zur Navigation springen

Wolfsexperte MV : Dem Wolf immer einen Schritt voraus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dr. Norman Stier ist Mecklenburg-Vorpommerns Wolfsexperte / Der Forstzoologe der TU Dresden verfolgt die Wanderwege der grauen Jäger akribisch

von
erstellt am 01.Apr.2014 | 11:45 Uhr

Immer wieder gibt es Meldungen von Wölfen, die im ganzen Land Schafe reißen und Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Erst in der vergangenen Woche wurden mehrere Schafe in Wesenberg bei Röbel getötet. Wir trafen den Wolfsexperten, Dr. Norman Stier, der im Auftrag des Landesamtes für Umwelt MV das Monitoring-Programm koordiniert, das die Ausbreitung der Raubtiere untersucht. „Ich will mit Fakten die Diskussion versachlichen“, sagt der 43-Jährige. „Nur wer weiß, wie ein Wolf lebt und jagt, kann entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen.“

Die Sonne ist gerade erst aufgegangen und auf der engen Landstraße nach Lübtheen herrscht wenig Betrieb. Erst nach Kilometern taucht am Horizont ein Traktor auf. Es riecht nach Gülle. Vorbei an dichten Kieferwäldern und weiten Feldern taucht irgendwann das Ortsschild von Lübtheen auf. Am anderen Ende der Landstadt, in der nicht einmal 5000 Menschen wohnen, wartet Stier auf einem Parkplatz in seinem Subaru-Geländewagen. Um den Wolf noch besser zu verstehen, geht der Forstzoologe einmal im Monat auf Spurensuche in der Lübtheener Heide – so wie heute.

Momentan sucht der 43-Jährige gezielt nach genetischem Material von einer Wölfin, die vermutlich im vergangenen Jahr hierher kam. „Bislang konnten wir ihre Herkunft nicht klären“, sagt der Wolfsmanager und Wissenschaftliche Mitarbeiter an der TU Dresden. Offen ist, ob das Tier aus Polen oder der Lausitz nach MV gekommen ist. Sämtliche Proben werden heute am deutschen Senckenberg Institut für Wildtiergenetik in Gelnhausen untersucht und gesammelt, um die Ausbreitung der Wölfe langfristig nachvollziehen zu können.

Auf einem weichen Sandweg hält Stier an, steigt aus seinem Wagen und geht ein Stück. Er entdeckt Hufspuren von Pferden, Abdrücke von Wildschweinen und Hasen – aber keine Hinterlassenschaften von der Wölfin. „Die Tiere laufen sehr energiesparend. Wenn sie kilometerweit traben, hinterlassen sie eine geschnürte Spur“, sagt der Experte. Die kommt zu Stande, wenn die Wölfe mit ihren kleineren Hinterpfoten exakt in die Abdrücke ihrer Vorderpfoten treten. Doch diese eindeutig von Hundepfotenabdrücken zu unterscheiden, sei nicht immer leicht. Es müssten mehrere Faktoren stimmen. „Wolfstypisch ist auch, dass sie ihren Kot anders als Hunde immer direkt auf den Wegen absetzen“, so Stier. Heute findet er auf dem weichen Sandweg am Rande des Truppenübungsplatzes Lübtheen weder Wolfskot, noch Pfotenabdrücke.

Doch der 43-Jährige ist den Raubtieren immer einen Schritt voraus. Zurück am Wagen, holt Stier ein handliches Gerät von der Rückbank hervor. Es ist eine Fotofalle in Tarnfarben, die er an einem Baum in einem halben Meter Höhe befestigt. „Im Prinzip ist es eine ganz normale Digitalkamera“, erklärt Stier. Sie sei allerdings in einem wetterfesten Gehäuse eingebettet und werde durch einen Bewegungsmelder ausgelöst. Im Dunkeln kommt Infrarotlicht zum Einsatz. Bis zu zwei Jahre verbleiben Fotofallen an einem Ort. Stier schaut immer mal wieder nach, ob Aufnahmen gelungen sind, die ihn interessieren.

Auf der Motorhaube seines Autos klappt er seinen Laptop auf und zeigt alte Erfolge. Auf den ersten Fotos sind Spaziergänger, Wildschweine, Hasen und Rotwild zu sehen. Und dann taucht auf dem Bildschirm das Foto eines Wolfes auf, datiert auf den 3. Januar 2014. „Das ist der Rüde. Er ist relativ kräftig und kurz“, sagt der Experte. Er klickt weiter. Das nächste Foto zeigt unverwechselbar die Wölfin. Sie ist deutlich zierlicher als der Rüde. Wenn Stier von den beiden Lübtheener Wölfen erzählt, ist da eine Menge Leidenschaft herauszuhören. Für ihn ist genau das hier sein Traumjob. „Man muss Enthusiast sein, wenn man als Wildbiologe arbeitet“, sagt er. Seit 2003 ist er den Wölfen im Land bereits ehrenamtlich auf der Spur und fährt dazu kilometerweit durch Deutschland. 470 Kilometer liegen zwischen seinem Wohnort Tharandt in Sachsen und dem Lübtheener Wolfsterritorium. Seit etwa drei Jahren bekommt Stier für seine Arbeit auch Geld vom Land. Trotzdem ist für den Forstzoologen das Wolfsmanagement, beziehungsweise die Programm-Koordinierung, nur ein Neben-Projekt – zumindest noch. Denn der Wolf ist nicht nur in MV auf dem Vormarsch und so ist Stier ein gefragter Experte. Er hat den Wolfsmanagementplan in Thüringen ausgearbeitet und übernimmt in Schleswig-Holstein die Endbewertung von Verdachtsmomente.

Sein Hauptaugenmerk liegt aber auf der Lübtheener Heide. Dass hier nun auch ein Wolfs-Weibchen zu Hause ist, macht Stier Hoffnung auf Nachwuchs: „Um den 1. Mai herum ist Wurfzeit.“ Dann werde er häufiger herkommen. Er steigt zurück in sein Auto und fährt im Schritttempo die Wege ab, die das Wolfspaar häufig nutzt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen