Falscher AIDA-Mediziner verurteilt : Der Arzt, der keiner war

Der Betrüger im Kriminalgericht Berlin-Moabit
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Der Betrüger im Kriminalgericht Berlin-Moabit

Ein Pfleger fühlt sich zu Höherem berufen – nun muss er als Betrüger ins Gefängnis

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08. August 2016, 21:00 Uhr

Die erlogene Karriere bringt ihn ins Gefängnis: Ein falscher Arzt, der zuletzt „Aida“-Kreuzfahrtgäste behandelte, soll für drei Jahre in Haft. Der gelernte Krankenpfleger schluckt, als er gestern das Urteil des Berliner Landgerichts vernimmt. „Er hatte jeden Tag Ärzte vor der Nase und sah für sich keine Aufstiegsmöglichkeit“, sagt Richter Frank Klamandt. Es sei dem Angeklagten auch darum gegangen, sich selbst aufzuwerten und mehr Geld zu verdienen.

Der 41-jährige Angeklagte aus Sachsen-Anhalt senkt den Kopf. Zehn Jahre war er in einem Krankenhaus in Stendal tätig – engagiert und gelobt. „Doch er wurde mit seiner beruflichen Situation zunehmend unzufriedener“, so der Richter. Der Krankenpfleger nahm eine Auszeit.

Sie endete mit dem kriminellen Plan, sich den Aufstieg zum angeblichen Anästhesisten mit Fälschungen selbst zu basteln.

Knapp sechs Jahre später ist nun das Urteil gefallen: Schuldig der Körperverletzung in 63 Fällen, der Freiheitsberaubung im Zusammenhang mit vorgenommenen Narkosen sowie des Betrugs, der Urkundenfälschung und des Missbrauchs von Titeln. Patienten seien nach bisherigen Feststellungen nicht zu Schaden gekommen. Doch Risiken hätten bestanden. „Er wäre nicht in der Lage gewesen, bei Komplikationen einzugreifen“, erklärt Klamandt.

Am Computer hatte er sich eine gefälschte Arztzulassung und die Bestätigung eines „Dr. med.“ gefertigt. Dem Hochstapler ohne Abitur und Studium gelang es, eine Stellung bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zu erhalten. Dass der angebliche Anästhesist nur Kopien einreichte, wurde nicht beanstandet. Es habe auch keine Nachfragen gegeben, so das Gericht.

Der Krankenpfleger wurde ärztlicher Koordinator. Wenig medizinische Tätigkeiten, zumeist Organisatorisches habe er erledigen müssen, sagt der Richter. „Das hat er gut ausgeführt.“ Zudem wurde der Angeklagte Dozent und unterrichtete an der Berliner Charité Krankenschwestern und Pfleger. Er nahm auch eine Vertretung als Narkosearzt an und stand in 41 Fällen im OP-Saal einer Praxisklinik.

Der Angeklagte habe sich schließlich als Schiffsarzt beworben. „Das waren ganz andere Anforderungen“, sagt der Richter. „Da geht es um klassische Hausarzttätigkeit – dazu war er nicht in der Lage.“

Innerhalb von zehn Monaten kamen etwa 1300 Behandlungen auf einem „Aida“-Kreuzfahrtschiff zusammen. 21 der Fälle, in denen er Spritzen setzte oder Infusionen legte, flossen in die Anklage ein.

Es ging für alle Patienten gut aus. „Wir konnten nicht feststellen, dass es durch den Angeklagten zu einem Behandlungsfehler kam“, fasst der Richter zusammen. Und zu keinem Zeitpunkt seien bei seinen Kollegen Zweifel an seiner Kompetenz aufgetreten. Ein Zeuge hatte im Prozess sogar erklärt: „Er war der beste ,Arzt’, den wir hatten.“

Der Angeklagte wischt sich eine Träne aus dem Auge. Er hatte auf eine Bewährungsstrafe gehofft. Die Richter folgten aber eher der Anklage, die drei Jahre und zehn Monate Haft verlangt hatte.

Ob Rechtsmittel eingelegt werden, blieb zunächst offen. Bis zur Rechtskraft des Urteils kam der falsche Arzt nach acht Monaten Untersuchungshaft zunächst frei. Er will nun in eine andere Branche einsteigen: Ein befreundeter Dokumentarfilmer habe ihm eine Stelle angeboten.

Mehr Schein als Sein: Nicht allein die  Figur des Baron von Münchhausen nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. Vom Hauptmann von Köpenick bis zum falschen Arzt auf der „Aida“ zieht sich eine Spur des Lügens und Betrügens bis heute durch die Geschichte. Berühmt-berüchtigte Scharlatane im Überblick:

Friedrich Wilhelm Voigt

Friedrich Wilhelm Voigt bekannt als Hauptmann von Köpenick, verhaftete 1906  – als Hauptmann verkleidet  – den Bürgermeister.

Karl May

Zwischen 1864 und 1870 gab sich Karl May als Augenarzt Dr. Heilig aus, als Seminarlehrer und als Mitglied der Geheimpolizei.

Elyas M’Barek

Im Film „Fack ju Göhte“ mimt Elyas M’Barek einen Ex-Knacki, der sich als Aushilfslehrer ausgibt, um an  vergrabenes Diebesgut zu kommen.

Tom Kummer

Journalist Tom Kummer ließ sich für seine Interviews mit Promis wie Brad Pitt feiern – doch alle Gespräche waren erfunden.

Frank Abagnale jr. (Leonardo DiCabrio)

Frank Abagnale jr. flog jahrelang als falscher Pilot umher, trieb sein Unwesen in 26 Ländern. Sein Leben wurde in „Catch me if you can“ mit Leonardo DiCaprio verfilmt.

Konrad Kujau

Konrad Kujau fälschte 1983 die Tagebücher von Adolf Hitler und verkaufte sie dem „Stern“ für 9,3 Millionen Mark.

Christian Gerhartsreiter

Christian Gerhartsreiter lebte 28 Jahre als Clark Rockefeller in den USA und wurde sogar Millionär.

Gert Postel

Gert Postel, gelernter Postbote, wurde Oberarzt in einer Psychiatrie. „Ich habe mich dort als Hochstapler unter Hochstaplern gefühlt“, sagte er.

Wolfgang Beltracchi

Wolfgang Beltracchi wurde 2011 zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er jahrelang Meisterwerke gefälscht und teuer verkauft hatte.

 
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