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"Historischen Ornamentik" im Nordosten : DDR-Schildbürger halten sich hartnäckig

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Der Wissenschaftler Matthias Pfüller plädiert für einen sorgsamen Umgang mit Geschichte. DDR-Schilder mit Namen historischer Vergangenheit wie Karl Marx oder Karl Liebknecht müssten nicht zwingend verschwinden.

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erstellt am 12.Dez.2011 | 11:22 Uhr

Schwerin | In Schwerin musste er umziehen, in Grevesmühlen, Sternberg, Rostock, Bützow, Stralsund, Pasewalk durfte er bleiben: Karl Marx als Namensgeber für Straßen. Aus dem Zentrum der Landeshauptstadt verschwand der Name des Philosophen und Begründers der kommunistischen Ideologie 2005, um ein Jahr später im größten Plattenbaugebiet Schwerins wieder aufzutauchen. "Die große Welle von Umbenennungen ist aber vorbei", sagt Matthias Pfüller, Vorsitzender des Vereins politische Memoriale Mecklenburg-Vorpommern. "Die Wut, alles verändern zu wollen, hat sich abgeschwächt", so der Politologie-Professor.

Der Wissenschaftler plädiert für einen sorgsamen Umgang mit Geschichte. Marx könne nicht für die gesamte DDR-Vergangenheit verantwortlich gemacht werden, betont er. Auch Straßen, die nach den 1919 ermordeten KPD-Gründern Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg oder nach Clara Zetkin benannt wurden, müssten nicht zwingend verschwinden, findet Pfüller. So wie das Lenin-Denkmal in Schwerin, das inzwischen mit einer erklärenden Tafel versehen wurde, gehöre auch der russische Panzer in Lalendorf bei Rostock zur "historischen Ornamentik" im Nordosten. Lenin müsse ja nicht mehr als Vorbild angesehen werden. Doch der Begründer der Sowjetunion sei Element der kollektiven Identität im Osten.

Jahrelange Streits um Lenin und Co. schlugen in Bützow und Parchim hohe Wellen. Die Einwohner entschieden letztlich pro Lenin. So wird es laut Parchimer Bürgerentscheid die "Wladimir-Iljitsch-Lenin-Straße" weiterhin geben. Das Votum schließt Hans Beimler, Otto Nuschke, den früheren DDR-Volkskammer-Präsidenten Johannes Dieckmann und Otto Grotewohl ein.

Parchim habe aber auch seinen "größten Sohn", den Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke (1800-1891), nie infrage gestellt, kritisiert Pfüller. "Der war alles andere als ein lupenreiner Demokrat." Nach 1990 habe sich Parchim gar zur "Moltkestadt" küren wollen, letztlich aber nur den Platz der Arbeit zum "Moltkeplatz" ernannt. Ein Denkmal und Moltkes Geburtshaus würdigten "militärische, wissenschaftliche und literarische Leistungen" des Ehrenbürgers. Hunderte Kriegerdenkmäler, die schon zu DDR-Zeiten unangetastet waren, müssten dringend diskutiert werden, fordert Pfüller.

Denkmalschutz begründet im einstigen DDR-Musterdorf Mestlin bei Parchim das Straßenbild. Der Marx-Engels-Platz samt Kulturhaus, Parchimer und Ernst-Thälmann-Straße gelten seit den 1970-ern als Flächendenkmal, wie Bürgermeister Uwe Schultze sagt. "Sowas gibt’s sonst nirgends." Der kommunistische Arbeiterführer Thälmann, 1944 im KZ Buchenwald ermordet, findet sich auch in Rostock, Greifswald, Rehna, Neukloster, Wustrow, Brüel, Torgelow und Franzburg. Thälmann-Siedlungen gibt es in Malchow und Viereck bei Pasewalk. Stralsund erhält sein Thälmann-Denkmal an der Sundpromenade, dem früheren Thälmann-Ufer. Doch in MV habe der Hamburger Kommunist kaum biografische Spuren hinterlassen, sagt Pfüller. Die Namensgebungen seien also rein politisch und keinesfalls historisch motiviert gewesen. Die Beibehaltung der vielen Thälmann-Straßen sei daher "geschichtlicher Unfug".

Neubrandenburg strich 1991 nicht nur Thälmann vom Stadtplan, sondern auch Marx, Lenin, Pieck und Nuschke. Schwerin hielt nach Worten einer Sprecherin an Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung fest, die bis 1920 gewirkt haben, sowie an Kommunisten, die etwa als Schriftsteller Bedeutendes geleistet hätten wie Willi Bredel, Pionier der sozialistisch-realistischen Literatur, oder Johannes R. Becher, DDR-Kulturminister und Textautor der DDR-Nationalhymne.

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