Interview mit einem Humortherapeut : Der Demenz-Knigge

Angehöriger hilft beim Essen: Rund zwei Drittel der Demenz-Erkrankten werden zu Hause von Angehörigen betreut.
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Angehöriger hilft beim Essen: Rund zwei Drittel der Demenz-Erkrankten werden zu Hause von Angehörigen betreut.

Seit 17 Jahren arbeitet Humortherapeut Markus Proske mit dementen Menschen. Sein Ansatz: Humorvoller Umgang auf Augenhöhe

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03. November 2018, 05:00 Uhr

Demenzberater, Humortherapeut und Buchautor Markus Proske gibt seine langjährigen Erfahrungen in einem „Demenz-Knigge“ weiter. Das Nachschlagewerk des 52-jährigen Schwaben weiß Antworten auf viele typische Fragen, die sich Angehörigen und Pflegekräfte im Alltag stellen. André Wesche traf ihn zum Gespräch.

Herr Proske, um einen guten Wunsch aufzugreifen, den Sie auf einem Video einer Dame zum Geburtstag übermitteln: Ihr Stuhlgang war hoffentlich in Ordnung?
(lacht) Ja, mein Stuhlgang war in Ordnung, danke der Nachfrage! Für Menschen im Altersheim drehen sich die Sorgen und Gedanken oft um sehr alltägliche Sachen. Wir können uns gar nicht vorstellen, was diese Menschen alles umtreibt.

Woher kommt der Begriff „Humortherapeut“?
Er ist aus der Notwendigkeit heraus entstanden, dass jedes Kind einen Namen braucht. Ich bin nicht ganz glücklich mit dem Begriff „Humortherapie“, weil er impliziert, dass jemand krank ist. Ich treffe Menschen in einem bestimmten Lebensabschnitt, sie müssen gar nicht krank sein. Ich habe bisher kein Wort gefunden, das meine Arbeit besser beschreibt.

Nicht jeder Mensch hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Wie tasten Sie sich an einen Menschen heran?
Ich habe einen Leitsatz, die „4 M“: „Man Muss Menschen Mögen.“ Aber jeder hat seine Art von Humor. Manchmal ist der auch nicht gefragt, wenn ein Mensch einfach nur einen stillen Begleiter wünscht, der ihm die Hand reicht.


Welche Dinge haben Sie Ihren Tipps zugrunde gelegt?
Es kann sein, dass ein Tipp bei 50 Menschen super funktioniert und bei dreien überhaupt nicht. Ich erlebe das immer wieder bei Vorträgen, die von pflegenden Angehörigen besucht werden. Etliche Leute nicken und eine Dame sagt, bei ihr hat gar nichts funktioniert.

Haben Sie schon eine besonders harte Nuss geknackt?
Vielleicht ein aktuelles Beispiel: Ich kam in ein Altenheim, in dem große Anspannung herrschte. Ein Neuzugang, eine Dame war sehr renitent. Ich kam in das Zimmer und traf auf eine Frau, die in ihrer Demenzerkrankung völlig überfordert war. Außerdem ihren Sohn, Schwiegertochter, Pflegekraft und den Mann vom Notarztwagen. Vier Leute, die auf diese Frau eingeredet haben. Und sie völlig gestresst. Ich habe alle gebeten, den Raum zu verlassen. Nachdem ich Ruhe hereingebracht habe, habe ich die Frau begrüßt und mich vorgestellt. Ich habe gefragt, wie es ihr geht und ob sie vielleicht etwas trinken möchte. Und sie meinte, ja, sehr gern, vielleicht einen Kaffee? Das sind ganz einfache Basics. Die Dame hat überhaupt nicht mehr gewusst ob sie Männlein oder Weiblein ist. Theoretisch waren Fachleute bei ihr, aber die waren so mit sich selbst beschäftigt, dass keiner mehr an die Frau gedacht hat. Ich habe ihr einen geschützten Raum geschaffen. Dann konnte man sie abholen.

Darf man lachen, wenn Demente komische Dinge tun?
Ich halte es für sehr wichtig, dass man mit ihnen lacht, aber nicht über sie. Natürlich huscht mir ein Lächeln übers Gesicht, wenn ich eine Dame vorm Fernseher frage, was sie denn heute macht und sie antwortet: „Ich lasse mich gerade elektrisch anlügen.“ Etwas Schöneres gibt es ich diesem Augenblick ja gar nicht!

Ich finde es auch legitim, über jemanden zu lachen, wenn derjenige nicht anwesend ist. Die Erinnerung an das Lustige kann Angehörigen Kraft für die Zeiten geben, die weniger lustig sind. Leider erlebe ich oft, dass man in Anwesenheit eines Betroffenen über ihn redet, als wäre er nicht da. Man meint, der kriegt eh nichts mehr mit. Es ist sehr erniedrigend, was man manchmal erlebt.

Haben Sie selbst Angst, an Demenz zu erkranken?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin jetzt 52 und da merkt man, dass bestimmte Fähigkeiten sich verändern. Wir sind in unserer modernen Welt sehr schnell überfordert, weil unsere Gehirne gar nicht so schnell wachsen können, wie es diese Welt mit ihrem abstrakten Denken von uns verlangt. Deshalb bin ich eher gnädig mit mir. Es wird mir schon wieder einfallen, wo die Schlüssel sind.

Denken Sie mal darüber nach, wie man vor hundert Jahren gelebt hat. Auch damals gab es schon Menschen mit Demenz. Was ist passiert, wenn jemand mit 80 „komisch“ wurde? Er galt als ein bisschen verkalkt, kauzig oder bockig. Trotzdem hat der Opa dann noch Arbeit gefunden, er hat die Hühner gefüttert oder die Straße gekehrt. Er war in den normalen Alltag eingebunden. Wenn Sie heute nicht mehr so fit sind, gelten sie automatisch als krank. Und eine Aufgabe gibt es für Sie auch nicht mehr. Damals war unsere Welt ganz einfach und greifbar und nicht abstrakt. Es gab kaum Autos oder Telefone. Und heute wundern wir uns darüber, dass unser Gehirn in zunehmendem Alter mit manchen dieser komplizierten Sachen überfordert ist. Dazu muss man noch nicht einmal dement sein.


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