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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 20:55 Uhr

Wildschweine in MV : Der Borstigen Zähmung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Rostock wurden die Tiere mit Sendern bestückt und beobachtet – um sie gezielt zu jagen

svz.de von
erstellt am 04.Dez.2015 | 19:50 Uhr

„Ganz eindeutig. Das waren Wildschweine“, ist Jörg Harmuth angesichts der Schäden am Deich überzeugt. „Die haben hier nach Würmern, Schnecken und anderen Kleinlebewesen gewühlt“, sagt der Forstamtsleiter von Rostock. Er ärgert sich über einzelne Jagdpächter, die „nur bei Lust und Laune“ losgingen. Das reiche schon lange nicht mehr. Aber auch die zuständigen Behörden seien gefordert, etwas gegen die Ausbreitung der Wildschweine zu tun. Harmuth, selbst Jäger, verweist auf ein Konzept zur Wildschweinbejagung in Siedlungsgebieten. Autor ist der promovierte Zoologe Hinrich Zoller.

„Ohne detaillierte Kenntnis über das Sozialverhalten der Wildschweine und ihre Laufwege geht nichts“, sagt der Wissenschaftler von der Universität Rostock. Vor drei Jahren übernahm der Experte einen Auftrag der Hansestadt, ausgewählte Siedlungsgebiete von Wildschweinen zu befreien. Vor allem in Markgrafenheide/Hohe Düne durchwühlten die Schwarzkittel immer wieder Gärten, Grünanlagen und Deiche. Der Schaden überstieg bereits 100 000 Euro. Zunehmend an Menschen gewöhnt, waren die Schweine sogar tagsüber um die Häuser gezogen. Da die Jagd in Wohngebieten nicht oder nur unter hohen Auflagen möglich ist, musste eine spezielle Strategie her.

Zoller legte gefangenen Wildschweinen Halsbänder mit Sendern um und installierte Nachtsichtkameras. So fand er heraus, wo sich die Tiere versteckten, wie groß die einzelnen Rotten waren und welche Laufwege sie zu den Futterplätzen benutzten. Anhand dieser Erkenntnisse erarbeitete er ein Bejagungskonzept. Das hatte Erfolg: Im Herbst vergangenen Jahres war Markgrafenheide/Hohe Düne wildschweinfrei. „Das war ganze Arbeit“, sagt Forstamtsleiter Harmuth. Doch das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) Mittleres Mecklenburg, das für den Schutz der Deiche zuständig ist, habe es versäumt, die Bejagung mit der gleichen Intensität fortzusetzen, kritisiert er. „Stimmt“, gibt der amtierende StALU-Leiter Herbert Blindzeller zu.

Die aktuellen Wildschweinschäden an den Deichen in Markgrafenheide beliefen sich bereits wieder auf 20 000 Euro. Doch das Amt wolle die Zusammenarbeit mit Zoller fortführen. Zudem soll sich ein Student mit dem Verhalten von Wildschweinen speziell an Deichen beschäftigen. Die Schäden müssten ein für allemal ein Ende haben, sagt Blindzeller. „Zum Glück war bislang noch kein Deich so geschädigt, dass der Hochwasserschutz gefährdet war.“  

Zoller ist bundesweit landauf, landab unterwegs, um sein Konzept für die Wildschweinbejagung auch anderen Kommunen zu vermitteln. „Ich habe viele Fakten gesammelt, die überall greifen. Aber es gibt auch regionale Besonderheiten“, sagt der Zoologe.  

„Es gibt einfach zu viel Futter“, erklärt Zoller. Neben Feldfrüchten seien das Eicheln und Bucheckern. Und weil die Winter zuletzt relativ mild waren, vermehrten sich die Tiere rasch. Da es für immer mehr Wildschweine in Wald und Flur zu wenig Platz gibt, dringen sie in die Siedlungen vor. In Berlin wird ihr Bestand schon auf 4000 geschätzt.

Agrarminister Till Backhaus (SPD) appellierte erneut an die Jäger, das Schwarzwild drastisch zu reduzieren – auch wegen der Afrikanischen Schweinepest, deren jüngste Fälle bei Wildschweinen in Polen registriert wurden. „Nicht auszudenken, wenn die Pest hierzulande bei Hausschweinen festgestellt wird“, sagt Backhaus.

Harmuth sieht jedermann in der Pflicht. So dürften Lebensmittel nicht draußen weggeworfen werden. Kleingärtner sollten Geharktes nicht jenseits des Zaunes entsorgen, denn „wer so etwas macht, zieht Wildschweine magisch an“.

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