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9. Bio-Landpartie MV : Den Rasen mähen die Ziegen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom Gemüsehof bis zur Mosterei: Zur 9. Bio-Landpartie öffnen 57 Öko-Höfe ihre Türen – auch die Solawi Rostock

von
erstellt am 10.Sep.2016 | 05:00 Uhr

Behutsam schneidet Gunter Freytag den Salatkopf ab. Er schließt die Augen, schnuppert an dem Gemüse. Auf seinem Gesicht macht sich ein breites Grinsen breit. „Das ist so gut. Und so verdammt lecker. Einfach aufs Brot legen und genießen.“ Freytag ist Landwirt, ein solidarischer. Was dies bedeutet, erklärt er heute, wenn insgesamt 57 Höfe in ganz Mecklenburg-Vorpommern zur 9. Bio-Landpartie ihre Türen öffnen. Auf dem Hof in Wahrstorf, sieben Kilometer südlich von Rostock wird Solidarische Landwirtschaft betrieben, kurz Solawi. Dort ist Gemeinschaft nicht nur ein Gedanke, sondern ein Lebensgefühl. Alle teilen sich die Verantwortung, das Risiko, die Kosten, die Ernte. Das Konzept existiert seit mehr als 50 Jahren. Es entstand in den 1960ern in Japan, wo heute etwa ein Viertel der Haushalte an einer Solawi beteilt sind. Und so funktioniert’s: Die Finanzierung des landwirtschaftlichen Betriebs wird von den Verbrauchern durch monatliche Beiträge gestemmt. Im Gegenzug erhalten diese den Ernteertrag, einmal in der Woche eine Obst- und Gemüsekiste, gefüllt mit frischen, saisonalen Erzeugnissen. „Die Leute, die das Gemüse essen, geben uns die Möglichkeit das Land zu bewirtschaften“, erklärt Freytag. Die Lebensmittel werden also nicht über den Markt vertrieben, sondern über einen durchschaubaren Wirtschaftskreislauf, den eigenen Teilnehmern. Der Preis orientiere sich an den jährlichen Ausgaben der Landwirtschaft. Organisiert sei der Betrieb für jeweils ein Wirtschaftsjahr. Dieses beginne immer im Mai. Derzeit zählt die Solawi im Rostocker Umland knapp 150 Mitglieder mit rund 300 kleinen Ernteanteilen.

„Manchmal beliefern wir Studenten, manchmal ganze Familien“, erzählt Freytag. So käme die höhere Anzahl der Ernteanteile zustande. Immer donnerstags wird ausgeliefert, mittlerweile an elf Verteilerpunkte in Rostock, Bad Doberan, Huckstorf und Bützow. Von Januar bis April bekommen die Mitglieder im Zwei-Wochen-Takt überwiegend Lagergemüse, ergänzt durch winterharte Erzeugnisse frisch vom Feld oder aus den Gewächshäusern. „Etwa 20 Mitglieder können wir noch aufnehmen“, sagt Freytag und verweist auf eine Art Probe-Abo. „Bevor sich jemand für ein Jahr verpflichtet, kann er testen, ob Solawi überhaupt etwas für ihn ist. Er kann den Hof besuchen, mitarbeiten, mit den Tieren, Menschen und der Erde Kontakt aufnehmen.“ Zweimal im Monat gäbe es auch Mitmach-Tage, zu denen alle Mitglieder eingeladen werden, beispielsweise zur Apfelernte im Herbst.

Deutschlandweit betreiben mittlerweile rund 100 Höfe Solidarische Landwirtschaft. In Rostock werden auf 1,4 Hektar Land Obst und Gemüse angebaut. Künstliche Dünger oder Pflanzenschutzmittel kämen dabei nicht zum Einsatz. „Landwirtschaft ist die beste Möglichkeit Naturschutz zu betreiben“, sagt Johanna Warmuth. Ursprünglich studierte sie Design und Architektur, dann suchte sie nach dem Sinn des Lebens. Das Bedürfnis, „mit dem Lauf der Natur zu arbeiten, das Gemüse zu besuchen, das später auf dem Teller landet und stets an der frischen Luft zu sein“, hätten die 29-Jährige in die Landwirtschaft verschlagen. Klischees schiebt sie beiseite: „Man steht wirklich nicht den ganzen Tag im Porreebeet. Die Begegnungen mit den Menschen, dass sich eine gegenseitige Dankbarkeit entwickelt, das ist das Schöne.“ Die Solawi in Wahrstorf hat derzeit sechs feste Mitarbeiter. „Aber nicht nur wir packen an, sondern auch die Tiere.“ Johanna Warmuth grinst. „Die Katzen jagen die Wühlmäuse, die Pferde bestellen die Felder, die Schafe und Ziegen helfen beim Mähen und die Schweine beim Umgraben.“ 400 000 Bienen wären außerdem verlässliche Honigproduzenten. „Die Solawi ist eben eine große Gemeinschaft.“

Die teilnehmenden Höfe im Überblick.pdf  

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