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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 09:24 Uhr

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

von
erstellt am 18.Aug.2014 | 08:09 Uhr

Wir hatten uns lange nicht gesehen. „Wie geht’s?“, fragte ich. „Noch 87 Monate“, lautete seine Antwort. Ich verstand nicht, was er meinte. „Nun, im Oktober 2021 fällt der Hammer. Dann ist Feierabend – für immer.“

Ich begann zu begreifen, wovon er redete und fragte: „Seit wann zählst du denn die Monate bis zu deinem Ruhestand?“ „Das kannst du selber ausrechnen“, lautete die Antwort. „Ich habe mir ein zwei Meter langes Bandmaß besorgt. Und wie gesagt, jetzt ist es nur noch 87 cm lang. An jedem Monatsende macht es schnipp.“

„So könnte ich nicht leben“, entfuhr es mir. „Ich kann mir nicht vorstellen, bei allem was ich tue immer den Zeitpunkt im Blick zu haben, an dem mich das, was mein Leben heute ausfüllt, endlich nicht mehr beschäftigt.“ Lakonisch entgegnet mir mein Gesprächspartner: „Du lebst eben, um zu arbeiten, ich arbeite um zu leben. Weißt Du, ich will es nicht so stressig. Ich will auch ein bisschen Spaß. Wie heißt es neudeutsch so schön: Die Work-Live-Balance muss stimmen!“

Nun sah ich meinen Protest vollends gefordert: „Was soll diese scharfe Unterscheidung zwischen Arbeit und Leben? Ist nicht auch Arbeitszeit Lebenszeit? Ich möchte das schöne Gefühl nicht missen, nach einem erfüllten Wochentag abends müde und zufrieden ins Bett zu fallen. Die Wortverwandtschaft von ‚Genugtuung‘ und ‚genug tun‘ kommt nicht von ungefähr!“

„In gewisser Weise stimme ich dir sogar zu“, antwortet mir mein Gegenüber. „Aber du musst aufpassen, dass du nicht überziehst. Unsere christlich abendländische Tradition kennt zwar den Gedanken, dass wir mit unseren Talenten wuchern und unsere Begabungen ausreizen sollen. Aber sie weiß auch um das Prinzip der abgestuften Verantwortung - ‚Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen‘. Weißt du, meine Sache ist, wozu meine Kraft reicht. In andere Dinge mische ich mich nicht ein. Von Überforderung liest du in der Bibel nichts.“ „Stimmt“, pflichtete ich ihm bei, „aber auch von Unterforderung steht da nichts geschrieben.“


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