Kneese : Denkmal für Minenopfer an ehemaliger Grenze

Vergangenheitbeseitigung: Der Abriss erfolgte direkt nach der politischen Wende.
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Vergangenheitbeseitigung: Der Abriss erfolgte direkt nach der politischen Wende.

Mitten im Grünen stehen die Männer, eingerahmt von Bäumen, Wiesen und ungetrübter Natur. Kaum vorstellbar, dass hier noch vor 23 Jahren die Grenze verlief und Stacheldraht und Betonpfeiler die Umgebung dominierten.

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25. Mai 2012, 05:16 Uhr

Kneese | Mitten im Grünen stehen die beiden Männer, eingerahmt von Bäumen, Wiesen und ungetrübter Natur. Ihre Blicke wandern einen fast zugewachsenen Weg entlang, nur wenige Meter vom Biosphärenreservat Schaalsee entfernt. Nichts stört hier mehr die unberührte Landschaft. Kaum vorstellbar, dass hier noch bis vor 23 Jahren die innerdeutsche Grenze verlief und Stacheldraht und Betonpfeiler die Umgebung dominierten.

Es sind zwei Männer, die es sich heute zur Aufgabe gemacht haben, gegen das Vergessen anzukämpfen. Den Einen, Bürgermeister von Kneese Hans-Jürgen Hoffmann, beschäftigen besonders die heimatlichen Schicksale. Der Andere, Bundesvorstandsmitglied der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) Michael M. Schulz, ist bundesweit unterwegs, um die begangenen Taten ständig präsent zu halten. Aktuell eint die Beiden der Fall Harry Weltzin.

Am 4. September 1983 versuchte Weltzin, der aus dem Kreis Stendal stammte, über die innerdeutsche Grenze bei Kneese zu flüchten. Beim Versuch unter dem Sperrzaun hindurch zu kriechen, löste er eine dort vergrabene Splittermine aus und starb wenig später an den schweren Verletzungen. Und das, nachdem sich die DDR bereits verpflichtet hatte, alle Splitterminen zu räumen. Jetzt ist in unmittelbarer Nähe der Stelle, an der Harry Weltzin die Mine auslöste, ihm und den weiteren Opfern der innerdeutschen Grenze zu Ehren ein Mahnmal geplant.

"Bisher ist geplant zwei Grenzzaun pfähle und drei Steckmetallfelder mit einer Tafel aufzustellen", so Hoffmann, der das Denkmal bereits von der Gemeindevertretung in Kneese hat absichern lassen. Er selbst ist nicht nur größter Antreiber des Projekts, sondern er will auch die Materialen aus eigenen Mitteln beziehen. "Gegebenenfalls für die Gedenktafel könnten Kosten entstehen, aber so weit sind wir noch nicht", so der Bürgermeister. Viel Zeit hat er sich für das Projekt nicht gegeben. Innerhalb der nächsten Monate sollen die Vorstellungen bereits realisiert werden. Und auch die genaue Stelle ist noch nicht festgelegt. "In der Nähe des Kolonnenstreifens wird es wohl schon sein", so Hoffmann, der bereits die Zusage des Grundstückseigentümers eingeholt hat.

Fraglich ist bisher also nur noch die Gedenktafel und ihre genau Inschrift, denn über Harry Weltzin liegen bisher sehr wenige Informationen vor. "Bis voriges Jahr war uns diese menschliche Tragödie sogar gänzlich unbekannt", so Hoffmann, der erst durch die Bekanntschaft mit Michael M. Schulz auf Weltzin und seinen Todesumstände aufmerksam wurde. Der Unwissenheit soll jetzt Anne Drescher, die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR entgegenwirken. "Aktuell haben wir die Angehörigen informiert und sie gebeten, sich mit einzubringen", so Drescher, die allerdings noch keine Rückmeldung erhalten hat. Dabei geht es ihr vor allem darum, dass es sich nicht um Handlungen aus vorvergangenen Zeiten handelt, sondern Fäden existieren, die sich fortsetzen und an denen die Betroffenen auch heute noch zu knabbern haben, so Drescher.

Sollte die Familie diese Darstellung nicht wollen, dann wird die Gedenktafel stellvertretend für alle Opfer stehen, so Hoffmann. Überhaupt sieht er den großen Vorteil des Gedenkortes Kneese darin, dass es sich hier um einen authen tischen Ort und nicht um ein reines Museum handelt. Deshalb plant Hoffmann zusätzlich mehrere Hinweise innerhalb des Dorfes, die Besuchergruppen informieren sollen. Trotzdem legt er Wert auf eine günstige Umsetzung und eine mögliche Förderung, um die Kosten für die Gemeinde so gering wie möglich zu halten. Allgemein sei es wichtig die Einwohner einzubinden, die beim Gedenken an die Geschichte voll mitgehen, so der Bürgermeister

Dass es erst jetzt, mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, vielerorts mit einer kollektiven Aufarbeitung los geht, erklärt Michael M . Schulz folgendermaßen: "Die Opfer fangen meist psychologisch erst nach 20 Jahren an zu reden. Dieser Zeitraum ist nun gekommen und wird noch 40 bis 60 Jahre andauern." "Mittlerweile erlischt auch vieles oder wird verklärt, dem wollen wir entgegenwirken." ergänzt Hoffmann.

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