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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 06:59 Uhr

Mestlin : Denkmalpreis für DDR-Musterdorf

vom
Aus der Onlineredaktion

Mit Prestigebauten wollte die SED-Führung der Landbevölkerung die Überlegenheit des Sozialismus vor Augen führen. Im mecklenburgischen Mestlin ließ sie die Berliner Stalin-Allee aufs Dorf bringen. Die Erhaltung der Bauten überfordert das Dorf - ein Verein aber hilft.

svz.de von
erstellt am 12.Nov.2017 | 20:30 Uhr

„Marx-Engels-Platz“ heißt das gepflasterte Areal inmitten der Mecklenburger Landgemeinde Mestlin bis heute. Und die Benennung des schmucklosen Platzes nach den Symbolfiguren des Kommunismus kündet noch immer vom Auftrag der SED-Führung, in der einst ärmlichen Provinz ein DDR-Musterdorf zu entwickeln. Mit Schule, Kindergarten, Landambulanz, Läden – und einem Kulturhaus, dessen Dimension alle dörflichen Maßstäbe sprengt. Und dessen Erhaltung die Kommune vor schier unlösbare Probleme stellt. Mit Holztafeln vernagelte Fenster, fehlende Parkettfußböden und gut 40 Jahre alte Blümchentapeten im Obergeschoss sind offenkundige Zeichen eines Jahrzehnte währenden Siechtums.

Dass der Mitte der 50er Jahre errichtete Bau nicht völlig dem Verfall preisgegeben ist, schrittweise saniert wird und mehrmals im Jahr zu Ausstellungen und Konzerten öffnet, ist dem Engagement eines Vereins zu danken. Der 2008 gegründete Denkmal Kultur Mestlin e. V. erhält in diesem Jahr dafür den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Dem Verein sei es gelungen, in einer strukturschwachen Region das bauliche Erbe zu sichern und wieder für den Kulturbetrieb nutzbar zu machen. Er habe damit einen „Leuchtturm unter den Denkmalobjekten aus der DDR-Zeit geschaffen“, heißt es in der Begründung. Die Ehrung wird heute bei der Jahrestagung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz im schweizerischen Basel überreicht.

Die Vereinsvorsitzende von «Denkmal Kultur Mestlin e.V.», Claudia Stauß, geht in Mestlin durch das Foyer im Kulturhaus. Der repräsentative Bau wurde als Teil des sozialistischen Musterdorfes Mestlin in den 1950-er Jahren aus Stahlbeton errichtet.
Die Vereinsvorsitzende von «Denkmal Kultur Mestlin e.V.», Claudia Stauß, geht in Mestlin durch das Foyer im Kulturhaus. Der repräsentative Bau wurde als Teil des sozialistischen Musterdorfes Mestlin in den 1950-er Jahren aus Stahlbeton errichtet. Foto: Jens Büttner
 

Claudia Stauß steht dem knapp 20 Mitglieder zählenden Verein in Mestlin vor. Sie hat gelernt, sich bei dem Mammutprojekt auch über vergleichsweise kleine Erfolge zu freuen: Das weitläufige Foyer wurde instandgesetzt, der riesige, einst mit Parkett ausgelegte Saal erhielt wieder notdürftig einen Holzfußboden, Saaltüren wurden fachgerecht restauriert und Treppenaufgänge neu errichtet. „Wir bekommen nicht viel Geld und müssen deshalb sehen, dass wir es gut einsetzen“, sagt die 42-jährige gebürtige Dresdnerin, die in einem Nachbarort Mestlins lebt und als freiberufliche Bühnenmeisterin häufig unterwegs ist.

Das einstige SED-Prestigeprojekt habe der Landbevölkerung die Überlegenheit des Sozialismus vor Augen führen sollen. „Die Berliner Stalin-Allee fand ihre dörfliche Entsprechung in Mestlin. Doch wurden die Dorfbewohner nicht mitgenommen. Das ganze Bauensemble gleicht einem Ufo, das gelandet ist, bestaunt und auch genutzt, aber nie richtig als etwas Eigenes angenommen wurde“, erklärt Stauß. Da es die Bewohner nicht selbst errichteten, hätten sie nach dem Mauerfall auch kaum Energie entwickelt, es zu retten.

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