen noch drinnen, würde er sich niemals annähern. „Du sollst einen Wolf nicht in die Enge treiben, dann kann er gefährlich für dich werden.“ Doch Übergriffe sind extrem selten. Obwohl in Europa bis zu 20 000 Wölfe leben, wurden neun Fälle in den vergangenen 50 Jahren berichtet. Hartleb spricht daher von einem „Rotkäppchen-Syndrom“, gegen das selbst Experten nur schwer ankommen. „Das Feindbild wird seit Generationen überliefert.“


Nachgewiesen sind landesweit nur 37 Tiere


Auch die Befürchtungen der Landwirte, Wölfe würden ihre Existenz gefährden, teilt er nicht. Er erzählt von einem Fall in Potsdam-Mittelmark, zu dem er gerufen wurde. 16 tote Kamerunschafe lagen auf der Weide, „fürchterlich zugerichtet“. Sofort habe der Mann streunende Wölfe bezichtigt. Am Ende bewies die DNA-Analyse: Das Blutbad hatten seine eigenen Hunde angerichtet. Seit dem Jahr 2007 wurden den Behörden rund 400 von Wölfen getötete Nutztiere gemeldet, meist Schafe.

Auch die offiziell kolportierte Wolfspopulation hält Hartleb für zu hoch gegriffen und bezeichnet sie als „politische Zahl“. Wissenschaftlich einwandfrei nachgewiesen seien nach jüngster Statistik landesweit 37 Tiere. Dies geschehe mit einem Verfahren, das in der Schweiz für Luchse entwickelt wurde: Es zählen tote Tiere, genetische Belege oder eindeutige Fotos.

Hartleb will die Kritiker irgendwann überzeugen. Er veranstaltet Schulungen für Jäger, die ausnahmslos ausgebucht sind. Dabei geht es auch um das Lesen von Fährten, um das richtige Beobachten. Und um den Abbau von Vorurteilen. „Wir müssen mit Wölfen leben lernen.“

 

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