Stralsund : Der älteste Weihnachtsmarkt an der Ostsee

Weihnachtsmarkt im Stralsunder Rathauskeller
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Weihnachtsmarkt im Stralsunder Rathauskeller

In Stralsund reicht die Tradition Archäologen zufolge mehr als 500 Jahre zurück.

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28. November 2017, 21:00 Uhr

Feuerkörbe sorgten für Wärme, Laternen für anheimelnde Stimmung: Der Weihnachtsmarkt in Stralsund ist offenbar der älteste dokumentierte vorweihnachtliche Budenzauber an der Ostseeküste und der zweitälteste in Norddeutschland. Der Stralsunder Stadtarchäologe Gunnar Möller stieß bei Recherchen zu denkmal- und stadtgeschichtlichen Ereignissen auf eine Urkunde aus dem Jahr 1512, die über einen längeren Zeitraum aus dem städtischen Bewusstsein verschwunden war. In dem Dokument verleiht der Pommernherzog Bogislaw X. der Stadt das Recht, „den Jahrmarkt alle Jahr up St. Nicolai Dag antohawende, und 8 Dage na enander folgende, anthosetten“.

Vorausgegangen war dem Schreiben eine Anfrage des Stralsunder Rates, den im Juni stattfindenden St.-Vitus-Markt auf den Nicolai-Tag, den 6. Dezember, zu verschieben. „Ich war im ersten Moment sehr überrascht, als ich auf das Dokument stieß“, sagte Möller. Doch das mehr als 500 Jahre hohe Alter des Stralsunder Weihnachtsmarktes sei auf den zweiten Blick durchaus plausibel. „Stralsund war in der Hansezeit das bedeutende Handelszentrum an der pommerschen Küste.“ Die Weihnachtszeit bot Händlern Gelegenheit, nicht nur Süßigkeiten, Obst und Spielzeug feilzubieten, sondern auch Luxusgüter aus ferneren Ländern wie Stoffe, Gewürze oder Kleidung.

<p>Weihnachtsbeleuchtung auf dem Weihnachtsmarkt von Stralsund vor dem historischen Rathaus. /Archivbild</p>
dpa

Weihnachtsbeleuchtung auf dem Weihnachtsmarkt von Stralsund vor dem historischen Rathaus. /Archivbild

 

Nach Recherchen Möllers ist der Weihnachtsmarkt in Stralsund damit der älteste bezeugte vorweihnachtliche Markt an der Ostseeküste – und nach Braunschweig der zweitälteste in Norddeutschland. Dort ist der erstmals ein Weihnachtsmarkt für 1505 bezeugt: König Maximilian I. hatte der Stadt Braunschweig das Recht verliehen, einen Jahrmarkt beginnend am 9. Dezember zu veranstalten.

„Die Wiege der Weihnachtskugel steht hier am Strelasund“

In einem Verzeichnis der Messen und Jahrmärkte aus dem Jahr 1710 führt der Publizist Paul Jacob Marpeger für den Norden Deutschlands die Adventsmärkte in Braunschweig, Stralsund, Stargard Szczecinski und Schwerin auf. Für Schwerin und Stargard sind bislang keine Gründungsdaten bekannt. „Die Wiege der Weihnachtskugel steht hier am Strelasund“, sagt Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU). Zumindest für Norddeutschland scheint das zuzutreffen. Der Lübecker Weihnachtsmarkt wird erstmals 1648 urkundlich erwähnt.

Andere Städte wie Rostock, Wismar, Neubrandenburg und Greifswald sind in dem Verzeichnis von 1710 nicht mit vorweihnachtlichen Märkten aufgeführt. Die Tradition beginnt in diesen wie auch in vielen anderen deutschen Städten erst im 18. Jahrhundert. In der Greifswalder Zeitung wird noch im 19. Jahrhundert für den Besuch des Stralsunder Weihnachtsmarktes geworben.

In Rostock – wo inzwischen Norddeutschlands größter Weihnachtsmarkt stattfindet – lädt nach Angaben des Stadtarchivs ein Weihnachtsmarkt erstmals im Jahr 1949 zum Bummeln ein. Der Stralsunder Archäologe Gunnar Möller stieß über das Verzeichnis von 1710 auf das Dokument von 1512 - das seit zehn Jahren im Stadtarchiv als Scan vorlag, dessen Kontext aber nicht erkannt wurde. „Die Urkunde wurde damals mit vielen anderen Urkunden digitalisiert.

Offenbar hat man dabei den interessanten Inhalt übersehen“, mutmaßt Stadtsprecher Peter Koslik. Wie der Nicolai-Markt im 16. Jahrhundert aussah, lässt sich nur mutmaßen. Möller nimmt an, dass die Händler ihre vorweihnachtlichen Waren auf dem Platz vor dem Rathaus und im Rathauskeller auf Tischen feilboten. Dort ist der Handel seit dem Mittelalter belegt.

Wie ein späteres Dokument belegt, kamen die Händler in der Hoffnung auf gute Geschäfte sogar aus ferneren Orten wie Stettin. In dem Schreiben aus dem Jahr 1634 bat die Stadt, den Markt zu verlängern, weil wegen des Krieges - der Dreißigjährige Krieg wütete in Pommern - Händler nicht rechtzeitig Stralsund erreichen konnten. Im 18. Jahrhundert sei das vorweihnachtliche Markttreiben in Stralsund dann bis auf den Heiligabend ausgeweitet worden. Dem Nikolai-Markt, der am 14. Dezember endete, schloss sich ein Kinderweihnachtsmarkt an. Auch Schausteller mit Karussells und Puppentheater seien ab dieser Zeit belegt.

Dennoch: Im Vergleich zum Süden Deutschlands ist der Stralsunder Weihnachtsmarkt jedoch vergleichsweise jung. In München wird der Nikolaimarkt, ein Vorläufer des Christkindlmarktes, erstmals 1310 erwähnt. Der Dresdner Striezelmarkt datiert auf 1434. In Augsburg ist der sogenannte Lebzeltermarkt erstmals für das Jahr 1498 bezeugt.

Die schönsten Märkte im Norden

Wo Sie sich in Norddeutschland bei Punsch und gebrannten Mandeln in vorweihnachtliche Stimmung bringen können, zeigt unsere interaktive Karte. Mit einem Klick auf die Punkte bekommen Sie zusätzliche Informationen zu den einzelnen Märkten. (Alle Angaben sind ohne Gewähr. Kein Anspruch auf Vollständigkeit)

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