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"Der Antibiotikaeinsatz hat mich erschreckt"

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erstellt am 19.Jan.2012 | 09:28 Uhr

Über den Medikamenteneinsatz in der Geflügelmast sprach Max-Stefan Koslik mit Landesagrarminister Till Backhaus (SPD).

Herr Minister, Sie fordern ein konsequentes Antibiotika- und Medikamentenverbot in der Geflügelmast, geht das überhaupt?

Ich habe immer betont, dass eine Behandlung kranker Tiere tierschutzrechtlich geboten ist. Tiere haben einen Anspruch darauf, unter Haltungsbedingungen gepflegt und gehalten zu werden, die sie vor Erkrankungen schützen. Ich fordere ein konsequentes Verbot des Arzneimitteleinsatzes, wenn damit Haltungsfehler überdeckt oder Leistungseinbußen verhindert werden sollen.

Was bedeutet das für die konventionellen Halter und Mäster, die Sie als Landwirtschaftsminister in den letzten Jahren gefördert haben?

Jeder Betrieb, der Förderung erhalten hat, muss - wie alle anderen Betriebe auch - die rechtlichen Mindestanforderungen an die Haltung nachweisen und einhalten. Diese ergeben sich für Schweine, Legehennen oder Masthühner z. B. aus der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Optimierungsmöglichkeiten sind insbesondere bezüglich des Managements und der Pflege der Tiere einzufordern. Hier geht es z. B. um eine exzellente Steuerung des Klimas, aber auch z. B. im Bereich des Mastgeflügels um einen hohen Gesundheitsstatus der angelieferten Küken. Tierhalter, die dieses nicht leisten können, müssen gezwungen werden, die Besatzdichten abzusenken, weitere Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben usw. Die Studien belegen ja auch, dass sowohl in kleinen als auch in großen Anlagen zu viel Antibiotika eingesetzt wird. Das bestärkt meine Ansicht, dass es hier vor allem um Managementfragen geht.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner hat letzte Woche einen Vorschlag für neue Kontrollmechanismen vorgelegt, ist das nicht realistischer?

Der festgestellte, zu hohe Antibiotikaeinsatz ist keine Ursache einer unzureichenden Kontrolle; auch die Studien aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen kommen nicht zu dem Schluss, dass hier etwas Illegales festgestellt wurde. Insofern kann nur ein ganzheitliches Konzept, das die Ursachen für den Einsatz miterfasst und abstellt, zielführend sein. Es darf nicht vergessen werden, dass auch in der konventionellen Junghühnermast einzelne Durchgänge ohne oder nur mit ganz geringen antibiotischen Behandlungen, mit niedrigen Mortalitätsraten und gutem Masterfolg zur Schlachtreife gebracht werden. Deshalb fordere ich ja auch eine ganzheitliche Betrachtung - es geht nicht nur um die Mäster. Die Elterntiere müssen gesund sein und ebenfalls die Küken. Da geht mein Ansatz weiter als der von Frau Aigner.

Und man muss auch eine gesellschaftliche Debatte um den Wert des Lebensmittels führen. Denn die Gewinne eines Geflügelmästers liegen im Cent-Bereich pro Stück. Ich finde es auch nicht zielführend, beim Thema Antibiotika nur auf die Tierhaltung zu schauen. Der Antibiotikaeinsatz auch im Humanbereich gehört auf den Prüfstand. Das Ziel ist doch bei Mensch und Tier gleich: Antibiotika nur streng symptombezogen einzusetzen.

Woher kommt Ihre Wende, Herr Backhaus?

Die Studien zum Antibiotikaeinsatz haben mich schon erschreckt. Dennoch würde ich es nicht als Wende bezeichnen, sondern als eine Verstärkung des bereits großen Einsatzes für die Tiergesundheit.

Wie schnell kann man so ein konsequentes Anliegen überhaupt umsetzen, und was bedeutet das für MV als Agrarland?

Wir beginnen im Februar mit den Erhebungen, bis Mitte des Jahres werden sicher erste Auswertungen vorliegen. Da wir jedoch mit den Bestandtierärzten, den Behörden und den Tierhaltern gemeinsam vorgehen, gehe ich davon aus, dass wir bereits im laufenden Verfahren zu Veränderungen kommen werden.

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