Tabuthema : Depression: Es fühlt sich wie Tauchen an

Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen.
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Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen.

Fünf Prozent der Bevölkerung leiden an der psychischen Erkrankung. Für viele ist das Thema noch immer tabu. Katja und Melanie erzählen von ihren Erfahrungen

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15. Juni 2016, 05:00 Uhr

Reiß dich mal zusammen. Du hast doch gar nichts. Die muss mal wieder in die Sonne. – Eines Tages hat Katja ihrer Familie alles erzählt. Dass sie Depressionen hat. In Therapie geht. Medikamente nimmt. „Stell dich nicht so an“, sagten sie zu ihr. „So etwas gibt es doch gar nicht.“ – Unverstanden von der eigenen Familie. Für Katja ist das noch immer bitterer Alltag: „Sie können damit nicht umgehen.“

Katja heißt eigentlich nicht Katja. Ihren richtigen Namen will die 59-Jährige nicht nennen. Zu groß sei noch immer die Scham, dass Nachbarn oder Kollegen von ihrer Krankheit erfahren könnten. Katja ist zierlich. Immer, wenn man sie anschaut, lächelt sie. Das war nicht immer so.

Depression. Manchmal, wenn zum Beispiel ein Hollywood-Star einen Tabletten-Cocktail schluckt, dann ist das Thema in aller Munde. Doch ansonsten sei es noch immer tabu, meint Ramona Hempel von der Einrichtung „Anker“ in Schwerin. „Es ist nicht so, dass jemand sagen kann: ‚Ich gehe jetzt zur Therapie.‘ Es ist nicht wie ein Termin beim Orthopäden“, weiß die Psychologin. Aus Scham würden viele Betroffene schweigen. „Dabei ist die Krankheit nicht ansteckend. Es ist auch nicht so, dass depressive Menschen nicht leistungsfähig sind“, sagt Hempel.

Depression hat viele Gesichter
Erscheinungsbilder „der Depression“ sind extrem vielfältig. Es gibt Menschen, denen niemand von außen ansehen kann, dass sie in Wirklichkeit leiden. Dass sie „grundlos“ weinen, sobald sie zu Hause angekommen sind, dass sie nicht wissen, warum sie sich traurig fühlen, müder als andere sind und im schlimmsten Fall keinen Sinn mehr im Leben sehen. Bei weitem nicht alle Depressiven sind selbstmord-gefährdet. Wie stark eine Depression ausgeprägt ist, hängt ebenfalls von vielen Faktoren ab. Manche Depressionsformen sind so gut wie komplett heilbar – andere kann man lediglich gut in den Griff bekommen.

Um die Krankheit zu entstigmatisieren, organisiert das Aktionsprogramm „Mut-Tour“ seit 2012 Sternfahrten für Menschen mit und ohne Depressionserfahrung. Derzeit sind deutschlandweit 52 Tandemfahrer unterwegs, um aufzuklären. Rund 7 300 Kilometer legen die vier Teams zurück. Insgesamt machen sie in über 70 Städten halt. Darunter am 17. August auch in Schwerin und Wismar. Zahlreiche Einrichtungen aus MV unterstützen das Projekt.

„Aufklärung ist sehr wichtig“, meint Hempel. „Nicht erkrankte Menschen verdrängen das Thema lieber. Sie haben oft Angst, sie könnten da auch reinrutschen.“

Depression hat viele Gesichter. Jeder kann betroffen sein. Es gibt keine Ausnahmen. In Deutschland leiden zirka vier Millionen Menschen unter der psychischen Erkrankung. Das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Oft wissen die Betroffenen lange nicht, dass sie krank sind.

So war es auch bei Katja. Der Vater war Alkoholiker, die Mutter überfordert. Sie selbst habe viel geweint als Kind. „Du siehst aus wie aus dem KZ“, hatte ihr Vater oft gesagt. Katja glaubte ihm. In der Schule fand sie keinen Anschluss. „Ich dachte, ich sei verklemmt“, erinnert sie sich. Heute, viele Jahre und Therapien später, weiß sie es besser. „Damals war das schlimm für mich, die Diagnose.“ Depression. Angststörung. Borderline. Das war nachdem Katja ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Nachdem sie morgens keinen Sinn mehr sah, aufzustehen. Nach den Suizidgedanken. Als alles fast zu spät war.

Radeln für mehr Verständnis

Die Mut-Tour ist Deutschlands erstes Aktionsprogramm auf Rädern, das seit 2012 durch Deutschland rollt und einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung leistet: Bis dato radelten 102 depressionserfahrene und -unerfahrene Menschen in 23 Etappen im Zeltbetrieb 14000 Kilometer durch die ganze Republik. Die Mut-Tour findet alle zwei Jahre statt. In diesem Jahr werden am 17. August auch in Wismar und in Schwerin Veranstaltungen zu dem Aktionstag stattfinden. Von beiden Standorten aus ist eine Mitfahrtour  nach Hohen Viecheln geplant. Mitradeln kann jeder, der Lust hat. Mehr Infos unter:

 www.mut-tour.de

„Es fühlt sich an wie Tauchen“, erklärt Melanie. „Dieser Moment, wenn du Luft holen willst, aber nicht nach oben kommst“. Auch sie will ihren richtigen Namen nicht verraten. Es laufe gerade zu gut. Der neue Freund, die Schwangerschaft. Melanie hat ins Leben zurückgefunden. Sie war 16, als sie die Diagnose Depression bekam. Es gibt gute und schlechte Phasen. Richtig schlimm wurde es, als sie als Werbegrafikerin in Hamburg arbeitete. Scheiß Chef, zu viel Arbeit, erzählt die 31-Jährige und winkt ab. Irgendwann kam der Burnout – der Zusammenbruch. Die junge Frau schnitt sich die Arme auf, bis das Blut über ihre Hände rann und auf dem Boden eine Pfütze bildete. Fünfmal war sie in der Klinik. Später kam sie im Anker ins betreute Wohnen. Die Gespräche hätten ihr geholfen. „Ich habe vieles in Briefen verarbeitet“, sagt Melanie.

„Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt Hempel. „Hier ist Depression kein Tabuthema. Hier ist es Alltag“, sagt sie. Der Anker Sozialarbeit in Schwerin ist die größte Einrichtung für psychische Erkrankungen in Mecklenburg-Vorpommern. Menschen, die aus der Lebensbahn geworfen wurden, wird hier geholfen, sich wieder einen festen Lebenshalt zu erarbeiten. Das Leistungsangebot umfasst die Bereiche der medizinischen, sozialen und beruflichen Rehabilitation. Die Klienten lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen. Auch in schwierigen Zeiten.

Katja arbeitet inzwischen als Verkäuferin. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie morgens nicht aufstehen wollte. Der Anker habe ihrem Leben wieder Sinn und Struktur gegeben, sagt sie. „Der Anker ist für mich eine zweite Familie. Hier werde ich verstanden.“

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