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Werftindustrie : Den Vorteil jeden Tag verteidigen

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Aus der Onlineredaktion

Milliardenschweres Bauprogramm für Kreuzfahrtschiffe beschert der deutschen Werftindustrie Rückenwind aus dem Nordosten

svz.de von
erstellt am 25.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Nach jahrelangem Containerschiff-Boom und folgender Flaute in der Schifffahrtskrise überrollt die Werftindustrie in Mecklenburg-Vorpommern nun ein Investitions- und Auftragstsunami. Auslöser ist der asiatische Kreuzfahrt-Anbieter Genting Hong Kong (GHK), der den Schiffbau im Nordosten umkrempelt. Nach Übernahme der drei Werften von Nordic Yards in Wismar, Warnemünde und Stralsund im vorigen Jahr hat GHK ein milliardenschweres Neubauprogramm für Kreuzfahrtschiffe aufgelegt. Innerhalb von fünf Jahren entstehen in der neuen Schiffbaugruppe „MV Werften“ neun Cruise Liner verschiedener Klassen. Was das für den deutschen Schiffbau bedeutet, darüber sprach Thomas Schwandt mit Dr. Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM).

Spezialschiffe zählen zu den Stärken der deutschen Werftindustrie. Mit dem Bau von Cruise Linern in MV erfährt dieses Segment einen gehörigen Schub. Sichert das auf längere Sicht die Zukunft des Schiffbaus in Deutschland?
Lüken: Jedes Unternehmen hat eine eigene Strategie. Entscheidend ist, die Kunden vom eigenen besseren Produkt zu überzeugen und mit neuen Ideen zu punkten. Der deutsche Schiffbau ist hochinnovativ. Aber das ist kein Naturgesetz. Dieser Vorteil will jeden Tag erarbeitet und verteidigt sein.

Aktuell gibt es eine diametrale Entwicklung in Ost und West. Der neue Verbund „MV Werften“ will 1500 neue Jobs schaffen, die Werft Blohm+Voss in Hamburg und die Lloyd Werft in Bremerhaven wollen hunderte Beschäftigte entlassen. Wie bewerten Sie dies?
„MV Werften“ verfolgen einen ambitionierten Plan. Aber auch die niedersächsischen Werften Fr. Fassmer in Berne oder Meyer in Papenburg stellen kontinuierlich Personal ein. In anderen Fällen zwingt die globale Branchenkrise, die betrieblichen Strukturen anzupassen.

Der deutsche Schiffbau erlebt zudem einen Konzentrationsprozess. Im Osten gibt es „MV Werften“ mit drei Standorten, im Westen vereint die Lürssen-Gruppe inzwischen sechs Werften. Wird auf Stärke in der Größe gesetzt?
Größe ist relativ. Unsere Standorte sind alle klein im Vergleich zu den Giganten in Asien. Die deutschen Werften sind oft familiengeführt. Mit mehreren Standorten erhöhen sie ihre Flexibilität und Effizienz, werden so wettbewerbsfester.

Die maritime Industrie gilt als Hightech-Branche. Wie ist angesichts enormer Herausforderungen wie Digitalisierung und alternative Antriebstechnik dieser Level zu halten und gegenüber der Konkurrenz zu behaupten?
Der Schiffbau besitzt extrem viel Kraft und Know-how. Er ist jetzt gefordert, sich auch mit anderen Branchen besser zu vernetzen, um etwa die Entwicklung neuer Materialien oder Produktionstechnologien voranzutreiben. Da gibt es noch Luft nach oben. Das gilt auch für die Forschungs- und Innovationsförderung, für die deutlich mehr Geld bereitgestellt werden muss.

Der Bund hat zu Jahresbeginn die Maritime Agenda 2025 beschlossen. Entspricht sie den Erfordernissen des Schiffbaus?
Sie ist ein sehr wichtiger Schritt, weil es gelungen ist, ministeriumsübergreifend ein umfassendes Bild von der maritimen Industrie und der maritimen Politik zu zeichnen. Weniger gut ist, dass zwar ein Jahresziel 2025 genannt, aber nicht beschrieben wird, was wir den neuen Herausforderungen entgegenstellen. Statt von ambitionierten, neuen Schritten ist eher von Fortsetzen und Erhalten die Rede. Die Agenda könnte mehr Ambitionen und Entschlossenheit zum Erfolg vertragen.

Der VSM wird nicht müde zu betonen, der Schiffbau sei nicht nur eine Sache der Küstenländer. Welchen Stellenwert besitzt die Branche für die Exportnation Deutschland?
Nicht nur für die Exportnation Deutschland. Meere sind mehr als eine leere Fläche, auf dem Fahrzeuge verkehren. 71 Prozent unseres Planeten bestehen aus Meeren, die für Menschen Energie, Nahrungsmittel und Rohstoffe liefern. Sie sind entscheidend für Artenvielfalt und unser Klima. Die Weltbevölkerung wächst unaufhörlich und wird die Meere viel intensiver nutzen als bisher. Das geht nur mit funktionstüchtiger, sauberer Technik – ein riesiger Wachstumsmarkt gerade für unsere Hightech-Produkte made in Germany.


 

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